Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 9 (2.3.1894)
- Date
- 1894-03-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 9. Men, 2 Mär; 1894. Jahrgang Xi. Crnlralorgan für die gefsmmten Interessen des Iudenthums. -^- Herausgeber: Keichsraths-Abge-rdneter vr. Kloch. -.. 'H1 «»<> •—- Erscheint jedenFreitag. --H' *■<' -- Man abonnirk bei allen PostanstaUrn de« In- und Auslandes. U- -M Bezugspreis für Srfirrrrirli: Halbjährig 4 fl. - 8 jtr. Einzelexemplare 26 fr. Mr's Ausland: halbjährig S fl. — IOJtr. ganzjährig 10 „ 20 „ j Anzeigen: Die 4mn( gespaltete, Petitzeile!3 kr. & - L. k. xoyfpsrralstn-Amt Clearingderkrhr Nr. 310.976. Aedarlion und Administration: Wien Franr Josefs-Luai Nr. 3. Telaphon-Nr. 6535. Inhalt: Leitartikel: Das trojanische Nos; der Conlition. — Der Grseyemwurf gegen die Hausircr. — Die Zchöchlhetze in Graz. — Von der Woche. — Oesterr.-Jsrael. Union. — Der Proceß Hildesheimer-Überwinder. — Zwei Märtyrer. — „Dieser (Garnier von einem Inden." — Etwas über jüdische und christliche Bor- und Zunamen. — C o rr e sp o n d e n z e n: Wien, Mähr.-Weißkirchen, Lem-' ‘ berg. Budapest, Paris, New-Aork. — Vermischtes: Wien, Floridsdorf, Zwittau, Frendenthal, Ybbs, Falkenan a. E., Budapest, Prag. — Fürstengnnst Xl^VIII. — Wvchenkalender — Briefkasten. — Inserate. Das trojanische Rotz der Cvatition. I Man kennt die Geschichte des trojanischen Pferdes. Ein Palladium sollte es sein zu Schutz und Schirm der Stadt, aber aus seinem Innern stiegen die Gewassneten, welche Tod und Verderben brachten. Gleicht die Eoalition der Erfindung des listenreichen Odysseus? Sie soll den Frieden verbürgen, sie soll den Staat schützen vor dem Anstunne der e.rtremen Parteierl, aber aus.ihrem Schoße erhebt sich urplötzlich der confessionelle Haß und man hört das Waffengetöse des christlich-socialen Wirthschaftskrieges. Als das Ministerium Windischgrätz gebildet unb Gras Wurmbrand als Vertreter der liberalen Partei in das Handelsamt berufen wurde, da begegnete diese Berufung manchem Bedenken. Das wirthschastliche Glaubensbekenntniß des neuen Handelsministers war bekannt, man wußte, daß es sich in vielen Punkten mit dem christlich-socialen Prograrnme berührte. Aber mair hoffte, daß die neue Situation auch auf die Anschauungen des. früheren Landeshauptmanns, bei Steiermark klärend gewirkt habe und man crinilerte sich, daß es in der Vergangenheit des Grasen Wurmbrand einen Zeitpunkt gab, in welchem er sehr fortschrittlichen, sehr freisinnigen Ideen gehuldigt hatte. Als Vertreter der liberalen Partei war Graf Wurmbrand in das Eoalitionscabinet eingetreten und man ' durfte erwarten, daß er dieser seiner Mission stets eingedenk bleiben werde. Nun liegen die ersten gesetzgeberischen Thaten des neuen Handelsministers vor, und mit Bedauern müssen wir constaiiren, daß dieselben der rückschrittlichen Strömung aus wirthschastlichem Gebiete in bedenklichem Maße Rechnung tragen,' daß sie die Erfüllung von Forderungen bedeuten, welche die christlichsociale Partei seit langen Jahren erhebt, und daß sie dem confessionellen Haß gerade dort, wo er sich in seinen häßlichen Formen äußert, eine gesetzliche Basis verleihen. Das neue Hausirgesetz ist direct gegen unsere ärmsten Glaubensgenossen gerichtet, es ist ein rein antisemitisches Gewächs und es wird denn auch in den Reihen der Iudenhetzer mit unverhohlener Befriedigung begrüßt. Und ebenso bringt das Gesetz zur Regelung des Gemischtwaarcn-Verschleißes die Erfüllung eines durch lange Jahre von der.christlich-socialen Partei eifrig geltend ^gemachten Wunsches. Das Programm der Coalitionsregierung hat den politischen und wirthschaftlichen Schutz vor Allem jener Beoölkerungsclaffen, welche als das eigentlich bürgerliche Element gelten, vor dem Andrängen des Proletariats verheißen. Die Vorlagen desHandelsministers aber treffen die wirlhschastlich schwächsten Schichten des Bürgerstandes und bedrohen dieselben mit der Proletarisirung. Es ist eine ganz merkwürdige Erscheinung, daß die ersten legislatorischen Acte der Eoalitionsregierung gerade von denjenigen Elementen mit Jubel begrüßt werden, deren Wortführer sich durch die Zusage der entschiedenen Abwehr aller friedenstörenden Elemente getroffen fühlten und sich als getroffen bekannten. Gleicht die Eoalition dem trojanischen Pferde? Birgt sie in ihrem Schooße thatsächlich den socialen Krieg und die confessionelle Hetze? Wir hegen noch immer volles Vertrauen zu den Männern, welche die Erbschaft des Grafen Taaffe übernommen haben, aber die Berufung des Grafen Wurmbrand muß uns heute als ein Fehlgriff erscheinen, welcher die Ziele der Eoalition in unheilvoller Weise beeinflussen könnte. Jahrelang arbeiteten die Sendboten der christlich-socialen Partei daran, die Beschränkung des Hausirhandels durchzusetzen. Aber der wahrhaft vornehmen Natur des Marquis de Bacquehem widerstrebte es, den Aermsien der Armen ihr schmales Brot zu verkümmern. Graf Wurmbrand aber hat die heikle Frage im Handumdrehen gelöst und den Christlich- Socialen ihren Willen gethan. Und ist es ein boshafter Zufall, oder besteht da ein ursächlicher Zusammenhang: Gleichzeilig wird von der Vertretung jener Stadt, in welcher Gras Wurmbrand bis zu seiner Ministerschaft lebte und wirkte und mit welcher ihn zahlreiche gesellschaftliche und politische Fäden verbinden, die Schächtfrage aufgerollt. Der Grazer Gemeinderath ist zu einer Auriliar-Truppe des Ritters Stampiglius, des gewerblichen Experte!; der christlich-socialen Partei, geworden. Noch unter dem Grasen Taaffe hat das Ministerium des Innern gegen die antisemitische Schächthetze Stellung genornmen. Man darf begierig daraus sein, ob das Cabinet, in welchem Gras Wurmbrand sitzt, gegenüber dieser Hetze denselben Standpunkt einnehmen wird, wie Gras Taaffe. Noch hoffen und vertrauen wir aus die sriedenftistende und schützende Macht der Eoalition. Aber diese Macht muß sich bald bethätigen. Thaten, wie sie eben Graf Wurmbrand vollbrachte, könnten leicht zu unbeabsichtigten Consequenzen führen. Wenn der liberale Handels mini st er dieWahl des Dr. Julius Ofner in der Inneren Stadt fördern wollte, so hätte er nicht besser operiren können, als er es eben gethan hat.