Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 15 (13.4.1894)
- Date
- 1894-04-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3020846-3021007-3021023--03396-3027531- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 15. Wien. 13. ®pril|jl894. Jahrgang XI.! m. Centralorgsn für die gesammten Interessen des Indrnthums. -- rrausgrbrr: Reichsraths-Adgeordnetrr Dr. Kloch. -- »)■« 'H1 *^'-- Erscheint jeden Freitag. -*>• >-4- - Man sbonnirt bei allen Postanstalten des In- und Auslandes. Inhalt: Leitartikel : Die Coalition und die Inden. — Petri Kettenfeier Rosegger und Heine. — „Das jüdische Weib". — Etwas von unseren Künstlern. — Die jüdische Schulaugelegenheit in Rumänien. — Von der Wiener Universität. — Von der Woche. — „Zur Geschichte des jüdischen Alexandrinismus". — Ein uraltes Manuskript über das Leben Jesu. — Capitän Rolleston über die Juden in Marokko. — Correspondenzen: Wien. Brünn, Kanitz, Krakau, Lemberg. Mannheim, Hamburg, Berent. — V e rmischtes: Wien, Baden, Krakau, Horn, Mähr.-Ostrau, Prag, Teplitz, Planian, Pohrlih, Berlin, Nürnberg. Hannover, München, Jerusalem, Nen-Süd-Wales. — Feuilleton: Die schwarzen Tauben in Nom. — Literatur. — Wochenkalender — Briefkasten. — Inserate. K. ft. Postsparrslftn-Nml Clearingverkehr Nr. 810.976. Lrdsrtton und Administration: wir« Franr Iostfs-Nuai Nr. 3. Telephon-Nr. 6535. a -- -m K-- verugsprris für Sestrrrrirft: Halbjährig 4 fl. — 8 Ar. Einzelexemplare SS kr. Für's Ausland: halbjährig ö fl. — 10 Ar. ganzjährig 10 „ — 20 „ Anzeigen: Die 4mal gespaltete Petitzeile IS kr. Die Coalition und dir Inden. Eine Debatte im Polenclub. Die jüngste Reichsrathswahl in der Innern Stadt und die eigenartigen Umstände, welche bei derselben zutage traten, haben in maßgebenden Kreisen der liberalen Partei eine Reihe interessanter Discussionen in Fluß gebracht. Die Thatsache, daß ein demokratischer Candidat jüdischer Confession mehr als tausend Stimmen auf sich vereinigte, hat der jüdischen Wählerschaft den Borwurf zugezogen, daß sie sich feindselig zur Coalition stellt. Und doch haben die Juden die Coalition mit lebhafter Freude und mit frohen Hoffnungen für die Zukunft begrüßt, mit derselben Freude und denselben Hoffnungen, wie vor vier Jahren den deutsch-böhmischen Ausgleich. Es ist ja selbstverständlich, und es spricht nur für den politischen Verstand unserer Glaubensgenossen, daß sie jede Action förderten, welche geeignet erscheint, die nationalen Gegensätze und die schroffe Kampfstellung der parlamentarischen Parteien zu mildern. Sie haben nie vergessen, daß der Antisemitismus nationalen Ursprungs ist und daß er durch jene parlamentarische Constellation gefördert wurde, durch welche sich das Ministerium Taaffe 15 Jahre lang am Ruder behauptete. Es lag und liegt daher noch durchaus im Interesse der jüdischen Bevölkerung, das Ihrige mit dazu beizntragen, daß die große liberale Partei einen bestimmenden Einfluß auf Gesetzgebung und Verwaltung erlange nnd ihre Grundsätze im Rahmen der Coalition zur Geltung bringe. Dazu ist nun allerdings nothwendig, daß die liberale Partei wirklich liberal sei, daß sie jenen Verpflichtungen nicht untreu werde, welche ihr aus einer mehr als dreißigjährigen, ehrenvollen Vergangenheit erwachsen. Sie hat die Staatsgrundgesetze geschaffen und mit den Principien der Rechtsgleichheit aller Staatsbürger eine Devise von unverwischbarer Klarheit und Leuchtkraft auf ihre Fahne geschrieben. Verleugnet sie die Devise, dann verleugnet sie die Fahne selbst. Der Grundgedanke der Coalition ist nun die Zurückstellung aller parteimäßigen Ansprüche, welche den Status quo, den gegenwärtigen politischen und nationalen Besitzstand der verbündeten