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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-01-26 · 4 (26.1.1894) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
4 (26.1.1894)
Date
1894-01-26
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 4 VeyrrrrUtztsÄrr Wochensttzrist Seite 69 günstig influenzirt. In trautem Umgang mit seiner Familie, mit seinen Glaubens- und Schicksalsgenossen athmete er wieder auf, das Lastthier fühlte sich wieder Mensch unter Menschen, ja er konnte da sogar Ehrgeiz entwickeln. Das wirkte zurück auf seinen Organismus, das machte ihn wieder beweglich, gelenkig, geschmeidig, fähig, Mühen, Plagen und Sorgen zu ertragen, neue Verunglimpfungen zu erdulden, ohne zusammenzubrechen. Heute findet ein Jagen und Hasten statt und die Folgen davon sehen wir Aerzte an der immer mehr anwachsenden Zahl von Neurasthenischen und Geisteskranken. Der Tal mu d. Bevor ich mich zu dem Talmud wende, um auch hier nur im Großen, nicht detaillirt, zu zeigen, was seine Weisen auf dem Gebiete der Hygiene geleistet haben, sehe ich mich zu einer Bemerkung veranlaßt. Ich will mich nicht mit Kenntnissen schmücken, die ich nicht besitze, gestehe offen, daß ich vom Talmud nur so viel verstehe, wie die Herren Rohling, Deckert, Schneider 6 tutti quanti, d. h. der Talmud ist für mich ein mit 7 Siegeln verschlossenes Werk. Aber aus dem Studium deutschgeschriebener, einschlägiger Werke, aus Wunderbares Biblisch-talmudische Medicin, aus Friedreich, Trusen, Brecher, Kahn, Lippe, Baas, Haeser habe ich mein mangelndes Wissen nach Möglichkeit ergänzt, aus diesen Werken ersehen, welche Summe von gediegenen, anatomischen und pathologischen, überhaupt medizinischen Kenntnissen unsere Talmudisten besaßen. Sie kannten von chirurgischen Krankheiten: Die Verrenkungen, Contusion des Schädels, die Durchbohrung der Lunge, der Speiseröhre, des Magens, der dünnen Gedärme, der Gallenblase, Verletzungen des Rückenmarks, der Luftröhre, der Hirnhaut, Rippenbrüche, Polypen des Mundes und der Nase, Hüftweh, Blasensteine u. s. w. Der Talmud erklärt die Entstehung der Gelbsucht durch zurückgehaltene Galle, (durch zurückgehaltenen Urin). Sie, die Talmudisten, nahmen einen inneren und äußeren Wasserkopf an, hielten ersteren für tödtlich, letzteren für nicht immer tödtlich. Sie sprechen von internen Krankheiten der Nieren, der Leber, des Rückenmarks, der Lunge. Die Entfernung der Milz wird als nicht tödtlich erklärt. — Ueber Augenkrankheiten finden sich ausführliche Abhandlungen. Sie verfertigten künstliche Zähne aus hartem Holz, Knochen, Metall, namentlich aus Gold. Schadhafte Zähne wurden mit Goldblech überzogen. In operativer Geburtshilfe und Gynäkologie (sie übten den Kaiserschnitt an Verstorbenen und Lebenden) waren sie heimisch, was den Geschichtsschreiber Baas zu Bemerkungen veranlaßt, die witzig sein sollen, aber nur frivol, boshaft und läppisch sind. Hausmittel werden über 50, einfache und zusammengesetzte Arzneimittel über 100 aufgezählt. Sie verordneten Mineral-, Oel- und Flußbäder. Vom Fieber sagten sie, daß es, wenn es nicht ein Todesbote ist, dem Körper so heilsam sei, wie der Dornstrauch dem Baum. Mit anderen Worten: Wenn die Fiebertemperatur nicht gar zu hoch ist, so ist das Fieber als eine heilsame Reaction des Organismus zu betrachten, eine Auffassung, die in der heutigen Medicin wieder zur Geltung gekommen ist. Daß auch sie ein Miasma und Contagium als krank machende Potenzen annahmen, ersehe ich aus einer Schrift des Herrn Dr. Lippe in Jassy. Es heißt daselbst: So war schon im Alterthum die Existenz der zwei unsichtbaren, krankmachenden Schädlichkeiten, das Miasma und das Contagium, wenn auch nicht ihrem Wesen nach bekannt. Erft mittelst des Mikroskopes erkannte man in ihnen die Mikroben. Die Rabbinen, die kein Mikroskop hatten, sagten daher (Berachot 10): „Würde dem Auge die Kraft g eg eben sein, z u sehen, es würde kein Geschöpf vor den Schädlichkeiten bestehen können." Nach neueren Begriffen würde dieser Spruch lauten: Wüßte man, wie viele Mikroben mit jedem Athemzuge und mit jedem Schluck Wasser in den Körper gebracht werden, man würde vor Angst nicht leben können. — Diese Mikroben kannten die Rabbinen nicht, ahnten aber solche und setzten voraus, daß sie sich an die Oberfläche flüssiger und fester Gegenstände, Getränke und Speisen ansetzen und daselbst wuchern. 