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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-01-05 · 1 (5.1.1894) · page 17

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
1 (5.1.1894)
Date
1894-01-05
Page
– (sequence 17)
Language
German
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Nr. 1 Oeyerreichischr Wochenschrift Seite 17 Dr. Adolf DeUinek. Seit wenigen Stunden wölbt sich ein frischer Erdhügel über den irdischen Träger eines rastlos schaffenden und schöpferischen G ei ste s, einer reichen und glänzenden Phantasie, sowie eines für alles Bedeutende und Große überaus warm pulsirenden Herze n s. Wie besonders selten die hier erstgenannten zwei Factoren — die leichtbeschwingte Phantasie und die kritisch sondirende Reflexion — an einem und demselben Träger vereint sich vorfinden, zeigt schon ein flüchtiger Blick in die Literaturgeschichte. Wie an dem Beispiele von Plato und Aristoteles und ebenso von Sälomon Gabirol und Moses Maimonides, so erkennen wir fast allenthalben ganz gesonderte Repräsentanten jener zwei heterogenen Richtungen. Und umso bemerkenswerther und interessanter erscheint es uns daher, sogar alle die drei oben genannten Factoren in einem und demselben Träger inniggesellt vorzufinden, wie diese Bereinigung eben das Wesen des Mannes bildete, der sichsunddreißig Jahre hindurch als religiöser Lehrer an der Spitze dieser — in jeder Bedeutung des Wortes — großen Gemeinde Wien stand. Doch trotzdem nunmehr der Staub zum Staube sich gesellt hat, den Unzählige mit ihren Thränen benetzten, ist glücklicherweise jene erhebende Erscheinung von Geist, Phantasie und Herz in ihrer innigsten Bereinigung uns nicht ganz verloren gegangen, da in den ewigen literarischen Denkmälern, die der Heimgegangene auf die Nachwelt vererbte, ein lebendiges Abbild hievon uns erhalten geblieben ist. Jedoch so reich und vielgestaltig der Lebensinhalt dieses Heimgegangenen war, in so knappen-Zügen läßt die Lebensgeschichte desselben sich zusammenfassen. Der bekannte talmudische Erfahrungssatz (Nedar. 81b) — merkwürdigerweise^ an 4. M. 24, 7 anknüpfend — daß die großen Lehrer unseres Stammes zumeist Kinder der Armen waren, sowie die mächtigen Wasserströme aus winzigen Quellen hervorgegangen sind, hatte auch hier seine Bewahrheitung gefunden. Geboren in einem Dorfe nächst dem mährischen Städtchen Ung.-Brod (im Jahre 1821), der Sohn hochehrenwerther, doch mit schweren Nahrungssorgen kämpfender Eltern, hatte er schon in zarter Jugend eine Fülle jüdischen Wissens derart in sich ausgenommen, daß er nach zurückgelegtem 13. Lebensjahre bereits die Reife besaß, die damals berühmte Jeschibah des gelehrten R. Moses Wanefried in Proßnitz frequentiren zu können, wo er durch ungewöhnlichen Lerneifer, wie durch aufblitzenden Scharfsinn Aufsehen erregte. Ausgerüstet mit den reichen Resultaten dieser rabbinischen Studien, ging er wenige Jahre später nach Prag, um mit dem ganzen Feuer seines vor keiner Schwierigkeit zurückschreckenden Lerneifers auf die private Aneignung all jener Unterrichtsgegenstände sich zu werfen, die der Lehrplan der damaligen österreichischen Gymnasien umfaßte. Und wieder war es ein alter Erfahrungssatz, der hier sich bewährte, daß nämlich da, wo dem Studium der Thora die Priorität vor allen anderweitigen Studien eingeräumt ward, so daß ein gründliches jüdisches Wissen und Können die Unterlage und gewissermaßen den fruchtbaren Humus bildete, in welchen sodann die mächtige Zeder der allgemeinen Wissenschaft ihre Wurzeln tief einsenken konnte — daß in solchem Falle in der Regel ein ungeahnt rasches und überraschendes geistiges Wachsthum die Folge war. — Und so zeigt uns schon das Jahr 1842 den genialen Jüngling an der Hochschule in Leipzig als Lieblingsschüler des damals eines europäischen Rufes sich erfreuenden Universitätsprofessors und Arabisten Heinrich Fleischer. Das Jahr 1845 aber zeigt ihn uns gar bereits in seiner praktischen Wirksamkeit. Als junger Mann von 24 Jahren ist er der gefeierte Prediger der dortigen jüdischen Gemeinde, der von den Tausenden, die während der Leipziger. Messe sich zu seinen Predigten drängten, mit staunender Bewunderung gehört wurde. Nach drei Richtungen hin beginnt nun der Name Jellinek einen Weltruf zu gewinnen. Als Kanzelredner von besonderer Originalität, da er gleich den Meistern der vormaligen Derafcha — R. N iss im, Asaria Figo, Jonathan Eiben sch itz — seine Predigten mit einer kernigen Fülle von Gedanken ausstattete, wobei seine große Kenntniß der hagadischen Literatur ihm zugute kommt; als genialer, vielseitiger G elehrter und als ebenso fruchtbarer Schriftsteller, der immer neue Minen in dem großen Gebiete der jüdischen Wissenschaft anschürfte. Hier nur einige Belege für dieses letztere Moment. Schon im Jahre 1839 ist er der Editor des literarhistorischen Wörterbuches von de Rossi und begleitet dasselbe mit onorratologischen Anmerkungen. 