Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 36 (7.9.1894)
- Date
- 1894-09-07
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 688 Vrsterreichiptzr Ivochenschrifl Nr. 36 wir, nicht gefördert, sagen wir blos: geduldet hat? Der Herr Handelsminister, der sich so gerne als steirischer Landesvater fühlt, kennt genau das sittliche Niveau, seiner braven Steirer. Ec hat ja wohl auch den Grazer Jungfernbaum gesehen? Die Blätter dieses Baumes sind nach dem Zeugnisse eines unserer tüchtigsten, richterlichen Beamten viel begehrt, aber schwer zu haben, denn der Baum ist immerfort entlaubt. Dem Grafen Wurmbrand war der Schwindler Koppenheier höchst sympathisch, obgleich oder vielleicht weil er sich ihm als christlicher Arier genähert hatte. Und da sollen die Fremden, Juden oder Christen, ihr Geld in die Steiermark importiren? In M u r e ck hat man von dem Ingenieur Heide verlangt, daß er sein Christenthum nachweist, und die anwesenden Damen haben zu diesem Ansinnen gelacht. Was wird man dann erst Von den Fremden fordern? Will man vielleicht Herrn Dr. B r a g a s s y zur amtlichen Untersuchung derselben anstellen? Der wohlhabende Jude meidet die steirischen Berge und der christliche Fremdländer fürchtet, er könnte für einen Juden gehalten werden. Eine braune Hautfarbe, eine ckrummgebogene Nase führen oft unabsehbare Conflicte herbei, können zum Verhängniß werden. Wer sich der arischen Rasse nicht rühmen darf oder nach dieser Richtung einem Verdachte ansgesetzt ist, steht in der Steiermark außerhalb des gemeinen Rechtes; die elementarsten Pflichten des Anstandes und der Sitte treten gegen ihn außer Geltung. Herr Graf W u r m b r a n d hat neidvoll auf das glückliche Tirol hingewiesen, nach welchem der Zuzug der Fremden von Jahr zu Jahr steigt. Aber hat er sich auch die Ursachen dieser Erscheinung klar gemacht? Tirol ist das Land der Glaubenseinheit, seine Bevölkerung ist eine frommgläubigkatholische, aber im Verhältniß zur Steiermark ist es geradezu das Eldorado der Toleranz. Talent, Wissen, Charakter haben auch in Innsbruck eine Geltung, in Graz gilt blos die — Rasse. In Innsbruck ist seit zwanzig Jahren ein Jude Mitglied des Stadtrathes und Obmann der Finanzsection und auch der Vicepräsident der Tiroler Handelskammer ist ein Jude. In der Schweiz fragt man den Fremden nicht nach seinem Glauben und seiner Abstammung, dort wird Jedermann mit herzerquickender Gastfreundschaft ausgenommen. Das ist das ganze Geheimniß der Bevorzugung, deren sich Tirol und die Schweiz bei den Fremden zu. erfreuen haben, und wenn die steirischen Notabeln mit dem Grafen Wurmbrand an der Spitze den Fremdenverkehr haben wollen, so müssen sie sich sagen, daß die Förderung des Fremdenhasses hiezu nicht das geeignete Mittel ist. In den Antisemitismus mischt sich ein gut Theil Neid und Habgier. Jeder Wohlhabende, ob Christ oder Jude, der nach der Steiermark käme, würde dort mit scheelen Augen angesehen werden. Auf solche Weise wird man den „Import des Geldes" nicht ermöglichen. Die Steirer sind stolz darauf, „Urdeutsche" zu sein, ein Land aber, das sich den Fremdenverkehr erschließen soll, muß einen kosmopolitischen Zug aufweisen. Das ist in der Schweiz der Fall, wo noch kein Christ auf sein Christenthum geprüft und keinem Juden ein Vorwurf aus seinem Judenthum gemacht wurde. Anti semitische Arbeitersreundlichkeit. Vor zwei Wochen kam der in der Wien-Floridsdorfer Locomotiv-Fabrik beschäftigte Arbeiter Schindler durch einen Unglückssall ums Leben. Er gerieth mit dem Kopse zwischen die „Mitnehmer" einer Planscheibe und blieb mit zerquetschtem Schädel lobt auf dem Platze. Die sofort eingeleitete polizeiliche Untersuchung stellte fest, daß an dem Unglück die Betriebsleitung Schuld trage, weil dieselbe die bereits wiederholt geforderte Beseitigung der lebensgefährlichen „Mitnehmer" unterlassen und keinerlei Schutzvorrichtungen für die Arbeiter getroffen hatte. Die