'Ganz besonders aber setzten sie sich an die Hände an, und indem man mit diesen feste Speisen greift und zum Munde führt, befördern sie den Eintritt der Contagien in den Magen, von wo aus sie ins Blut übergehen und Störungen im Organismus verursachen. Daher empfiehlt das rabibinische Gesetz, die obere Schichte des Wassers vor dem Trinken aus einem Gefäße wegzugießen und ebenso vor dem Schöpfen die obere Schichte wegzuschwemmen. Ferner gilt die Vorschrift die Hände zu waschen vor dem Genüsse fester Speisen, welche mit bloßen Händen zum Munde geführt werden. Im Tr Nedarim klagen die Pharisäer über die Saducäer, welche die rabbinischen Verordnungen verwarfen, daß sie einen Bach für rein erklären, der aus einem Friedhofe fließt. Aber nicht blos mit Hypothesen befaßten sich die Rabbinen, sie hatten auch positive, für ihre Zeit gründliche pathologisch-anatomische Kenntnisse, nicht blos von Schlachtthieren, sondern auch von Menschen. So wird erzählt, daß die Schüler des Rabbi Jsmael ben Elischeh die Leiche eines Hingerichteten Mädchens untersuchten und 252 Knochen fanden, was mit den Befunden der heutigen Anatomie ziemlich übereinstimmt. Was ich aber besonders betonen möchte, sie erließen auf Grund ihres Wissens praktische, heilsame, sanitäts-polizeiliche Verordnungen. Das rabbinische Gesetz schreibt nämlich die Obduction (Bedika) des geschlachteten Viehes vor, um eine etwa vorhandene Krankheit zu constatiren, wodurch das Fleisch schädlich — terefa — wird. Vergleicht man die im Talmud (chulin) angegebenen pathologisch-anatomischen Erscheinungen mit denen der erst in unseren Tagen entdeckten Symptome der Perlsucht (Tuberculose des Rindes), so findet man eine merkwürdige Identität beider. In der Schlußsitzung des französischen Congresses für das Studium der Tuberculose, der erst jetzt im Juli—August 1893 tagte, wurde im Punkte 3 beschlossen : „D i e Inspection des zum Verkaufe k o m me n de n F l e i s ch es durch competente Sachverständige, muß einheitlich in Stadt undLand eingeführt werden. Sie sehen v. B. unser Schochet und Bodek kommt sehr u Ehren. Ueber die hygienischen Verhältnisse wachten Aerzte, deren es 2 Kategorien gab : R o f e und Um an. Der Rofe war gleichsam der Med. Doctor, der Uman der Wundarzt. Jede Gemeinde mußte mindestens einen Arzt haben. Die Aerzte waren einem Gerichtshof, dem Beth-Din, untergeordnet. Wer sich ohne dessen Erlaubniß mit Ausübung der Medicin befaßte, war, wenn er auch als Arzt tüchtig war, strafbar. In gerichlsärztlichen Fällen mußte das Gutachten der Aerzte eingeholt werden. Was soll man angesichts dieses Wissens, dieser Einrichtungen von Autoren (Anselmo Richerand, H. Baas) denken, die behaupten, die Hebräer hätten von der Heilkunde nichts verstanden, als die Heilung offener Wunden durch einen Umschlag von wilden Feigen und jene der Blindheit durch die Galle eines Fisches! Selbst wenn die Herren den Talmud nicht kannten (Baas citirt aber Vieles aus demselben) aus der Bibel schon hätten sie, wenn die Animosität sie nicht ganz verblendet hätte, ersehen können, daß schon die vortalmudischen Juden Aerzte, Medicamente und Apotheken halten. Man kann doch einen Menschen, der nichts Anderes versteht, als einen Feigenumschlag zu bereiten, keinen Arzt nennen. Aerzte und Arzneien werden aber erwähnt. So heißt es schon im 3. B. M. 21, 19 : So er ausgeht an seinem Stabe, so soll der Schläger frei sein, nur sein Bersäumniß soll ergeben und heilen soll er ihn lassen, oder von Luther übersetzt: Das Arztgeld bezahlen. Im Prophet. Jerem. 8, 23. lesen wir: „Ist denn keine Salbe in Gilead? oder ist kein Arzt da? Warum ist denn die Tochter meines Volkes nicht geheilt? Im II Könige 8, 39 wird berichtet: Da kehrte Joram der

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