Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 27 (6.7.1894)
- Date
- 1894-07-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 27. WirN) 6. Juli 1894. Jahrgang XI Crntralorgsn für die grfammten Interessen des Iudenthums. K. ft. Postspsrcastrn-Amk Tlearingv erkehr Nr. 810.976. ArLarlion und Administration: Wien Franz Josrfs-Nuai Nr. 3. Telephon-Nr. 6535. K Hrrausgeber: Rerchsraths-Adgeordneter vr. Kloch. 'H1 Erscheint jeden Freitag. -«i" Man adonnirt bei allen Postanstalken des In- und Auslandes. & Sr;ug»prris für Oesterreich: Halbjährig 4 fl. — 8 Ar. Einzelexemplare 25 kr. Für'» Ausland: halbjährig ü fl. — 10 Ar. ganzjährig 10 „ — 20 „ Anzeigen: Die 4mal gespalte Petitzeile 12 kr. Inhalt: Leitartikel : Die Ehrfurcht vor dein Lehrer. — Ein Triumph des Judenthums. — Ein antisemitischer Ehrenmann mehr. — Bergani's Moral. — Teutobold's wahrheitsgetreue Berichte. — Vom Jahrmärkte des Lebens. — Der Kampf ums Recht. — Zur Geschichte der Judengemeinde Prvßnitz. — Jbseu's Gott. — E o r r e sp on d enzen: Wien, Lemberg, Marienbad, Llmütz, Proßuitz, Radautz, Berlin, London, New-?)ork. — Vermischtes: Wien, Lemberg, Llmütz, Mührisch-Ostrau, Kruman, Sereth, Stanislau, Buczacz, Fürth, Braila, London. — Feuilleton: Im stillen Städtchen. — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. Die Ehrfurcht vor dem Lehrer. „Wehrhafte deutsche Jünglinge" haben gegen den gefeiertsten klinischen Lehrer der Wiener Universität, gegen einen Arzt, dessen Ruhm die Welt erfüllt und dessen wissenschaftliche Größe nur von seiner eigenen Menschenliebe überragt wird, eine Reihe wüster Scandale inscenirt und sich zu Richtern über seine außerhalb des Hörsaales bethätigte politische Gesinnung aufgeworfen. Das Memorandum der „deutschen Studentenschaft und der anderen arischen Nationen", welches in den antisemitischen Blättern zur Veröffentlichung gelangte, wird ein ewig denkwürdiges und trauriges Zeugniß für die Verwüstungen sein, welche der Antisemitismus in den Herzen und den Köpfen unserer studrrenden Jugend angerichtet hat. Aus ihm spricht jene krankhafte Ueberreizung des rein physischen Kraftbewußtseins und jene nicht minder krankhafte Geringschätzung der geistigen Arbeit, welche das charakteristische Merkmal aller Anhänger der Rassenhetze bilden und welche zu einer unsäglichen Verrohung nicht nur der unteren Volksschichten, sondern auch der sogenannt gebildeten Kreise und in diesen namentlich der jüngeren Generation geführt haben. Wir sprechen nicht von der politischen Seite der jüngsten Vorgänge an der Wiener Universität, nicht von Antisemitismus, seinen Ursachen und Wirkungen. Wir sind von den Vorkommnissen nicht überrascht und vermögen uns darüber nicht übermäßig zu entrüsten. Daß Reserve-Officiere, deren es nicht wenige unter den Studenten gibt, es mit ihrer Ehre und ihrer Gesinnung verträglich hielten, durch antipatriotische und antidynastische Gesänge in der Aula der Universität zu demonstriren, bringt uns so wenig in Harnisch wie etwa die trübselige Wahrnehmung, daß die künftigen Träger des ärztlichen Berufes, der wie kein zweiter Liebe, Mitleid, Theilnahme und Mitgefühl für die leidende menschliche Creatur zur ersten Voraussetzung hat, einem wahnwitzigen Cultus grimmigsten Menschenhasses rettungslos verfallen sind, der sie eher zu Schindern und Scharfrichterknechten qualificiren möchte. Mit den Musensöhnen des Antisemitismus, sagt der „Pester Lloyd" nicht ohne Fug, ist nun einmal