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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-05-18 · 20 (18.5.1894) · page 23

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
20 (18.5.1894)
Date
1894-05-18
Page
– (sequence 23)
Language
German
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Seite 402 Oesterrrichifchr Wochenschrift Nr. 20 das niedliche Haupt gewickelt. Das regelmäßig gebildete Gesicht, das zarte blaue Auge, die feine, fast durchsichtige Haut mußte Jedermann auffallen und in ihm Zweifel erwecken, ob das Mädchen das Kind des armen Hausirers sei. Was die Erziehung und Geistesbildung anbelangt war Blümchen, wie alle Mädchen der damaligen Zeit in den profanen Gegenständen gänzlich unwissend, dafür hatte sie ihr Großvater :— so nannte sie Schamsche — in der Wahrheit unserer heiligen Religion gründlich unterwiesen, sie kannte die meisten Gebete auswendig, wußte aber auch in der Geschichte des israelitischen Volkes, iit seinen Gebräuchen und Satzungen gründlichen Bescheid. Schamsche war darauf nicht wenig stolz, denn das war sein Werk, er lehrte sie Gott und seine Wege und seinen Geist im Walde, wie auf dem Felde, auf der Heerstraße, wie auf der blumigen Wiese erkennen. In R.... g angekommen, unternahm Schamsche unter der Führung seines Blümchens einen Gang durch die Stadt, um da seine Waaren, Zizis, Tefilin und Mesusos zum Kauf änzubieten. So gelangten sie auch in das Haus eines sehr reichen und frommen Israeliten Namens Rosenheimer. Dem reichen Handelsherrn fiel das schöne Mädchen auf, er bewunderte dasselbe und staunte zugleich, wie ein solches Geschöpf an dem ewigen Herumziehen Gefallen finden konnte. Herr Rosenheimer ließ sich mit dem Mädchen in ein Gespräch ein und fand an ihren Antworten Wohlgefallen. „Wem gehörst Du, mein Kind?" Blümchen antwortete bescheiden: „Mein Vater heißt Chajim und dieser hier ist mein Großvater Schamsche Koppel." „Sag mir, liebes Mädchen, gefällt denn Dir das Herumziehen in der Welt? Würdest Du nicht lieber in einem Hause dienen?" Blümchens Angesicht erröthete und ihre großen blauen Augen hasteten lange auf dem vornehmen Herrn. „Ach Herr," sprach sie dann, „ich ginge gerne in einen Dienst, wenn ich nur eine Arbeit so recht verstünde und meine Eltern mich von sich ließen." „Ist dies Dein Ernst?" „Gewiß, Herr!" „Wolltest Du bei mir bleiben?" „Recht gern, wenn es meine Eltern erlauben." „Gut, ich will mit ihnen reden." Herr Rosenheimer beschied den Vater Chajim Koppel und Blümchen für den nächsten Tag zu sich. Chajim war nicht wenig erstaunt, als ihm Herr Rosenheimer statt einer Arbeit den Antrag machte, ihm Blümchen ganz zu überlasten. Er wollte anfangs gar nichts davon hören, erst nach eindringlichem Zureden des Herrn Rosenheimer, der es ihm dringend ans Herz legte, daß er als Vater etwas für die Zukunft seines Kindes thun müsse und daß für ein Mädchen ihres Alters das ewige Herumziehen in der Welt nicht passend sei. Ich mache Euch den Vorschlag, das Mädchen mir zu überlassen, ich will für dasselbe sorgen, wie ein Vater, ihr könnt dies ganz getrost thun! Endlich erkürte Chajim ohne Einwilligung seines Vaters könne er nichts thun, er wolle sich mit diesem berathen, auch das Mädchen müsse gefragt werden und morgen wolle er Herrn Rosenheimer die Antwort bringen. Am folgenden Tage erschien auch Chajim in Begleitung seines Vaters im Hanse des Herrn Rosenheimer. Der alte Schamsche ergriff zuerst das Wort und sagte: „Wir würden es als eine besondere Fügung der göttlichen Vorsehung und seiner Gnade betrachten, wenn unser Kind in einem solchen Hause und bei solchen braven, guten und frommen Leuten untergebracht und wie gut sie da-versorgt wäre; allein, was sollte aus mir altem Mann werden, wenn ich, der das Licht der eigenen Augen leider so lange schon entbehren muß und gegenwärtig, nachdem Gott, gelobt sei sein Name, mir auch das treue Weib genommen, auch die fremden Augen meiner Enkelin, die mich führt und leitet, verlieren sollte!" „Auch dafür weiß ich Rath, Alter! Ich glaube, Ihr seid alt genug und habt Euch im Leben hinreichend geplagt und solltet Euch jetzt zur Ruhe setzen und Eure alten Tage, die Euch Gott der Herr noch schenkt, in Ruhe und Frieden genießen und nicht immerfort von Ort zu Ort ziehen. Gehet in Eure Heimat, dort setzt Euch zur Ruhe, und ich will Euch bis an Euer seliges Ende, bis Euch Gott, gelobt sei sein Name, zu sich ruft, einen Jahresgehalt