Parteien, verschieben könnte. Aber die Staatsgrundgesetze gehören nicht zum Besitzstände einer einzelnen Partei, sie sind der gemeinsame Rechtsboden, auf welchen alle Parteien stehen, sie sind die unerschütterliche Grundlage unseres gesammten staatlichen Lebens. Die Staatsgrundgesetze können niemals das Object irgendwelcher parlamentarischer Transactionen sein, und das Mindeste, was man an der liberalen Partei in dem Augenblicke,' wo sie wieder zur Macht gelangte, verlangen und erwarten durfte, war der in Thaten umgesetzte Wille zur Verwirklichung dieser Staatsgrundgesetze, zur Verlebendigung des Grundsatzes der Rechtsgleichheit. Leider ist es der Vereinigten Linken nicht gelungen, die Coalition auch nur mit einem bescheidenen Theile jenes liberalen Geistes zu erfüllen, von welcher ihre Wortführer so herrlich zu reden wissen, dessen Spuren man aber in der praktischen Wirksamkeit dieser Partei seit Jahren vergebens sucht. Ja, im Gegentheil! Die Gesetzgebung und nicht minder die Verwaltung der Coalitionsära bewegen sich in entschieden rückschrittlichen Geleisen und von der Verwirklichung der Staatsgrundgesetze sind wir heute weiler entfernt denn je. Für die Juden steht die Rechtsgleichheit nach wie vor auf dem Papiere und die der Anerkennung ihrer staatsbürgerlichen Rechte feindliche Praxis hat sich seit dem Sturze des Ministeriums Taaffe nur noch schärfer herausgebildet. Die Indignation über diese Zustände hat sogar schon solche Abgeordnete der Rechten ergriffen, welche seinerzeit mit altem Eifer für das Zustandekommen der Coalition thätig waren. Wir verweisen auf die jüngste bedeutungsvolle Debatte im Polenclub. Die Abgeordneten Dr. Byk, Dr. von Rapoport und Professor Roszkowsky haben mit anerkennenswerthem Freimuthe und mit jener Entschlossenheit, welche das Bewußtsein des guten Rechtes verleiht, die gesetzwidrige Zurücksetzung der jüdischen Staatsbürger und deren systematische Ausschließung von allen öffentlichen Aemtern zur Sprache gebracht. Dr. Byk, der durch die tactvolle Einleitung der Discussion ein hohes Verdienst sich erworben, erklärte rückhaltlos, daß man sich in der Coalitionsära gar nicht mehr scheue, den Petenten zu sagen, daß sie einen Religionswechsel vollziehen mögen, um eine gewünschte Anstellung zu erlangen, und er geißelte mit scharfen Worten die verdächtige Gleichgiltigkeit, welche die liberale Partei dieser Sache entgegenbringe. Dr. Roszkowsky berief sich auf Facta, die ihm selbst bekannt seien, in denen jüdische Bewerber um Beamtenstellen nur wegen ihrer Religion zurückgewiesen wurden, und Dr. R a p o p o r t verwahrte sich mit großem Nachdruck gegen die Forderung des Religionswechsels als Verletzung der Gewissensfreiheit. Diese Discussion im Polenclub, welche sich schließlich dahin zuspitzte, daß der Minister Jaworski ersucht worden sei, seine „liberalen" Ministercollegen an ihren Liberalismus zu mahnen, hat nicht verfehlt, in den weitesten Kreisen berechtigtes Aufsehen zu erregen. Die Antisemiten aller Schattirungen speien Gift und Galle, Pan Berga new redet von einem „schlauen Schachzug" des Herrn Byk und „seiner Hintermänner" und hat nicht übel Lust, die liberale Partei gegen das jüdische Complott in Schutz zu nehmen. Eine zweite antisemitische Preßbestie spricht von „einem planvollen Vorstoß der polnischen Clubjuden" und fragt ironisch: „Wo blieb Rabbi Bloch?" Nun Rabbi Bloch war in der Sitzung anwesend, hatte blos bei dem erfreulichen Verlauf der Discuffiom bei dem unverkennbar tiefen Eindruckder Reden derAbg. Dr. Byk, Dr. v on Rapoport und Prof. Rosz kowski keinen Anlaß, seinerseits einzugreifen. Wäre ein übelwollender Redner aufgetreten und hätte im Polenclub mit Hilfe einer christlich.