Vornahme der erwähnten Aenderung hätte einen Arbeitstag in Anspruch genommen und auf diesen wollte die Direction nicht verzichten. Bei der Untersuchung wurde auch der Arbeiter Schumann als unmittelbarer Zeuge des Unglückssalles einvernommen und dieser gab der Wahrheit gemäß zu Protokoll, daß der Werkführer S k o l a t allen Mahnungen zum Trotze keine Vorkehrungen zum Schutze der täglich unter Lebensgefahr stehenden Arbeiter traf. In Folge dieser Aussage wurde Schumann entlassen und ihm die Wohnung in den Arbeiterhänsern gekündigt. Die Direction bestraft also den Arbeiter S ch u m a n n dafür, daß er seiner gesetzlichen Zeugenpflicht nachtam, in brutaler Weise, indem sie ihn auf die Straße setzte. Der also Gemaßregelte hatte die Wahl, entweder das Verbrechen des Betruges durch falsche Zeugenaussage zu begehen und hiesiir in den Kerker geworfen zu werden oder für seine wahrheitsgemäße Deposition mit den Seinen dem Hunger preisgegebcn zu werden. Dieser Vorgang hat unter der Floridsdorfer Arbeiterschaft umso größere Entrüstung erregt, als die Fälle rücksichtsloser Brutalität von Seite der Direction und Beamtenschaft der Locomotiv-Fabrik gegenüber der Arbeiterschaft nichts Seltenes sind. Das Interessanteste bei der Sache ist aber der Umstand, daß diese Beamtenschaft vom Procuristen G u s s e n b a u e r bis herab zum. letzten Werkführer durch und durch antisemitisch ist und den Kern der antisemitischen Agitation in Floridsdorf bildet. Die arische Nächstenliebe im Sinne des Pater S ch na b l feiert da wieder einmal ihre Triumphe. Als der Arbeiter Schindler getödtet wurde und seine Genossen entsetzt herbeicilten, rief einer der Werkführer mit einer Gesühlsrohheit sondergleichen ihnen zu: „Was wollt's denn, ihr alten Weiber, er is ja eh' schon hin!" Am vorigen Montag fand in Floridsdorf eine Arbeiterversammlung statt, in welcher über die erbarmungslose Behandlung der Arbeiter seitens der antisemitischen Fabriksleitung haarsträubende Details erzählt wurden. Im Verwaltungsrathe der Locomotivfabriks-Actiengesellschast sitzen die Herren R. v. Hornbostel, Max R. v. Gutmann, Director Jul. H; r z und der liberale Abgeordnete Dr. v. S o m m aruga. Hauptactionar der Gesellschaft ist eines der angesehensten Mitglieder der liberalen Partei, Herr Miller v. Aich holz. Wir sind überzeugt, daß alle diese Herren von den Vorgängen in der Fabrik und insbesondere von den antisemitischen Hetzereien der Beamten keine Kenntniß haben. Es wäre sonst unmöglich, daß die Herren Gussenbauer und Genossen so ungestört und zur Entrüstung der ganzen Bevölkerung ihr Unweien treiben ckbd der Gesellschaft den Haß der letzteren zuziehen könnten. Der jüngste Vorfall ist jedoch geeignet, der Verwaltung die Augen zu öffnen. Wenn die arisch-christliche Nächstenliebe der Herren noch weiterhin solche Blüthen treibt wie bisher, dann kann es einmal in der Locomotivfabrik zu bösen Dingen kommen, eine Eventualität, welche gewiß nicht in den Intentionen der vorgenannten Berwaltungsräthe gelegen ist. Vom Jahrmarkt drs Lebens. Antisemitische Kleptomanie. Die „U. D. W." Nr. 27, 1894 sind in der Lage, ein neues Stück journalifttscher Verkommenheit des Bergani der Oesientlichkeit zu übergeben. Es ist eine lustige Illustration zur antisemitischen Schriststellerei.Carl A. T aväst j e rn a veröffentlichte „Touristeneindrücke", betitelt: Eine Reise durch Schweden. Die Veröffentlichung ist ausdrücklich mit dem Vermerk verzeichnet: „Nachdruck verboten". Ernst Vergant nun, verösfentltcht im Juli und August dieses Jahres im „Deutschen Volksblatte" eine Beschreibung der Reise des Gesangvereines der österreichischen Eisenbahnbeamten, unter dem Titel: „Durch Skandinavien", und von ihm mit E. V. gezeichnet. Weß geistiges Eigenthum diese Schilderungen sind, ergibt folgende Constatirung. Als Probe der Schamlosigkeit dieses „Superlativ c y n i s ch e r C o r r u p t i o n" bringen wir hiemit Folgendes: