Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 49 (7.12.1894)
- Date
- 1894-12-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 49. Wien, 7. Decembrr 18S4. Jahrgang XL Centralorgan für die gesummten Interesten des Iudenthums. 3fc --m *- H. ft. Postsparftasten-Amt ji : ,^ua,vrri» für Oesterreich: C l r a r i n g v rrkelr r!> Herausgeber: Reichsraths-Abgeordrieter vr. Stoch. Halbjährig 4 fl. - s Kr. Ne, 810.976. j[ .... Einzelexemplare 25 kr. *= Rrdactivn und Administration: Wien Franx Josefs-Quai Nr. 3. Telephon - Nr. 6535.! Erscheint jeden vf r e i t a <$. =$g Man abonnirk bei allen Postanstalten des In- und Auslandes. rür'» Ausland: halbjährig » fl. ---- 10 Kr. j | ganzjährig 10 „ 20 „ ,j Anzeigen: Die 4mal gespaltene! Petitzeile 12 kr. i* X-- " -E.^ Inhalt: Leitartikel: Die Bedeutung der Schulstistung des Baron Hirsch sür die Cultur der Juden in Galizien. — Der Fall Scherzen - La (juistione dacoromana e lo stato tmglierese. — Eine judenreine Der sichern,i gs-Gesellschaft. — Das 50jährige Jubiläum des israelitischen Taubstummen-Jnstitutes. — Anton Rubinstein. — New-Yorker Briefe. — Brunner Schatten. — Vom Jahrmarkt des Lebens. — Josef Münz. — Dr. Rudolf Ungerleider. — E o r r e > p o n d e nz en: Wien» Olmütz. Lemberg, Krakau. Schueidemühl. Paris, Rom, San Francisco. — Bermiscd t e s: Wien, Budapest. Proßnitz, Zlabings, Buczacz, Lugos, Stanislau, Trebitsch, Berlin, München, Sophia. Feuilleton: Der Vorbeter von Cham. — Literatur. — Briefkastcu. — Druckfehler-Berichtigung. — Inserate. Die Bedeutung der Schulstistung des Baron Hirsch für die Cultur der Juden in Galizien.*) Man schreibt uns aus Lemberg: In seiner Rede vom 5. November hat der Abgeordnete Dr. Bloch die Ergebnisse der Criminal-Statistik aus den Jahren 1889 und 1890 für die Beurtheilnng des Sittenzustandes und der Moralität der Juden in Oesterreich verwerthet. Die Anzahl der Juden in der gesammten Monarchie, welche wegen Vergehen und Verbrechen eine Berurtheilung erfahren, bleibt hinter dem Percentsatz, welchen die Juden als Theil der Gesammtbevölkerung ausmacken. Ueberdies befindet sich selbst diese Ziffer seit dem Jahre 1881 in constanter Abnahme. Die Statistik weist aber ein besonders günstiges Resultat für Galizien aus, dessen Juden die ärmsten und nothleidendsten sind. Wenn sie dessen ungeachtet in der Criminal - Statistik nicht nur nicht hinter den Glaubensgenossen der anderen Provinzen der Monarchie Zurückbleiben, sondern in einzelnen Ziffern noch günstiger stehen, so spiegelt sich darin das philantropische Wirken des edlen Baron Hirsch und seine unermüdliche Fürsorge zur Hebung der Cultur und Sittlichkeit unter den armen Schichten der galizischen Juderschast. Die Noth ist die ergiebigste -Quelle des Verbrechens, vor Allem der Vermögensdelicte, das Elend stumpft die moralische Feinfühligkeit ab und der Hunger führt mehr Menschen in die Arme der Schande und in die Strafhäuser, als unsere großmäuligen Pharisäer und satten Moralprediger ahnen. Die von den weitblickenden Philantropen Baron Hirsch eingesetzten Wohlthätigkeitsbureaus in Krakau und Lemberg mit einem jährlichen Budget von 144.000 fl. führen im großartigen Maßstabe den Kampf gegen die Noth, — die Quelle des Verbrechens. Diese Bureaus haben die Aufgabe, momentanes Elend nach Kräften zu lindern, zahlreichen gebrochenen Existenzen aufzuhelfen und die Gründung neuer Existenzen zu ermöglichen. Wenn nun mit der Entwicklung und Ausbreitung dieser Wohltbätigkeitsinstitute eine stete und