1844 erscheint seine Uebersetzung von Adolf Frank's „Kabbala". Im selben Jahre beginnt seine Redaction des „Sabbath-Blatt", fortgesetzt bis 1846. Im letzteren Jahre erscheint seine Edition von Bachjas „Pflichten der Herzen". Ferner eine Art Wörterbuch über arabische und persische Wörter in Talmud und Midrasch. Wir sehen dabei ab von einer Menge kleiner Publicationen, wie Predigten u. dgl. — Im Jahre 1851 erscheint gleichsam als erster Ring in der langen Kette seiner kabbalistischen Stndien, seine Schrift: „Moses de Leon und sein Berhältniß zum Sohar" — eine Schrift von großer kritischer Bedeutung, weil durch dieselbe die Sobar-Frageals endgiltiggelöstzu betrachten ist. Ebenso beginnt im Jahre 1853 unter dem Titel „Beth-ha- Midrasch“, eine für die Literaturgeschichte unschätzbare Sammlung von in Handschriften und seltenen Druckwerken zerstreuten kleineren Midrascr,im, begleitet von kritischen Einleitungen. Nach allen diesen genialen Leistungen kann es nicht befremden. daß die große Cnltusgemeinde Wien bei der im Jahre 1856 neben dem unvergeßlichen M a n n h e i m e r zu besetzenden zweiten Predigerstelle sofort auf Jellinek das Augenmerk richtete. Seine im selben Jahre — am Sabbath der Perikope Noah — hier gehaltene Predigt: „Jede Zeit hat ihren Mann und jeder Monn hat seine Zeit", war von einer wahrhaft sensationellen Wirkung. Bor uns liegt ein von Herrn Buchhändler C. D. Lippe im Jahre 1882 verfaßter „Katalog der literarischen Publica' tionen des Dr. Adolf Jellinek", welcher 109 Nummern enthält. Doch sind von Jellinek's eigener Hand noch zwei Schriften beigefügt, die im Katalog unerwähnt geblieben. 1. 8epder ba-0tb, eine Apocalypse von Abraham Ab ulasia. 2. Der jüdische Stamm in nichtjüdischen Sprichwörtern, lll. Serie. Unter den Schöpfungen, die hier in Wien durch die energische Thätigkeit J ellinek's in's Sein getreten, steht mit Recht hoch obenan, die unter dem Namen Wiener Betb-balUillr asob gegründete und mit einer überaus reich ausgestatteten Bibliothek versehene Lehranstalt, an der die Herren A. H. Weiß und M. Friedmann als Leetoren wirken — zwei Männer von immenser Gelehrsamkeit, die durch ihre fruchtbare schriftstellerische Thätigkeit eines weithin gefeierten Rufes sich erfreuen und an deren durch Klarheit und Gründlichkeit sich auszeichnenden Borträgen über Talmud und Midrasch bereits eine große Schaar von Jünglingen zu Männern jüdischer Wissenschaft sich herangebildet. Auch die an Abendstunden gehaltenen populärwissenschaftlichen Vorträge übten eine große Anziehungskraft^ aus, da stets Hunderte von Hörern herbeiströmien und an den über die verschiedensten Themen gehaltenen Borträgen sich belehrten und erbauten. Die von Dr. I ell inek 1876 edirte Schrift Mikdasch Jab — enthaltend die nach einer Handschrift zum erstenmal gedruckte Einleitung zu Salomon Norzi's masoretischen Bibel- Commentar, und die der Herausgeber wie immer mit bibliographischen und literargeschichtlichen Bemerkungen reichlich ausstattete — hatte derselbe dem Vorstande des Letb-ba-Uidrased, der aus der Elite der Wiener^ Gemeinde hervorgegangen war, gewidmet. Nicht unerwähnt darf es auch bleiben, mit welch freundlicher und ausmunternder Bereitwilligkeit der Heimgegangene jedes literarische Streben förderte. Als der Schreiber dieser Zeilen im Jahre 1867 — damals zu Proßnitz in Mähren — seine „Studien über die arabisch-jüdische Relrgionsvhilosophie" schrieb, erhielt er von dem nunmehr Verewigten aus seiner großen Privatdibliothek die werthvollsten Werke zur Benützung zugesendet. — Unwillkürlich wird man da an eine Notiz des Heimgegangenen (L. Bl. des Orient v. I. 1849, auch Gröbevs hebräisches „Magazin" v. I. 1886, S. 64) über bie^ große Michel'sche Bibliothek in Hamburg erinnert, deren Besitzer in Engherzigkeit Niemandem ein Buch zur Benützung überließ, und die nach dessen Tode in's Ausland verkauft werden mußte. Es wird dort aus dem „Buche der Frommen" eine Parallele angeführt, in welcher ein ähnlicher Ausgang als Art Nemesis ausgefaßt wird. (Bgl. übrigens auch hierauf bezüglich Talnnld Kethub. Folio 50 a.) Geschrieben wenige Stunden nach der ehrenvollen Bestattung. Wien, 22. Tebeth im Schöpsungsjahr 5654. Rabbiner Dr. S chmiedl.

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