Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-01-12 · 2 (12.1.1894) · page 20

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
2 (12.1.1894)
Date
1894-01-12
Page
– (sequence 20)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021007-3021010--03142-3027264
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 40 Oeflerreichische Wochrnsttzritt Nr. 2 versetzt. Ich kam nach Hause und sagte zu meinem Inquisitor Neuken: „Ich weiß nicht, was sie von mir wollen, ich kann die Epilepsie nicht ertragen, ich werde lieber den Tod wählen, als zu dieser epileptisch-lutherischen Kirche zu gehen; denn die Epilepsie wie das Lutherthum wird mich entweder krank oder wahnsinnig machen: übrigens, wenn ich nach meiner Ueberzeugung, als speculativer Mystiker, nicht leben darf, so reise ich nach Hause und werde ins Judenthum zurücktreten; den Bruder Martin Luther, der von sich sagte: „Ich fresse wie ein Böhme und saufe wie ein Deutscher", werde ich nicht anbeten." — Dieser Neuken ging am Nachmittage zu Schnittger und hat mich bei ihm verklagt. Nun begann man von Neuem, Pläne zu schmieden, wie man den abtrünnigen Lutheraner, den lutherlosen Bönil, wieder in das Netz des Lutherthums einfangen kann, und zugleich begann man mich im Geheimen zu beobachten. Um zj4l Uhr Abends ging ich von „Saba" fort, ich wußte nicht, daß Schnittger mich auf Schritt und Tritt verfolgte. Als ich am Brockenhause vorbei war, bog ich links um. Da hörte ich mit einem Male hinter mir rufen: „He, Bönil, frecher Schlingel, sofort zur Kirche, Sie sollen zur Kirche, Sie müssen zur Kirche, von nun an dreimal wöchentlich zur Kirche!" Alle Menschen, welche sich auf der Straße befanden, blieben stehen, ich habe beinahe den Schlag vor Schande bekommen; einige Bielefelder sagten zu mir: Gehen Sie doch hin und schlagen Sie diesem altem . :.die Knochen kaput. Ich gab ihnen zur Antwort: Ich bin Ausländer, ich muß mir Manches gefallen lassen. Nach der Kirche ging ich zu Schnittger hin und bat ihn: Herr Schnittger, Sie sehen doch, daß dieser elende Kirchenzwang nie was Gutes zwischen uns Hervorrufen wird; geben Sie mir das Reisegeld und die 15 Mk. monatlich und ich fahre fort, und zwar lieber heute als morgen. Da begann er: Wer? Was? Ich habe Ihnen kein Reisegeld versprochen! Herr Schnittger, antwortete ich, dann kann nur ein Zweifaches möglich feilt, entweder oder, entweder Sie haben vergessen oder Sie lügen. Nachdem ich das Wort „lügen" ausgesprochen hatte, schlug er mich auf die Brust, ich fiel auf die Thüre, so daß ich hätte beinahe das Genick brechen können. Und mit dieser That wurde der Sonntag, cn welchem das Evangelium vom barmherzigen Samariter gepredigt wurde, geschlossen." Präs.: „Wollten Sie denn in Saba bleiben?" Angekl.: „Anfangs wohl, nachher konnte ich die Grobheiten und die Beleidigungen des Herrn Schnittger nicht mehr ertragen und wollte deshalb fort." Präs.: „9tun, bitte, erzählen Sie nun, was an den folgenden Tagen vorgekommen ist." Angekl.: „Montag, den 28. August, begann ich meine Sachen zu verpacken. Da kam Schnittger an und begann mich zu schimpfen. Ich gab ihm keine Antwort, denn ich kannte doch die Person, mit welcher ich zu thun hatte. Als ich ihm die Antwort verweigerte,-begann er gegen mich laut zu schreien: „Sie sollen mir