Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 1 (5.1.1894)
- Date
- 1894-01-05
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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’JCV. 1 VrArrrrdtzttchr MmhrnützrM Seae 19 Felde der Ehre, er ersparte ihm das Mißgeschick, in einem übermäßigen, unthätigen Greisenalter die Blätter seines Ruhmeskranzes welken zu sehen und sich zu überleben. Bor wenigen Wochen noch lauschten wir voll Bewunderung, wie er seinem Vorgänger und College» an dessen hundertstem Geburtstage eine begeisterte Lobrede hielt, in ihm gleichsam sich selbst abconterfeiend, und noch am Vorabende des vorletzten Sabbathes sprach er mit gewohnter Beredtsamkeit über den laufenden Wochenabschnitt vom Ende Jacobs, von dem die 'Sage geht, daß er nicht gestorben, auch hier gleichsam über den eigenen, so nahen Tod hinausgreifend, in Jacobs Unsterblichkeit die seinige vorausahnend und vorausverMndend. So kann man von dem Anfang und dem Ende seines Lebens sagen: „Sie waren Gnadenerweisungen Gottes". Früh ward ihm die Palme des Sieges zu Theil und sanft entglitt sie zuletzt den müden Händen. Schnell und ohne Kampf, auf dem Lehnsessel ruhend, hauchte er seinen Geist aus. Mitten inne freilich, zwischen diesen Natürlichen Grenzen seines Lebens, da fehlen nicht die Kämpfe und Enttäuschungen, welchen, wie es scheint, gerade das am reichsten veranlagte Leben am meisten ausgesetzt ist. Ihr werdet von mir nicht erwarten, daß ich in dieser schmerzlichen Stunde ein Lebensbild von dem theuren Heimgegangenen entwerfe, das - seiner würdig ist. Es fehlt mir die Ruhe, um mit sicherer Hand den Pinsel zu führen und Euch die Aufmerksamkeit, um die Zeichnung zu betrachten und zu beurtheilen. Denn man urtheilt nicht, wo man fühlt. Nur das Eine halte ich für die Aufgabe dieser Stunde, dieses Ortes und dieser Feier. Bon hier, wo Alles an ihn erinnert, wo sein Name gleichsam in Holz und Stein verewigt ist, von dieser Stätte soll er nicht scheiden, ohne daß er nochmals vor uns lebendig wird als der Prediger und Verkünder der göttlichen Wahrheit, als welchen zu gelten er allzeit vornehmlich bestrebt war und als welcher er der Gemeinde ewig unvergeßlich bleiben wird. Ihm war es vergönnt, daß man von ihm sagen konnte, was der Herr von Aron sagt, dessen Namen er trug „Er verstand zu reden". Wie sein Vorgänger und älterer Zeitgenosse ein gefeierter Redner war, so war er es nicht minder, aber in anderer Weise und seine Eigenart hat eine bedeutsame Wendung in der Geschichte der jüdischen Kanzelberedtfamkeit herbeigeführt. Er schuf Neues auf diesem Gebiete, indem er an das Alte anknüpfte, um die Predigtweise unserer alten Lehrer mit den Ansprüchen moderner Bildung und modernen Geschmacks zu vermählen. Wie sie ein feines Auge hatten, um nicht blos in der Bibel, sondern zwischen den Zeilen der Bibelzu lesen, wie sie ein feines Ohr besaßen für den Pulsschlag der Zeit, für die Stimmen, welche aus dem öffentlichen Leben auch in das Gotteshaus dringen und sich Gehör erzwingen, so war er der Mitbegründer einer neuen Predigtweise, weil er ein gelehriger Schüler der Alten war. Mit seiner reichen Gelehrsamkeit und Belesenheit, mit seinem scharfen Verstände und seinem treffenden Witz formte er jene Reden, die Alles in ihren Bereich zogen und dennoch immer auf jüdischem Boden blieben, die durch die Lebendigkeit und das Feuer seines Vortrages, wie nicht minder durch die gewählte Sprache die Zuhörer fesselten und das religiöse Empfinden in ihnen neu belebten. So war er während eines halben Jahrhunderts und davon 36 Jahre hindurch in dieser Gemeinde der vielgerühmte Prediger einer alten Zeit und doch hinwiederum einer neuen, aus jener die Waffen holend für diese, gleich dem redegewaltigen Aron des Alterthums bestrebt, die Fesseln seiner Glaubensgenossen zu lösen, ein Priester im Dienste der Freiheit und der Erkenntniß, und wie er der zärtlichste, aufopferungsvollste Vater seiner Kinder war, so betrachtete er die Gemeinde als seine größere Familie, der er, den Einzelnen wie der Gesammtheit, bald das Wort des Trostes, bald der Mäßigung, immer aber der Belehrung über den unerschöpflichen Segensauell unserer Religion predigte. Nun ist sein Mund für immer verstummt und wenn Ihr ihm im Stillen ein dankbares Lebewohl zurufet, so erlaubt Ihr wohl, daß auch ich von dem Collegen Abschied nehme. Am nächsten Sabbath werden es 28 Jahre, daß ich zum ersten Male das Wort der Belehrung in dieser Gemeinde an geweihter Stätte verkünden durfte. So lange stehe ich an seiner Seite, und wenn auch unsere Ansichten und Meinungen mitunter auseinander gingen, so ist doch während dieser Zeit der Friede in. der Gemeinde nicht blos erhalten geblieben, sondern ich