Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 11 (16.3.1894)
- Date
- 1894-03-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 11 Wien, 16. Msrr 1894 Istzrgang XI t + 1*4 * Crntrslorgan fiir die gesammten Interessen des Iudrnthums. « -#- -- - — — — K. ft. Postspsrrastrn-Aml Clrsringverkrhr Nr. 810.976. Srdtrrtton und Administration: Wien Frans Hpsrfs-Nusi Dr. 3. Telephon - Hr. 6535 .erausgrbrr: Krichsraths-Apgeordoeirr vi. Kloch. Erscheint jeden Freitag. $ Man abonnirt brr assrn PofianfiaUrn drs In- und Auslandes. M »e;ug«prris für Srflrrrrirft: Halbjährig < fl. — 8 Ar. Einzelexemplare 25 fr. Mr's Ausland: halbjährig S fl. — 10 Ar. ganzjährig 10 „ — 20 „ Anzeigen: Die 4maf gespaltete Petitzeile 12 fr. Inhalt: Leitartikel: Eine actuelle Zeitfrage. — Der Fremdenhaß im Deutschen Reichstag. — Die Nothlage unter den jüdischen Hausirern und das neue Häusirgesetz. — Bon der Woche. — Die Hygiene der alten Inden. — Ludwig August Frankl Ritter von Hochwart. — Correspondenzen: Wien, Waidhofen a. d. Ibbs, Prenzlau, Birnbaum, Berlin, München, Paris, Modena, Bologna, ■ Petersburg, Brussklow, Jaffa. — Vermischtes: Wien, Prag, Pilsen, Teplitz, JamniK, Mähr.-Weißkirchen, Preßburg, Gr.-Kanizsa, Belovar. — Fürstengunst L. — Wochenkalender — Briefkasten. — Inserate. Eine actuelle Zeitsrage! Bon Sanitätsrath Dr. Emerich Hertz ka in Karlsbad. Die Nationalöconomen und die Aerzte behaupten, daß wir in einer Periode „wirthschaftlichen" Niederganges leben, der Geschichtsphilosoph und die Culturhistoriker sind gezwungen, seit einer Reihe von Jahren in Bezug auf Toleranz, Einthei. hing und Schätzung der Mitmenschen einen rapiden „geistigen" Niedergang zu verzeichnen. Die Verschärfung der nationalen Interessengegensätze, der zunehmende Elasten- und Rassenhaß sind traurige Symptome einer gesellschaftlichen Erkrankung, die auch vor den Grenzen keinen Halt macht. Staaten, deren Existenz nur durch heldenmüthigstes Auflehrmt gegen Tyrannei und Despotismus, durch beispiellose AuMferung und Unerschrockenheit der Altvorderen, durch die bittersten und todesverachtendsten Kämpfe ermöglicht wurde und deren Existenz also nur durch und auf dem Boden des Liberalismus begründet ist, konnten sich nicht des Eindringens dieser confessionellen Mucker-Reblaus erwehren. Einige gewissenlose Hetzer und katilinarische Existenzen brauchten sich blos die vom Norden stammenden, den Rassenhaß schürenden Schlagwörter anzueignen, um, unterstützt vom Zeitgeist und obenerwähnten wirthschaftlichen Niedergang, die blöde Menge nach und nach auf ihre Seite zu bringen. ' Und so darf es nicht Wunder nehmen, daß es einigen Agitatoren gelang, selbst in der Schweiz — der gewesenen Hochburg von Unabhängigkeit, Freisinn und Biederkeit — die Menge in einer gar nicht ausschließlich religiösen Frage mit sich zu reißen, und diese Menge gab ihr Urtheil ah, natürlich so wie sie es verstand, das heißt wie man es ihr vorspiegelte. Und da am großen, schönen Erdenrunde nichts Dummes und Engherziges geschehen kann, ohne gleich von unserem lieben Antisemiten Cisleithaniens aufgefangen zu werden, hat es der Gemeinderath der österreichischen Hochburg des Antisemitismus, des schönen Murstädtchens Graz, für gut befunden — ohne erst bei den vielleicht kompetenteren Männern seiner Universität — denn auch eine solche hat das ehrenwerthe Penfionopolis — anzufragen, seinen jüdischen Mitbürgern das Schächten zu verbieten. Auf