Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-09-28 · 39 (28.9.1894) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
39 (28.9.1894)
Date
1894-09-28
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021007-3021047--03880-3028039
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 744 Vrstrrredtzyche MochrnschrM Nr. 39 Verstärkung gefunden, wie kein orthodoxer Jude mehr zu hoffen gewagt hatte. Ja, noch mehr: Diese alberne „Judenfrage" beherrscht in Oesterreich heute die ganze politische Situation, sie ist der Angelpunkt, um den sich aller politischer Calcul jetzt dreht. Dr. Lueger ist es, vor dem sie Alle erzittern: Liberale und Clericale, Priester und Minister, Civil- und Militär-Generale. Nicht was Verstand und Erfahrung, Wissen und Gewissen sagen, sondern was Dr. Lueger dazu sagen wird, ist für jeden Gesetzesvorschlag, für jede zu treffende Maßregel, ja für jede noch so timide politische Enunciation maßgebend. Hat der Ministerrath bei der Concipirung der Antwort aus die Interpellation xw. Deckert vielleicht an die liberale Partei, an den Hohenwart-Club, an die öffentliche Meinung der Gegenwart, oder an jene der Zukunft gedacht? Vielleicht an all diese Factoren gar nicht; ganz gewiß aber vielfach weniger an sie, als an den Lärm, den Dr. Lueger und Genossen machen werden. Mag diese Situation noch so lächerlich — denspäteren Geschlechtern noch so unbegreiflich erscheinen — das Alles ändert für die Juden nichts an der Nothwendigkeit, mit ihr zu rechnen und ihren Calcul darnach zu stellen. Für diesen Calcul dürfen die Factoren durchaus nur aus der actuellen Gegenwart geschöpft werden, nicht aus der Vergangenheit. Die Stellung der Juden istnämlich heute grundverschieden von jener, welche sie zum Beginne der politischen Bewegung in Oesterreich eingenommen haben. Damals im Jahre 48 standen sie schon durch die natürliche Neigung des bis dahin Unterdrückten und Rechtlosen mit unter den vordersten Kämpfern für Recht und Freiheit. Als sich dann zeigte, daß der Kern der Bewegung ihre Unterdrückung und die darauf folgende Militärherrschaft überlebt und aus der Bevölkerung heraus eine „liberale Partei" geschaffen hatte, waren die Juden die natürlichen gegebenen Verbündeten derselben. Was waren denn die ganz ehrlich gemeinten Grundgedanken des „Liberalismus"?: „Kein Classenr e ch t, kein Classeninteresse", sondern „G l e i ch es Recht für Alle". Was war sein — damals wirkliches — Programm? „Lebendiges Wirken für die volle geistige und materielle Entwicklung der gesammteu Bevölkerung". Keine Classe, keine Schichte nun war von dem „gleichen Rechte" mehr ausgeschlossen als die Juden, keine Schichte hatte demnach an der ehrlichen Verwirklichung dieses Programmes ein größeres, selbstverständlicheres Interesse als die Judenschaft. Die gesammten Juden betrachteten sich daher als mit der „liberalen Partei" solidarisch und für unauflöslich an sie gebunden. Sie waren während der Reaction 1850—60 die eifrigsten, rührigsten Propagatoren der liberalen Grundsätze und wirkten nach dem Wiedererwachen eines freien öffentlichen Lebens mit verdoppelter Energie und Eifer in den Reihen der „Liberalen". Die glänzendste Probe aber ihrer politischen Ehrlichkeit haben sie durch die Treue abgelegt, welche sie noch bis heute den besiegten Freunden, der unterlegenen Partei bewahrt haben. Diese Treue ist um so höher anzuschlagen, als die Juden gerade bezüglich des verhängnißvollen Streitpunktes, durch welchen die liberale Partei aus der herrschenden die unterlegene geworden ist, nämlich bezüglich der Orientpolitik unserer Monarchie, der ganz entgegengesetzten Meinung waren, als Herbst und die politischen Advocaten. Die Juden, praktisch in der Politik wie im Geschäfte, waren ausnahmslos überzeugte Anhänger der Occupatio» Bosniens. Nichtsdestoweniger blieben sie ihren Verbündeten unverbrüchlich treu. Graf T a a f f e bot alle Mittel auf, um die liberale Partei zur Unbedeutendheit herabzudrücken. In diesem politischen Schachspiele versuchte er. fort und fort die Juden gegen die Liberalen zu verwenden. Er legte von Anfang an einen besonderen Werth darauf, die Stimmen der Juden in Böhmen und Mähren, da sie in einer Reihe von Wahlbezirken zwischen Czechen und Deutschen entscheidend waren, der liberalen Partei zu entziehen. Er bestrebte sich, die Juden in Wien für den Grundstock einer den Liberalen ganz gefährlichen „Bolkspartei" zu gewinnen. Mehrmals und wiederholt, direct und indirect, stellte er den Juden als Preis für den Abfall von der liberalen Partei die Unterdrückung des eben entstandenen Antisemitismus in Aussicht. Die Juden waren gezwungen, zwischen der bald offenen, bald versteckten Unterstützung der antisemitischen