glaube sagen zu dürfen, er wurde befestigt, was ich nicht mir, sondern ihm als Verdienst zuschreibe. Denn nichts lag ihm ferner, als auf das Vorrecht des Alters und der Größe zu pochen, sondern gemäß jenem alten Spruche unserer Weisen ließ er auch die Meinung des Jüngeren und Geringeren gelten, wenn sie dem Frieden der Gesammtheit dienlicher schien. Dafür danke ich ihm mit jener Aufrichtigkeit, die er, wie ich glaube, niemals bezweifelt hat, die das Einzige ist, worin ich mit ihm zu wetteifern gewagt habe und die ich auch in der letzten Stunde angesichts dieser Bahre bekennen darf und bekennen will. Es waren 28 Jahre gemeinsamer Arbeit, die ich mit Dir durchlebt habe, darunter waren viele Stunden herzlichen, vertraulichen Meinungsaustausches, darunter war auch mancher Augenblick aufwallender Heftigkeit. Aber wie dem sein mag, wir wuchsen im Laufe der Zeit doch immer fester zusammen, schwer löst sich ein solches Verhältniß und mit Dir geht ein großes Stück meiner eigenen Vergangenheit dahin. Von Jacobs Tode hat er zuletzt an dieser Stätte gesprochen. Bon ihm sagen unsere Weisen: „Mit dem Tode Jacobbrach die alte Hungersnoth wieder hervor." Es ist das Beste, was man von einem Menschen an seiner Bahre sagen kann, daß man seiner nicht satt geworden. Man wird hungern und dürsten nach Deinem belebenden Worte und dieser Hunger wird nicht gestillt, dieser Durst nicht gelöscht werden. Das wird Dein Andenken und Deinen Namen erhalten für und für. Amen. * Selbst durch die vom Herzen kommenden Worte so tief ergriffen, daß er stellenweise die Thränen mit Mühe zurückhalten und unterbrechen mußte, rührte Dr. Güdemann auch seine Zuhörer zu Thränen. Nun hoben Mitglieder des Cultusvorstandes den Sarg, trugen ihn unter Trauergesängen vor das Gotteshaus und stellten ihn auf den vierspännigen Trauerwagen, der sich unmittelbar darauf über den Franz Josef-Ouai, die Radetzkybrücke und die Landstraße Hauptstraße, Simmeringerstraße nach der israelitischen Abtheilung des Centralfriedhofes in Bewegung setzte. In zahlreichen Wagen folgten die Leidtragenden. In den Straßen, die der Conduct pafsirte, brannten die Gasflammen in den Laternen. 11m die Mittagsstunde langte der Zug auf dem Friedhofe an. Als der Sarg auf die Estrade in der Ceremonienhalle gestellt war. executirte Obercantor G o l dstein einen Trauerchoral. Sodann ergriff das Wort Rabbiner Tr Schmiedel: „Schmerzvoll und ergriffen stehe ich heute hier an dieser Trauerstätte, an der Bahre eines Mannes, der durch seinen mächtigen Geist, sein immenses Wissen, sein gewaltiges Schaffen, sein Streben und Wirken von Tausenden und Abertausenden Lippen und Herzen gefeiert, gepriesen und gesegnet wurde, des Herrn Dr. Adolf I ell inek, der seit 36 Jahren Oberrabbiner und Prediger dieser großen hochintelligenten und nach jeder Richtung hochstehenden Gemeinde Wien, im 74. Jahre seines unvergeßlichen Lebens durch die Hand, zu der Niemand sprechen darf: „Was thust Du da?" aus seinem Erdenwallen abberufen worden ist. Ein Bibelwort sagt: „Und als die ganze Gemeinde sah. daß Aron, ihr großer Lehrer und Führer und erster hoher Priester, sein göttliches leuchtendes Auge im Tode geschlossen, da weinte bitterlich durch dreißig Tage das ganze Haus Israels." Geehrte Trauerversammlung! Immer, wenn der Prediger an dieser Trauerstätte seines Amtes waltet, dann stehen hinter ihm die Leidtragenden, um dem theuren geliebten Heimgegangenen den letzten Tribut ihrer Ehrenpflichten darzubringen. Heute ist es anders! Nicht nur hinter mir, sondern vor mir steht eine große Schaar der Trauernden und Leidtragenden, die alle mit dem Prophetenjünger wehklagend ausrufen: „Mein Vater! Mein Vater! Große Führer Israels und der Prediger selbst, obwohl oft erschüttert, zählt er sich zu der großen Schaar der Trauernden, denn das Wort der Weisen bewährt sich in der That. Wenn ein Lehrer, ein hoher Priester der Wiffenschast, ein Führer wegzieht, fühlen sich Alle als Verwandte, Leidtragende und Trauernde und weit hinaus, wohin die Trauerbotschaft dringt. Herr Dr. I ell inek ist gestorben, da fühlen Tausende und Abertausende das herzlichste Leid und das aufrichtigste Weh, so groß, so hoch angesehen war der Name des Dahingeschiedenen! Redner schildert in ergreifenden Bildern die Jugendzeit des Verblichenen, der schon im zarten Alter eine Fülle von Wissenschaften in sich ausgenommen, und entwirft sodann ein Bild seines Lebenslaufes. „Dr.Jellinek",sagtRedner, „war eine herrliche Zierde der Wissenschaft, der schon mit 24 Jahren als Prediger und Oberrabbiner der israelitischen Gemeinde in Leipzig Vorstand und durch seine ausgezeichneten, unvergleichlichen Predigten und durch seine Schriften sich einen Weltruf erobert hat. In allen großen