Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-05-04 · 18 (4.5.1894) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
18 (4.5.1894)
Date
1894-05-04
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021007-3021026--03459-3027597
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. 18. Wien, 4. Mai 1894. Jahrgang XI. Crnlralorgan für die gesammten Interessen des Indenthums. K. k. Poysparralftn-Ami Clearingverkehr Nr. 810.976. Redarlion und Administration: Wien Franz Josrfs-Nuai Dr. 3. Telephon*Hr. 6535. k~ .-—■ - ■■=* —-^- Hrrausgrbrr: Rrrchsralhs-Adgeordnelrr vr. KLoch. -'H' —-- Erscheint jeden Freitag. -- Man sbonnirt bei allen Postanstalten des In- und Auslandes. vrzugsprris für Sesterrrirh: Halbjährig 4 fl. — 8 Stv. Einzelexemplare 25 kr. Für's Ausland: halbjährig 5 fl. 10 Är. ganzjährig 10 „ 20 Anzeigen: Die 4mal gespaltete Petitzeile 13 kr. Inhalt: Leitartikel: Eine wahre Geschichte. — Zmn Jubiläum des Reichsvolksschus-Gesehes. — Von der Wiener Universität. — Teutobold's kleine Revue. — Aufreizung zum Classeuhaß. — Ein Besuch bei Baron Hirsch. — Budapester Briefe. — Karl Emil Franzos. — Vom Jahrmarkts des Lebens. — Erklärung. — „Israelitische Allianz zu Wien". — Corres pondenz en: Wien, Czernowitz, Tarnopol, München, Berlin, Petersburg, Jerusalem. — Vermischtes: Wien, Jglau, Krakau, Prerau, Prvßnitz, Mißlitz, Humpolet;, Preßburg, Berlin, Paris, Rom, Venedig.— Feuilleton: Blümchen. — Briefkasten. — Inserate. Prot. Z. 22202 Reg. Nr. 2563. Im Namen Sr. Majestät des Kaisers! Das k. k. Landes-Gericht Wien als Preßgericht hat auf Antrag der k. k. Staatsanwaltschaft erkannt, daß der Inhalt des in der Nr. 17 der „Oesterreichischen Wochenschrift" vom 26./4 1894 enthaltenen Artikels „Die Judenmordpredigten in der Kirche zu Weinhaus" in den Stellen von „die kirchlichen Oberbehörden" bis „Sendboten genießen", das Vergehen nach §. 303 St. G. begründe, und es wird nach §. 493 St. P. O. das Verbot der Weiterverbreitung dieser Druckschrift ausgesprochen und die von der k. k. Staatsanwaltschaft verfügte Beschlagnahme nach §. 489 St. P. O. bestätigt, Gründe: In diesem Artikel werden Lehren und Einrichtungen der im Staate gesetzlich anerkannten katholischen Kirche verspottet und herabzuwürdigen gesucht; es erscheint demnach deren Inhalt geeignet, den Thatbestand des Vergehens nach §. 303 St. G. zu begründen. Wien, am 27. April 1894. Der k. k. Präsident: Lamezan. Vom k. k. Landesgerichte Wien in Strafsachen Z. 22202. An Herrn Dr. Bloch, Wien, I., Franz Josefs-Quai Nr. 3. Eine wahre Geschichte. Von D r. Alfred Stern. Die viele», auch räumlich umfassenden Censurlücken in dem Leitartikel Ihres Blattes vom 26. April eröffnen der Phantasie Ihrer Leser den weitesten Spielraum. Ich werde es nicht versuchen, den Gedanken, mit welchen ich jene Lücken ergänze, Worte zu leihen, da ich — ein seinerzeit berühmt gewordenes Dictum gebrauchend — mir allerdings vor Augen halte, daß ich für den Staatsanwalt schreibe. — Ich beschränke mich vielmehr darauf, ein Erlebniß zu erzählen schlicht und.einfach, wie es mir vorgeführt wurde, ohne irgend welche Analogien, Reflexionen, Schlüffe oder was immer für Betrachtungen daran zu knüpfen. Facta loquuntur. Nicht ich spreche. Die Thatsachen, wie sie mir leibhaftig durch die unmittelbar daran Betheiligten vor Augen gehalten wurden, mögen reden. Die Judenhetze, deren trübe Quelle in dem neu erstandenen Deutschen Reiche fast unmittelbar nach dessen Gründung zu Tage trat und daselbst unter dem wissenschaftlich klingenden Fremdworte „Antisemitismus" — die deutsche Sprache schämte sich offenbar und schämt sich noch heute, hiefüc ein deutsch klingendes Wort zu gebrauchen — theoretisch verarbeitet wurde, sprang bekanntlich zunächst nach Rußland über. Regierung, Behörden, Geistlichkeit, alle maßgebenden Factoren daselbst ließen ruhig gewähren. Eine wohlwollende Duldung herrschte. Und so konnte es nicht fehlen, daß das, was damals in Deutschland noch als graue Theorie behandelt wurde,' in Rußland sich rasch in _ die brutale Thatsache übertrug. — Brutale Thatsache, das heißt Plünderung, Raub und Mord. — Und in Schaaren wandten sich die von räuberischen Horden bedrohten und vertriebenen russischen Juden der österreichischen Grenze zu. Mir, im Vereine mit dem seither verstorbenen Kammerrathe Bernhard Singer, wurde zu Anfang des Jahres 1882 von der israelitischen Allianz zu Wien die Aufgabe ertheilt, den Unglücklichen nach Möglichkeit Hilfe zu bringen, und es sei rühmend gedacht, daß wir in unserem, unter der Controle der österreichischen Regierung geübten Liebeswerke damals die wohlwollendfte Unterstützung seitens unserer Behörden fanden. Wir verweilten mehrere Wochen an der österreichischruffischen Grenze, in Brody. Tausende aus Rußland vertriebene Juden suchten und fanden ihr Fortkommen in Paris, in London, in überseeischen Ländern und war man ihnen hiezu behilflich. — Den in Oesterreich Heimatberechtigten reichte man die Mittel zur Erlangung eines Erwerbes. Den russischen Unterthanen, welche physisch oder intellectuell nicht die Eignung zur Ansiedlung in fernen Ländern besaßen, wurden die Mittel zur Heimreise und nach Möglichkeit zur Gründung einer neuen Existenz daselbst geboten. Die von uns in Brody und an anderen Orten geschaffene Hilfsorganisation bewährte sich vortrefflich und mag diesbezüglich nochmals die Beihilfe der österreichischen Behörden dankend anerkannt werden. Unter jenen aus ihrem Heimatlande ausgetriebenen Juden waren viele aus Kiew. Sie waren nicht Alle auf unsere Hilfe angewiesen, vielmehr waren Manche derselben, welche aus ihrem Besitze so viel noch gerettet hatten, um mit ihren eigenen Mitteln sich und ihre Angehörigen sortzubringen und Manche leisteten sogar mehr oder minder erhebliche Beiträge zu dem allgemeinen Hilfsfonde. Bon allen Flüchtlingen aus Kiew wurde uns nun übereinstimmend über die dortigen Vorgänge Folgendes erzählt: Die Juden-Maffacres in Kiew waren nicht etwa durch irgend ein Ereigniß plötzlich veranlaßt und ausgebrochen. Sie waren vielmehr das Werk bedachtsamer Vorbereitung. Tag und

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.