Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 22 (1.6.1894)
- Date
- 1894-06-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3020846-3021007-3021030--03542-3027684- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Vr. 22. Wien, 1. Juni 1894. Jahrgang XI. Trntralorgan für die gesammten Interessen des Iudrnthums. K. n. Postspsrcaffrn-Rmk Elraringd erkrhr Nr. 610.976. Drdarllon und Administration: Wien Fran; Josrfs-Nnai Nr. 3. Telephon-Nr. 6535. m ■ - —— -^- Herausgeber: Reichsralhs-Avgrordnelrr vr. KLoch. -- -M»-—fr- Erscheint jeden Freitag. -—- Man abonnirt bei allen PofianstaUrn des In- und.Auslandes. m Sezugsprris für Vrflrrrrirh: Halbjährig 4 fl. — 8 Ar. Einzelexemplarr 25 fr.; Für'» Ausland: \ halbjährig 5 fl. — 10 Ar. ganzjährig 10 „ — 20 „ Anzeigen: Die 4inal gespaltete Petitzeile 12 kr. i| * ■' ■= —- -* Inhalt: Leitartikel : „Lasset alle Hoffnung schwinden." — Lueger's Verdächtigungen gegen jüdische Exportfirmen. — Ahlwardt am Rhein. — Pan Verganew. — Aus der Rede des Abgeordneten Dr. Menger in der Sitzung des Abgeordnetenhauses vom 23. Mai 1894. — Galizische Landesausstellung. — Vom Jahrmärkte des Lebens. — Rumänischer Antisemitismus. — Correspondenzen: Wien, Budapest, Prag, Triesch, Czernowitz, München. — Vermischtes: Wien, Brünn, Gurahumora, Prag, Sassin, Neu-Sandec, Paris, Rom, Sofia. — Feui Ilet an: Elje Belfer. — Briefkasten. — Eingesendet. — Inserate. „Lasset alle Hoffnung schwinden!" Die schaurigen Worte, welche Dante vor dem Eingänge der Unterwelt den Seelen der Abgeschiedenen entgegenleuchten läßt, rufen wir heute unseren Glaubensgenossen zu. Der Herr Ministerpräsident hat in der Sitzung des Abgeordnetenhauses vom 28. d. M. die Interpellation der Abgeordneten Noske und Wrabetz in Angelegenheit der Hetzpredigten des Pfarrers Deckert beantwortet. Glatt und kühl erklärt die Regierung, daß die Staatsanwaltschaft in den vom Pfarrer Deckert veröffentlichten Broschüren einen Grund zu einer Amtshandlung nicht gefunden, daß der Inhalt der gehaltenen Predigten einen Anlaß zu behördlichem Einschreiten nicht geboten, daß auch das fürsterzbischöfliche Ordinariat zu einem Vorgehen gegen Pfarrer Deckert auf Grund der kirchlichen Gesetze einen Anlaß nicht gehabt und daß endlich für die Regierung eine Veranlassung zu einer weiteren Verfügung nicht gegeben ist. Zum Schluffe bemerkt der Ministerpräsident, die Regierung müßte es lebhaft bedauern, wenn auf der Kanzel Töne leidenschaftlicher Unduldsamkeit angeschlagen worden wären. Die Hetzpredigten des Pfarrers Deckert sind wohl das Aeußerste, was der Antisemitismus bisher an schamloser Verhöhnung der Gesetze und fanatischer Aufreizung zu Haß und Gewaltthätigkeit gegen die Juden geleistet hat. Nicht unter der jüdischen Bevölkerung allein, sondern auch in christlichen Kreisen erhob sich ein Sturm der Entrüstung, als der Wortlaut dieser Predigten bekannt wurde und als man das berüchtigte „Juden- Vaterunser" las, welches der hochwürdige Hetzer in der Kirche von Schulkindern hatte colportiren lassen. Die Grundlagen des katholischen Glaubens wurden verspottet und besudelt, das heiligste Gebet zum Fluche umgewandelt, die Kanzel, von welcher das Evangelium der Liebe verkündet werden sollte, zur Aufstachelung der 'bestialischesten Jnstincte mißbraucht. Die Regierung aber antwortet auf eine diesbezügliche, von christlichen Abgeordneten an sie gestellte Anfrage, daß sie und ihre Organe in alledem nichts Ungesetzliches, nichts Strafbares gefunden haben, ja sie stellt sogar