eine anständige Antwort geben?" „So müssen Sie sich auch anständig benehmen." „Frecher Schlingel!" war sein letztes Wort. - Dienstag, den 19. August, wollte ich in die Stadt gehen; ich bat um Erlaübniß, er aber hat sie mir mit der Ausrede, er müsse Pastor Siebold fragen, verweigert. Auf meine Frage: „Was hat denn das zu bedeuten, stets haben Sie mir die Erlaübniß ertheilt und heute, wenn ich morgen abreise, soll ich Neues anfangen?" antwortete er mir: „Wenn Sie morgen abreisen, so müssen Sie mir noch heute blinden Gehorsam leisten." Ich ging nun, ohne Weiteres mit ihm zu sprechen, fort. Herr Schnittger lief mir nach und rief: „Frecher Patron". Ich kehrte um und erwiderte seinen Gruß mit den Worten: „Sie sind ein verdammter Lump." Meine Herren! Ich gebe zu, es war unrecht von mir. daß ich diesen Ausdruck gebrauchte, ich hätte lieber schweigen sollen; aber, meine Herren, woher die Geduld? Im Laufe der kurzen Zeit, welche ich leider in der Anstalt zugebracht habe, war der tägliche Gruß entweder „frecher Schlingel" oder „frecher Patron" und dergleichen. Mein Geduldsvorrath war alle geworden, ich konnte es nicht mehr aushalten. Uebrigens ist es ja nur die in Bethel übliche Sprache, deren ich mich bedient habe; denn, glauben Sie mir, meine Herren, in Rußland habe ich solche Ausdrücke der deutschen Sprache nicht kennen gelernt! Als Schnittger die Worte „verdammter Lump" gehört hatte, rief er einen Kranken zu seiner Hilfe herbei; ich eilte aber fort und ging nach Bielefeld. In der Stadt angekommen, suchte ich einen Bekannten von mir auf und fragte ihn um Rath, was ich machen soll. N. N. sagte zu mir: Klaqen Sie doch. Gewiß, , meine Herren, ich hätte es auch gethan, leider hatte ich keinen -Pfennig in der I Tasche. Die letzten vier Mark, welche ich besaß, nahm mir { Schnittger unter dem Vorwände, er wolle für mich ein Sparkassenbuch anlegpn. Ich sah aber ebenso wenig jemals dies Sparkassenbuch, wie ich bis heute Amerika gesehen habe. Ich ging von N. N. mit dem festen Entschluß, mich selbst verhaften zulassen, fort; ich wollte aber noch einmal mit Pastor Siebold sprechen, denn ich glaubte, Siebold sei besser als Schnittger Ich ging zu Siebold und bat ihn um meinen Lohn, bekam aber die Antwort: „Gehen Sie nur auf die Polizei und lassen Sie sich doch mit Transport nach Hache schicken." M. H.!Jch meine, es ist wünschenswerth, daß dieser Fall im Reichstageerwähnt werden soll, wie die Herren Pastoren es mit ihren Arbeitern treiben; so lange man Schweiß, Kraft, Zeit zu verzehren hat, ist man ihnen willkommen, verlangt man aber den verdienten Lohn, dann sagen die Herren: „Gehen Sie nur aus . die Polizei und lassen Sie sich doch als Dieb nach Hause transportiren." Von Siebold ging ich auf die Polizei, bat den Herrn Polizei-Jnspector, er möchte mich verhaften und ich erzählte ihm die ganze Sache. Der Polizei-Jnspector schickte mich nach Gadderbaum. Da es nun 11 Uhr war und ich noch keinen Bissen genossen hatte, lief ich aus Verzweiflung umher, ohne zu wissen wohin. Gegen 4 Uhr Nachmittags kam ich in Herford an, mit dem festen Entschluß, mich niederzuschießen. Da ich keinen Revolver hatte, so verschob ich es bis zum nächsten Tag. In Herford borgte ich bei Pqstor Gottschalk, der mich von meiner früheren Thätigkeit her als