nicht zu rechten. Es fällt uns niemals ein, den unheilbaren Cretin überreden zu wollen, er möge so freundlich sein, etwas geistreicher zu denken. Für einen Buckligen werden wir alles Mitgefühl empfinden, aber wir werden selbstverständlich nicht versuchen, ihn von seinem antisemitischen Höcker durch die Kraft der Argumente zu befreien. Wir sprechen lediglich von dem ethischen Momente des Berbältnisses der Schüler zu ihrem Lehrer, zu einem Lehrer von dem Rufe und der Bedeutung Nothnagel's! Weit hinaus über die Grenzen unseres Vaterlandes ist dieKunde von der unerhört dreisten Forderung der „deutschen Studenten und der anderen arischen Nationen" gedrungen, Hofrath Nothnagel möge wegen seiner politischen Gesinnung vom akademischen Senate gemaßregelt werden, und wieder einmal blickt das Ausland befremdet und verwundert aus Zustände, welche den Stempel österreichischer Eigenart an sich tragen. Österreichischer Eigenart? Nicht doch — wir sagen mit diesem Worte zu viel und zu wenig. Oesterreichisch ist vielleicht nur die Gemüthlichkeit, mit welcher man die „Forderungen" der „wehrhaften deutschen Jünglinge" entgegennahm und tagelang diseutirte. Die Rohheit aber, welche in jenem Memorandum und in den lärmenden Demonstrationen zu Tage trat, die Mißachtung wissenschaftlicher Größe, die Geringschätzung des Lehrberufes in einem seiner leuchtendsten Vertreter, die Pietät- und Ehrfurchtslosigkeit vor dem eigenen Lehrer, dem man die wissenschaftliche Ausbildung dankt, ist nicht eine specifisch österreichische, sie ist eine arische Rasseneigenheit, welche weit in Geschichte der Vorzeit zurückreicht und, befördert durch das Gift des Rassenhasses, hier wieder einmal mit brutaler Gewalt zum Durchbruch gelangt ist. Die Ehrfurcht und Ehrerbietung vor dem Lehrer ist ein semitisches Rassenmerkmal — wir sind beinahe eines objectiven Urtheiles über die Brutalitäten unserer arischen Musensöhne unfähig. Uns ist der Lehrer sacrosanct, er steht uns am höchsten. Moses gehört zu den größten Gestalten der Menschheitsgeschichte. Er hat sein Volk vom Sclavenjoche befreit und es aus Egypten an die Schwelle des gelobten Landes geführt, er hat gewaltige Kämpfe mit feindlichen Völkerschaften bestanden und eine Reihe siegreicher Schlachten geschlagen, er war einer der tapfersten Krieger und einer der größten Staatsmänner. Und dennoch Preist ihn das Judenthum nicht als Heerführer und Bolksbefreier, es nennt ihn nicht den Religionsstister und Gesetzgeber, es erweist ihm die höchste Ehre, indem es ihn immer nur „Moses, unserLehrer" nennt. Und nicht anders ist Jesus von seinen Jüngern genannt worden. Sie nannten ihn „Rabbi", d. h. Lehrer. Tief im Gemüth des jüdischen Volkes wurzelte und wurzelt noch heute die Ehrfurcht vor dem Lehrer. Auch der größte Gelehrte scheute sich in einer Versammlung das Wort zu ergreifen, wenn sein ehemaliger Lehrer anwesend war, ehe er nicht die Erlaubniß zu sprechen von diesem eingeholt hatte. Die öffentlichen Redner wurden nicht müde, zur Verherrlichung der Lehrer immer neue Bilder zu ersinnen; man nannte sie die wahren Nachfolger der Propheten (Sabbat 119b), die ewigen Gestirne am blauen Horizont (Baba bathra 8b); sie werden einst zur Rechten Gottes sitzen. Den Schülern wurde eingeschärft, die Ehrfurcht vor dem Lehrer nicht minder hoch zu achten, als die Ehrfurcht vor Gott (Aboth 4, 15). Geriethen Vater und Lehrer zugleich in fremde Gefangenschaft und Sclaverei, so galt die gesetz-