durch den Schlußsatz ihrer Antwort, welcher für den Ausdruck eines rein platonischen Bedauerns die hypothetische Form wählt, dem Pfarrer Deckert indirect ein Wohlverhaltungs-Zeugniß aus. Bor uns liegt das Programm, mit welchem das Ministerium Windischgrätz-Plener die Erbschaft des Grafen Taaffe übernommen hat. In diesem Programme verspricht die Coalitionsregierung, daß sie „Offenheit und Wahrheit im öffentlichen Leben" walten lassen werde und zu „entschiedener Abwehr aller den Frieden des Staates und die allgemeine Wohlfahrt störenden Elemente" entschlossen sei. Wenn schon die bisherige stillschweigende Duldung der seit Beginn der Coalitionsära in's Maßlose gesteigerten Judenhetze, wenn schon die Antwort, welche der Ministerpräsident vor wenigen Monaten einer Deputation des Vereines zur Abwehr des Antisemitismus ertheilt hatte, berechtigte Zweifel darüber wachrief, ob es die Regierung mit diesen feierlichen Zusicherungen ernst meine, so darf die jüngste Antwort des Cabinetschefs direct als eine Verletzung des Regierungsprogrammes bezeichnet werden. Diese Antwort ist weder offen noch wahr, und weit entfernt davon, das Treiben friedensstörender Elemente abzuwehren, ist sie vielmehr geeignet, dieselben direct zu ermuthigen. Die Erfahrungen der jüngsten Zeit haben uns zur Genüge darüber belehrt, daß wir uns in dem Ausdrucke unserer tief verletzten Empfindungen die größte Reserve auferlegen müssen. Die Hetzpredigten des Pfarrers Deckert durften anstandslos publicirt werden, die von uns unternommene Abwehr jedoch verfiel der Confiscation. Die Rücksicht auf die besondere Aufmerksamkeit, welche uns der Herr Staatsanwalt zuwendet, verbietet uns daher, unsere Meinung über die Antwort des Ministerpräsidenten mit jener Offenheit und Wahrheit zu sagen, welche wir in der Erklärung des Cabinetschefs so schmerzlich vermissen. "Wir fintr schon auf dem Punkte angelangt, unsere Worte genau abwägen und sorgsam überdenken zu müffen, wenn uns auch der lodernde Zorn im Herzen brennt und wenn wir auch fühlen, daß die Mauern des politischen und gesellschaftlichen Ghettos, in welches man unsere Glaubensgenossen wieder einpferchen will, immer höher wachsen. Was bleibt uns Juden noch zu sagen übrig, wenn die Coalitionsregierung, auf die wir unsere Hoffnungen gebaut, an den Frevelthaten eines Deckert nichts Anstößiges findet? Die Klage, daß wir uns vogelfrei fühlen, darf nicht über unsere Lippen, denn der Staatsanwalt könnte ja darin eine gehässige Kritik der Handlungen und Unterlassungen der Regierung erblicken. Aber Eines dürfen wir constatiren, denn es betrifft nicht uns, sondern die Gesammtheit der bürgerlichen Geiellschaft und des staatlichen Organismus. Die Aufgabe, welche das Ministerium Windischgrätz-Plener zu lösen versprochen hat, war die Zurückdrängung der extremen Parteien. Diese Aufgabe hat es bis heute nicht nur nicht erfüllt, es hat ihr im Gegentheile direct entgegengearbeitet, es läßt den extremen Parteien die freieste Bahn zur Unterwühlung aller Grundlagen der gesellschaftlichen Ordnung und es richtet seine Strenge gegen eine Classe von Staatsbürgern, welche wohl ein Anrecht darauf erworben haben, als die treuesten Anhänger dieser Ordnung zu gelten. Die Regierung und ihre Organe hüben in dem Auftreten des Pfarrers Deckert keine Ungesetzlichkeit gefunden. Der Ministerpräsident beruft sich darauf, daß ja der authentische Text der Predigt des Pfarrers Deckert nachträglich nicht festgestellt SS i 1 'riTfgm^jgaMagflaiiBiMaattagattgiBaiiaaa