Grund von dringenden Vorstellungen seitens des Rabbinats und der Cultusgemeinde hat der Landeshauptmann v. Küb eck — wenn ich nicht irre — den Beschluß inhibirt. Es fügt sich nun wunderbar, daß ein Hofrath I. Dembo ein Buch erscheinen ließ: „Das Schächten im Vergleich mit anderen Schlachtmethoden", Leipzig 1894— betitelt. Das Buch ist mir leider nicht zur Hand, wohl aber wurden mir die „Verhandlungen der Berliner physiologischen Gesellschaft", Heft 6, bekannt, eine Gesellschaft, deren Wissenschaft- .sicher Klang weit über die Grenzen Preußens anerkannt und feststehend ist. In einer dieser Versammlungen hielt Dembo einen Vortrag, welcher als kurzer Auszug aus dessen citirten W<rke angesehen werden kann und worin er diese so aktuelle Frage nach der besten Schlachtmethode zu Gunsten des Schächtenzu beantworten sucht. Die Vorzüge, die er der jüdischen Schlachtmethode zuerkennt, sind dreifache: sie sei erstens humaner zweitens hygienisch empfehlenswerther und drittens öconomischer als alle anderen Methoden. Was zunächst die humanitäre Seite der Frage betrifft, so ist der Unkundige leicht geneigt, diejenigen Schlachtmethoden für schonender zu halten, welche vor -dem Abstechen das Bewußtsein des Schlachtthieres zu betäuben suchen. Nach D emb o's Untersuchungen und Erfahrungen ist gerade das Gegentheil der Fall; es kann zwar „theoretisch" nicht bestritten werden, daß ein heftiger Schlag gegen den Kopf, welcher eine sofortige Erschütterung des Gehirns herbeiführt, beim Menschen auch thatsächlich momentanes Schwinden des Bewußtseins zur Folge hat; ganz anders aber verhält es sich beim Thier, welches wie der Ochse mit einer abnorm dicken, von Lufträumen durchsetzten Schädelkapsel ausgestattet ist. Hier wird, wie jedem Schächter bekannt ist, durchaus nicht immer durch einen einzigen Schlag gegen die Stirn das Thier zu Boden gestreckt, sondern es sind in der großen Mehrzahl der Fälle noch vier, fünf, ja acht weitere Schläge nöthig, ehe das Thier zusammenbricht und zu den weiteren Manipulationen des Schlachtens geschritten werden kann. Nach einer großen, voa Dembo angelegten Statistik, welche die in deutschen und schweizerischen Schlachthäusern gemachten Erfahrungen umfaßt, sind für einen Ochsen 5—6 Keulenschläge nöthig, ehe die vollständige Betäubung desselben angenommen werden kann. Mit Recht kann also Dembo hinsichtlich der Humanität diese Methode mit vorheriger Betäubung durch Keulenschläge durchaus nicht empfehlen. Nicht besser liegen die Verhältnisse bei der sogenannten „Brnneau'fchen Maske", einem im Leipziger Schlachthause eingeführten Verfahren. Diese Methode besteht darin, daß dem Ochsen eine Maske' mit einem eisernen Bolzen in der Mitte auf die Stirn gesetzt und letzterer durch einen Hammerschlag dem Thiere ins Gehirn getrieben wird. Sodann wird nach Entfernung der Maske in die durch den Bolzen geschlagene Oeffnung ein spanisches Rohr in die Schädelhöhle eingebohrt und damit im Gehirn und Rückenmark des Thieres herumgefahren, um das verlängerte Mark zu zerstören. Die Grausamkeit dieser Methode liegt auf der Hand und es bedarf zur Stigmatisirung dieses „Verfahrens" kaum des durch Dembo erbrachten anatomischen Beweises, wie schwer es sei, mit dem eingeführten Stocke gerade die Manila oblongata (verlängertes Mark) zu treffen. Zweckmäßiger erscheint auf den ersten Blick eine besonders in Rußland übliche Methode, der sogenannte Nackenstich oder