Judenmissionär kennt, 8 Mark und mit dem 7a7 Uhr Zug fuhr ich nach Bielefeld ab. In Bielefeld war das erste, was ich that, ich kaufte mir einen Revolver und ging nun damit zu Siebold. Als ich da ankam, kam mir ein Mädchen entgegen. Ich bat sie, sie möchte Pastor Siebold fragen, ob er mir meinen Lohn geben will oder nicht, sie brauche mir nur Ja oder Nein zu brmgen. Da kam nun Pastor Siebold selbst und begann im Tone salbungsvoller Liebe: „Ja ich kann Ihnen nur sagen, was ich heute Morgen gesagt habe. Sie bekommen nichts." „Herr Pastor, hat denn alle Ehrlichkeit und Wahrheit im Christenthum aufgehört?" fragte ich. „Sie quälen mich heute den ganzen Tag mit Hunger, es ist Nacht geworden. Alles geht zur Ruhe und ich weiß nicht, wohin ich den Kopf legen kann. Sie zwingen mich, daß ich mich niederschieße." „Ja, schießen Sie sich todt." „Herr Pastor, es wird Ihnen aber nachher leid thun. „Schießen Siesich nur todt." „Wenn Sie's durchaus wünschen, so soll Ihr Wille geschehen". Ich lief aus seinem Garten, zog meinen Revolver aus der Tasche und bevor ich" noch Zeit hatte, denselben auf mich zu richten, ging er in die Luft los. M. H.! Das ist der Schreckschuß, des Herrn Staatsanwaltes. Es war aber kein Schreckschuß, sondern der Schuß war bestimmt, mich aus den Banden des Lutherthums, aus den Händen eines lutherischen Pastors zu befreien. Am 30. August Morgens, ich saß im Garten, kam Schnittger in Begleitung eines gewissen Meßwarb auf mich zu. Es schien mir, daß Schnittger einen Revolver im Busen versteckt hatte. Meßwarb hielt ein kleines Messer in der. Hand. Nun begann- Schnittger: „Sie haben sich gestern ohne meine Erlaübniß ins Bett gelegt, Sie können in „Saba" nicht bleiben." Gut, ich bin damit einverstanden, bitte nur um meinen Lohn. Er gab mir keine Antwort und ging fort. In mir wurde unterdessen die Frage wach: Sollten die Leute mit Waffen gekommen sein? Ich rief nun: „Herr Schnittger, ich bitte um meinen Revolver." Früher hatte Bonn schon einmal dem Schnittger auf gütliches Zureden einen Revolver ausgehändigt. Er begann mich jedoch zu verfolgen. Ich zog meinen Revolver aus der Tasche, hielt ihn auf mich gerichtet und sagte zu ihm: „Sehen Sie, ich habe einen anderen Revolver". 'Schnittger rief nach Meßwarb, ich lief davon. Unterwegs begann ich zu weinen und bat: „Herr Schnittger, Sie und Pastor Siebold quälen mich schon 1*/2 Tage mit Hunger; bitte, verfolgen sie mich nicht"; er unterbrach jedoch die Verfolgung nicht und lief mir nach bis zu der Stelle, wo ich zusammenbrach. Am Böden liegend, fragte ich Herrn Schnittger. welcher etwa zehn Fuß von mir entfernt stand, ob er mir meinen Lohn geben wolle oder nicht, jetzt sei nun die Entscheidungsstunde gekommen, denn ich könne nicht weiter laufen, ich schöße sonst mich nieder. Da hörte ich noch die Worte: „Frecher Schlingel, schießen Sie sich todt" und ich brach gleich zusammen. Wer mich geschossen hat, ob ich selbst oder ein anderer, weiß ich nicht. Der Gerichtshof verkündete nach kurzer Berathung das freisp^rechende Urtheil. Es wäre schade, die Wirkung dieses Berichtes durch weitläufige Bemerkungen abzuschwächen. .......... Das sind die herrlichen Culturblüthen in den Arbeits-. stätten des „innern Mission".

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.