Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 47 (23.11.1894)
- Date
- 1894-11-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 47. Wien, 23. November 1894. Jahrgang XI. Cenlralorgan fiir dir gesammten Interessen des Judrnthums. L. ft. Postsparrsstrn-Alnl Elraringverkehr Nr. 810.976. LrL«rtton und Adrninistrslion! Wien Frsnr Josrfs-Nuai Dr. 3. Telephon-Nr. 6535. X- »rrausgrbrr: Kerchsraths-Abgeordneter vr.KLoch. <■ «>■«* Erscheint jeden Freitag. .•>« 'M- M Man sbonnirt bri allen Pofianstaltrn dr» In- und Auslandes. $ Br;ug»prris für Srstrrrrirh: Halbjährig 4 fl. S Jtt. Einzelexemplare 85 kr. Für'» Ausland: halb^ihrig S ff. — IOÄr. ganzjährig 10 „ JO „ Anzeigen: Die 4mal gespaltete Petitzeile 12 kr. Inhalt: L e i t a r t i k e l : Ein Brief des Baron Hirsch — Der antisemitische Terrorismus in Wien. —Dem Gedächtniß eines Menschenfrenndes. — Eine Taaffe'sche Schutzschrift für die Inden. — Vom Jahrmarkt des Lebens. — Wolf Baß von Proßnitz.— Correspond e nz en: Wien» Graz, Bielitz, Raudnitz, Waagneustadtl, Kolonien, Berlin, Paris.— Vermif chtes: Wien, Prag, Lemberg, Buczacz, Mährisch-Ostrau, Goltsch-Jenikau, Berlin, Paris, Rom, Holland, Bern, Petersburg, Tlemeen, New-'Iork, Washington, Sydney. — Feuilleton: Der Vorbeter von Cham. —Literatur. — Briefkasten. — Inserate. Dem Herausgeber dieses Blattes ist von Herrn Baron Hirsch nachstehendes Schreiben zugegangen, welches neuerdings ein glänzendes Zeugniß ist für das intensive Interesse, womit der unvergleichliche Philantrop alle das Judenthum nur irgendwie tangirenden Geschehnisse verfolgt: Paris, den 17. November 1894 2. Rue de l’Elysee. Sehr geehrter Herr Doctor! Ich empfing den Abdruck Ihrer in der Sitzung des Oesterreichischen Reichsrathes vom 5. November gehaltenen Rede, die ich mit großem Interesse gelesen habe. Wenn Ihnen im Allgemeinen die volle Anerkennung unserer Glaubensgenossen gebührt für die mannhafte Art, mit welcher Sie stets für die Interessen derselben eintreten, so fühle ich mich veranlaßt, Ihnen meinen besonderen Dank auszusprechen für die sympathische Weise, in welcher Sie in Ihrer ausgezeichneten Rede vom 5. d. M. meiner Wirksamkeit für di? galizische Judenschast gedachten. Wenn dieselbe wirklich zur Hebung des sittlichen Niveaus der armen Glaubensgenossen Galiziens beiträgt, so betrachte ich dies als den schönsten Erfolg meiner Bestrebungen. Mit ausgezeichneter Hochachtung M. v. H i r s ch. Der antisemitische Terrorismus in Wien. Der große französische Historiker Ta ine hat in einer glänzenden geschichtsphilosophischen Ausführung den Nachweis geführt, daß es lediglich eine handvoll verwegener Gesellen war, welche aus dem Frankreich des Jahres 1789 das Frankreich des Jahres 1793 machte. Dem Wesen und Charakter des französischen Volkes waren die Massenmorde der jakobinischen Schreckensherrschaft ganz und gar fremd, aber der Terrorismus einer verschwindenden Minderheit hatte alle Energie und Thatkraft der erdrückenden Mehrheit vollständig lahmgelegt — der bourbonische Absolutismus hatte sich in einen jakobinischen Despotismus verwandelt. Das große Beispiel, das uns die französische Revolution von der einschüchternden Gewalt einer entschlossenen Minorität bietet, wiederholt sich immer wieder im Kleinen, und vielleicht nirgends ist es in der neuesten Zeit so deutlich in Erscheinung getreten, als in der Geschichte der Wiener antisemitischen Bewegung. Das alte Sprichwort, daß eine eiserne Stirne mehr werth ist als ein Meierhof, ist hier wieder einmal zur Wahrheit geworden. Die Mitglieder des antisemitischen Generalstabs lassen sich an den zehn Fingern herzählen. An Intelligenz und Rednergabe halten sie nicht entfernt den Vergleich mit den Talenten aus, über welche die liberale Partei verfügt — aber sie verfügen über Eines, was den Führern der liberalen Partei fehlt: über die gänzliche Verleugnung des Schamgefühls, über eine gründliche Gewissenlosigkeit in der Wahl ihrer agitatorischen Mittel und über eine nie erlahmende Agilität in der Bearbeitung der Massen. Der Terrorismus verschaffte ihnen zunächst die Oberhand in den Volksversammlungen. An der Spitze einer aus dem Abschaum der Bevölkerung gebildeten, fliegenden Colonne drangen sie in diese Versammlungen ein und bemächtigten sich entweder der Leitung derselben oder sprengten sie durch Scandale. Allmälig errangen sie dann Mandate in die Gemeindevertretung, in die Landes- und Reichsvertretung. Sie waren Wenige gegen Viele, aber man weiß, wie sie durch brutale Beschimpfungen, durch Nichtachtung und Verhöhnung des Präsidiums und seiner Anordnungen sich geltend zu machen wußten. Und ihre Verwegenheit, ihre Gewissenlosigkeit errang Triumph auf Triumph. Im Gemeinderathe waren sie infolge der verfehlten Taktik der Majorität bald die Herren der Situation. Statt ihnen energisch entgegenzutreten, statt die Uebermacht zu brechen, versuchte man es, sie vornehm zu ignoriren. Und heute compromittirt man mit ihnen und sucht sich ihre Gunst durch Conceffionen zu erkaufen. Nicht mehr die Geschäftsordnung, nicht mehr die gesunde Vernunft, nicht mehr die patriotische Hingebung an die Interessen Wiens herrschen in unserer Rathsstube, sondern der nackte Terrorismus des „Berges", der jakobinische Schrecken, i Und dieser Schrecken übt seine lähmende Wirkung auf immer weitere Kreise. In aller Erinnerung ist es noch, wie sich auch der verstorbene Landmarschall Graf Kinsky seinem Einflüsse im Landtage nicht entziehen konnte. Die Leitung der liberalen Partei vermag sich bei Wahlen in die öffentlichen Bertretungskörper an agitatorischer Kraft mit den Schreckensmännern nicht mehr zu messen, sie führt den Kampf nur noch mit schwächlicher Unentschloffenheit. Der Erfolg aber hat eine zauberische Gewalt. Der öffentliche Geist wird mehr und mehr durchsetzt von jener Brutalität, jener Unmoral, jener Nichtachtung gegen Gesetz und Recht, welche die charakteristischen Merkmale der antisemitischen Propaganda find. Ein unbefangenerBeobachter unserer Parlamentär iss che n Zustände, kann sich des Eindruckes nicht erwehrev, daß auch vor Allem dieMinister unterdemBanne diesesTerrorismus stehen. Wenn Verleumdungen der Behörden, Anwürfe gegen