consequente Abnahme jenes Verbrecher-Contingentes verbunden ist, welches auf die Juden nach Maßgabe ihrer Bevölkerungsziffer zu entfallen hätte, so zeigen sich darin die Früchte der segensreichen Saaten, welche der edelherzige Baron Hirsch alljährlich mit fürstlicher Großmuth ausstreut. Allein seit dem Jahre 1890, seit der Activirung der galizischen Sckulstiftung des Herrn Baron Hirsch beginnt für die Judenheii dieses Kronlandes eine neue Epoche, die sich in der Zukunft ungleich bedeutungsvoller gestalten wird. Den Einfluß in der galizischen Schulstiftung hat der Abgeordnete Tr. Bloch in seiner Rede kanm erwähnt, er verwies aaf die bereits sichtbar gewordenen Resultate, auf die bereits zur Reife gelangten Früchte; der Segen der Schulbildung kann naturgcmäß erst nach Jahrzehnten sich äußern, er kann erst zur vollen Geltung gelangen, wenn die junge in den Baron Hirsch-Schulen erzogene Generation in das bürgerliche Leben eintritt- Umso dringender dürste es erscheinen, wenn wir die Tragweite dieser Schulgründungen für die Zukunft der galizischen Judenschaft durch einige Ziffern erläutern. Will man die Wichtigkeit und Bedeutung der galizischen Schulstiftung verstehen und nach Gebühr würdigen, so muß man sich mit den Verhältnissen der Juden in diesem Lande vertrant machen. In Galizien befinden sich bei einer Bevölkerung von fünf Millionen circa 900.000 Juden zum großen Theile in Städten und Dörfern angesammelt, welche in den doppelten Banden deS geistigen und materiellen Elends dahinsiechen. Die jüdische Jugend wächst theils aus hergebrachtem Borurtheil der Eltern, theils wegen allzu großer Armuth derselben, sowie auch auS Mangel an öffentlichen Schulen zum überwiegend großen Theile ganz verwahrlost und verwildert, ohne jede Schulbildung auf. Um die Verhältnisse kurzweg zu charakterisiren, genügt er, darauf hinzuweisen, daß zur Zeit der Gründung der Stiftung von 54.000 schulpflichtigen jüdischen Knaben blos circa 15.000 die Wohlthaten des Volksschulunterrichtes genossen. Daß nur durch die Gründung von Schulen, die den confeffionellen Bedürfnissen der Juden entsprechen, der Bann der Unbildung gebrochen und die Heranwachsende Generation durch die Schule einer besseren Zukunft zugeführt werden kann, wurde schon frühzeitig, wenn auch nur von wenigen Auserwählten erkannt. So entstanden schon vor nahezu einem halben Säculum die jüdischen Schulen in T a r n o P o l und B r o d y. Allein die Bedeutung derselben blieb — und dies ist eine höchst symptomatische Erscheinung — eine rein UcaU und sie vermochte nickt über die Marken des eigenen Ortes hinaus auch nur den leisesten Lichtstrahl auf die finstere Umgebung zu werfen. Wir sehen in der nächsten Nähe dieser Städte von Juden dicht bewohnte Orte, wie Jezierna, Pvmorzany, Gliniany, Kozlow, Bialykamien, Öles ko rc., die mit einer zahlreichen jüdischen Bevölkerung der Sitz des finstersten Elends blieben und wohin nicht einmal ein Funke der Erleuchtung aus den größeren, der Wohlthat einer israelitischen Schule genießenden Städten drang. Ganz anders und mit viel tieferem Verständniß ist die Baron Hirsch-Stiftung an die Lösung ihrer schwierigen Aufgabe herangetreten. Sie hat nicht nur, unbeirrt von verschiedenen Gegenströmungen, das Uebel an der Wurzel erfaßt und ihr Hauptaugenmerk auf die Gründung von Volksschulen gerichtet, sondern sie hat, was nach unserer Ansicht ihr Hauptverdienst ist, gerade durch das Eindringen in die ärmsten und finstersten Ortschaften *) Wegen Raummangels verspätet.