Bewegung durch die ganze Macht der Regierung und dem Festhalten an den Verbündeten zu wählen. Sie haben gewählt und für die liberale Partei das Kreuz der antisemitischen Bedrängung durch änderthalb Decennien auf sich genommen. Was nun weiter in der jüngsten Vergangenheit gefolgt, ist sattsam bekannt. Der Wahlreform-Vorschlag Dr. S t ei n b a ch's, kein kühner Schritt, vielmehr durch die Art seiner Ausführung ein knabenhafter unüberlegter Streich, provocirte den beleidigten polnischen und deutschen Adel im Parlamente zu einer Conspiration gegen Taaffe; durch den Beitritt der deutsch-liberalen Partei zu dieser förmlichen Adelsverschwörung gewann die Conspiration des Adels nach Außen die Gestalt einer Coalition der „bürgerlichen" Parteien. Die Juden waren seit einem halben Jahrhundert von der liberalen Partei gleichsam zu ihrem lebenden Inventar gerechnet worden. Ein solches wird von dem Besitzer mit verhandelt. Sie waren also natürlich jetzt von ihren Verbündeten um ihre Meinung nicht gefragt worden. DenJuden war allerdings die neue politische Compagnie nichts weniger als sympathisch. Mitihrem praktischen Blicke mußten sie sofort herausfinden, daß die Coalition für die Liberalen durchaus eine Capitulation bedeute. Ihnen war sofort deutlich, daß die neue Situation zwar den Wünschen der erbgesessenen Parlamentarier entsprach, den Ausgedienten, welche ihre alten Tage in Ruhe und im Genüsse ihrer Mandate im Reichsrathe, in den Landesausschüssen u. s. w. verleben wollten; daß sie, die Juden, es aber wären, welche die Kosten des Friedenschlusses, den Unterhalt der neuen Verbindung bezahlen müßten. Immerhin wurde von ihrer Seite keine Opposition laut. Sie wollten nicht den Vorwurf auf sich laden, eine so vielseitig als erwünscht angesehene Constellation zu stören. Sie durften doch zumindest, und das war der Hauptbeweggrund, mit allem Rechtehoffen, nach der mehr als zehnjährigen antisemitischen Hetze jetzt während des Bestandes der Coalition eine gewisse Schonzeit für sich, wie man sie ja jedem jagdbaren Wilde zugute kommen läßt, eintreten zu sehen. Und was ist nun in der That geschehen?! Einer der wenigen wirklichen Liberalen, ein Mann, in welchem das Partei-Interesse das Rechtsgefühl noch nicht ersäuft hat, Dr. Max Meng er hat auf diese Frage im Abgeordnetenhause eine weithin schallende Antwort gegeben! „Warum sind gerade die Juden vogelfrei" rief er laut und mit Entrüstung, „warum darf nur gegen diese ungestraft gehetzt werden?" Warum, fragen w i r, hat die Coalitionsregierung diese von Dr. Meng er ihr zugeschleuderte schwere Anklage nicht zurückzuweisen vermocht, warum hat keiner seiner liberalen College» ihm die aufklärende Antwort zu Theil werden lassen? Die Regierung konnte die Anklage nicht zurückweisen und die liralen Collegen konnten keine Antwort geben, welche nicht zugleich eine weitere schwere Anklage gegen die liberale Partei selbst enthalten hätte^ Aber der springende Punkt in der Situation für die Juden liegt gar nicht in der antisemitischen Hetzpresse. Wir würden keinen Vortheil darin sehen, antisemitische Märtyrer zu schaffen, und die Hauptgefahr für die Juden liegt auf einer anderen Seite. Geht es nämlich im Parlamente so weiter fort wie seit Schaffung der Coalition, so wird bei der bisher documentirten geringen Widerstandsfähigkeit der liberalen Partei unbedingt Folgendes eintreten. Ohne Widerstand der Partei als solche und mit Zustimmung eines nicht kleinen Theiles ihrer Mitglieder wird eine Reihe von Gesetzen kommen, welche zwar nicht die officielle antisemitische Uniform tragen, aber thatsächlich Judengesetze sein werden. Man wird allerdings nicht wieder ein „Judenamt", wie wir es noch in unserer Jugend in Wien gekannt haben, einrichten. Officiell auf das Niveau Rumäniens und Rußlands zu fallen, wird man immerhin eine gewisse Scham beobachten. Aber braucht es denn dieses offenen Hinabsteigens unter das Cultur-Niveau Europas? Nein, denn es zeigt schon die heutige Erfahrung, daß die Herren das gleiche Ziel auch ohne diese officielle Prostituirung erreichen. Verbietet vielleicht heute ein Gesetz, einen Juden als Auscultanten bei den Gerichtsbehörden, ja auch nur als Praktikanten bei den Bezirkshäuptmannschaften oder selbst bei den Staatsbahnen anzustellen?! Gewiß nicht! Wird nicht jeder, auch der befähigste Jude von alleu Amts-Chefs zurückgewiesen? Aber man wird sich mit dieser Ausschließung von allen öffentlichen Aemtern allein nicht begnügen. Es droht uns eine noch ungleich größere Gefahr. Man wird noch neue legislatorische Maßregeln schaffen, welche diese Proscribirung auf einem ungleich weiteren, dem socialen Gebiete,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.