auszahlen, daß Ihr ruhig und sorglos leben könntet." Daxauf wußte Schamsche keine Antwort, als: Gelobt sei Gott, der Gerechte von Ewigkeit zu Ewigkeit, das ist mehr als ich jemals erhofft und erwartet habe. Wir wollen nur noch das Mädchen fragen, ob es auch einwilligt, da zu bleiben." Blümchen wurde gerufen. „Sag, Blümchen, willst Du hier bei diesem Herrn bleiben?" Blümchen, welches bis jetzt von ferne gestanden und mit klopfendem Herzen' die Verhandlung angehört hatte, rief freudig: „Gerne, lieber Großvater, wenn Du und der liebe Vater es erlauben!" „Dann ist Alles in Ordnung", sprach, der alte Schamsche, „Gott segne Euch und unser Blümchen, komm zu mir, mein gutes Mädel, ich will noch einmal Dein schönes Gesichtchen mit meinen Fingern bestreichen und Dich segnen." Er legte seine Hände auf das Haupt des zitternden Mädchens, erhob seine blinden Augen gen Himmel und sprach über sie den Segen unserer heiligen Religion aus: „Gott segne und behüte Dich, Gott lasse Dir sein Anlitz leuchten und sei Dir gnädig. Er wende Dir sein Antlitz zu und gebe Dir Frieden immerdar. Ec lasse Dich werden, wie Sara, Rebecca, Rachel und Lea!" Amen! sprachen Alle tiefbewegt. Nun übergab Herr Rosenheimer Schamsche einen größeren Geldbetrag, daß er getrost mit den Seinen die Heimreise antreten könne, und versprach, eine gleiche Summe jedes Vierteljahr zu senden. Großvater und Vater, auch die Mutter verabschiedeten sich von dem Mädchen und zogen traurig von dannen. _ (Fortsetzung folgt.) Literatur. Das erste Heft der hebräischen, literarisch-wissenschaftlichen Monatsschrift „Mimisrach umimarabh" erscheint, in den nächsten Tagen und enthält folgende Arbeiten: 1. „Die hebräische Literatur" (Red. R. Brainin). 2. „Die Anfänge der culturellen Strömung bei den russischen Juden unter Einfluß Eliah Wilna's und I. B. Lewinsohn's" (Lector A. H. Weiß, Wien). 3. Von Westen nach Osten", Erzählung (M. D. Brandstätter, Tarnow). 4. „Graf Leo Tolstoj und sein System", I., (abcd). 5. „Moschke oder Musca?", Talmudische. Abhandlung, (Samuel Modlinger, Wien). 6. „R. Akiba und N. Jsmael", (Reichsrathsabgeordneter Dr. I. S. Bloch, Wien). 7. Gedicht, (M. M. Horwitz). 8. „Individualität und Nationalität" (Prof. B. Moses). 9. Gedicht (Dr. S. Mandelkern Leipzig). 10. „Ein sprachliche Abhandlung", (Prof. D. H. Müller). 11. „Eigenthümlichkeiten der hebr. Sprache". (M. Baumgarten, Wien). 12. „Klagelieder des Emanuel Franzis", mit Einleitung (Prof. D. Kaufmann, Budapest). 13. „Ein Traum", Humoreske (L. Schulmann, Kiew). 14. „DaS Lied Abrahams" (A. Epstein, Wien). 15. Gedicht (Prof. Josef Halevy, Paris). 16. „Forschung und Tradition" (Prof. H. Schapira,. Heidelberg). 17. Die Socialhygiene bei den alten Völkern (Dr. Alfred Nossig, Paris.) 18. Gedicht (M. M. Horwitz). 19. „Friedrich Niezsche", I., (Cand. phil. D. Neumark, Berlin). 20. „Sein oder nicht sein", Fragmente (Ben Jose, Berlin). 21. Necensionen. 22. Literarische Notizen. Das Heft umfaßt 10 große Octavbogen und ist prachtvoll ausgestattet. Preis: Jährlich 10 fl. 8 Rubel 17 Mark 22 Francs 4 Dollar. Probehefte werden nicht versendet. Adresse der Redaction und Administration: R. Brainin, Wien, IX, Georg Siglgasse 2. Briefkasten. S. Abeles in K. Es sind leider in dieser Angelegenheit nicht beim Ministerium in Wien, sondern bei der Statthalterei in Prag die Hebel anzusetzen, welche den Auftrag erhalten hat, die Cultnsangelegenheiten und die Genehmigung der Statuten im Aufträge des Ministeriums selber zu entscheiden. Soeben erschienen ein hebr. Werk: „Mi-Ginse Israel b’ Paris“, enthält ver-. scbiedene hebr. Documente zur Geschichte der Juden, copirt aus den hebr. Handschriften in der Bibllotheqüe Nationais zu Paris. MT Preis 1 Krone. Zu beziehen beim Herausgeber: Isidore Goldblum, Wien, II. Bezirk» Grosse Schiffgasse Nr. 30. NOVITÄTEN aus dem Verlag von: J. Kauffmann in Frankfurt a. M. Rabbiner Dr. Goitein (Nachod), Die Bibel über den Werth des Lebens Ein Vortrag •.. fl. —.50 Rabbiner Dr. Ziegler (Karlsbad), Religiöse Disputationen im Mittetalter. Eind populär-wissenschaftliche Studie . fl. —.60 Brody, H., Offener Brief an Herrn Professor NI. Hartmann. Zugleich eine Besprechung seines Buches „Die hebr. Verskunst“ fl. —.50 Frankfurt a. m. J. Kauffmann. Verantwort!. Redaetenr: Albert Kohn. — Druck von L. Beck & Sohn, Wien, VIII., Lerchenfelderstraße 46. (Telephon 3288.)

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