Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 51 (22.12.1893)
- Date
- 1893-12-22
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Nr. 51 Vrflerreiürtschr WochenfchrM ©eite 1003 am Arme, eine hohe Leiter herabzusteigen. Uebrigens junger, gnädiger Herr," war er fortgefahren, „bin ich noch immer bereit, dies an Ihrer Stelle zu übernehmen— natürlich lehnte ich seinen edelmüthigen Vorschlag wieder entschieden ab." „In der Nähe des Mauerthurmes lenkte der Kutscher aus die Eisfläche des Flusses ein, und als wir etwa vierhundert Schritte vom Mauerthurm an einer Stromesbiegung angelangt waren, forderte Deidelsheimer, der Einzige von uns, der sich seine Ruhe und Besonnenheit bewahrt hatte, meine Mutter und Schwester auf, aus dem Wagen.zu steigen und in der Mitte des Flusses uns und den Vater zu erwarten. Er begründete dies in so vernünftiger Weise, daß sich die Frauen seinem Wunsche fügten. „Bon hier aus konnten diese die Fahrstraße übersehen und konnten, wenn sich eine Streispatrouille oder eine nächtliche Wachablösung zeigen sollte, uns noch rechtzeitig in Kenntniß setzen. Die Eisfläche wurde Nachts von Niemanden betreten und so konnten sie in der tiefen Dunkelheit nicht bemerkt werden, während dies am Uferrand leicht möglich war Und die Anwesenheit zweier Frauen um Mitternacht an diesen! Orte Verdacht erregen mußte. — „Lassen Sie sich von Ihrer Mutter segnen," flüsterte mir Deidelsheimer zu, bevor wir ans Werk schritten. Ich senkte mein Haupt, meine Mutter legte ihre Hände aus dasselbe und sprach: „Gott sei mit Dir. ... es sei sein geheiligter Wille, daß ich Dich und Deinen Vater bald in meine Arme schließe!" — Ihr Wunsch ward nicht erfüllt, ihr heißes Gebet nicht erhört!" Frankel mußte, wie schon so oft in seiner langen Erzählung, vor Bewegung übermannt, einen Moment innehalten, dann fuhr er fort: „Deidelsheimer und ich fuhren nun bis zu dem Mauerthurm. Es hatte den ganzen Tag geregnet und noch jetzt goß der Regen in Strömen von dem wolkenumzogenen Himmel, an dem nicht das kleinste Sternchen leuchtete. Als wir nun aus dem Wagen stiegen, erhob sich ein lauer, aber heftiger Wind, über die Eisfläche streichend, gleichzeitig die Wolken am Firmamente auseinanderjagend, so daß plötzlich die Mondesscheibe sichtbar wurde. Deidelsheimer, der nichts verabsäumte, was meinen Muth aufrichten konnte, flüsterte mir Zu: „Ein gutes Omen! Gott ist mit uns! Er wird unser Werk gelingen lassen. ... Er hat den lauen, milden Wind gesandt, der den Vorhang vom Himmel weggezogen und uns der lieben Lewono*) helles Antlitz erblicken läßt. Geben Sie junger, gnädiger Herr, wie schön sie uns leuchtet, ihre Strahlen fallen gerade auf den Mauerthurm .... und sehen Sie, der Schuft von Kerkermeister ist bei alledem ein tüchtiger, verläßlicher Mensch, der sein Geld ehrlich verdienen will! Die Leiter steht schon ongelehnt, der Fuß derselben steht aus der Eisfläche, etwa dreißig Schritte vom Ufer. Wir müssen jeden Augenblick des Zeichens gewärtig sein . . . . . ich frage Sie noch einmal, wollen Sie es nicht doch lieber mir überlassen, unseren Rabbi herunterzutragen? . . . ich bin ruhiger als Sie, Sie sind zu aufgeregt!" „Nein!' nein, nein!" hatte ich heftig geantwortet und in dem Augenblicke hatte ein Flämmchen in der Dachlücke des Thurmes emporgezuckt, Deidelsheimer rief: „Also vorwärts mir Gott — ich halte die Leiter fest, seien Sie unbesorgt." . . . Ich betrat die erste Sprosse, sprach — unwillkürlich laut: „Auf Deine Hilfe b.au' ich o Gott!" — und stieg dann vorsichtig empor." Der Oberhoffactor und Markbreiter horchten in höchster . Spannung auf,- sie hatten die Empfindung, als wenn sie das Begebniß mit erlebten; — sie glaubten Frankl des Nachts die Leiter am Thurme emporsteigen zu sehen, sie glaubten Alles das zu empfinden, was damals sein Herz bewegte, und doch wagte selbst der hochgestellte, selbstbewußte Oberhoffactor es nicht, Fränkl, der tiefaufathmend wieder eine Pause gemacht hatte, zur Fortsetzung seiner Erzählung aufzufordern. „Endlich war ich an der obersten Sprosse angelangt", ergriff Fränkl wieder das Wort, „und bestieg vorsichtig das Dach, welches naß und schlüpfrig war, es war so weit offen, daß ich nicht viel Raum für meine Füße fand. Da Licht in der Zelle brannte, konnte ich das Innere genau betrachten. — In derselben befanden sich vier Menschen, der Kerkermeister, seine , beiden mir unbekannten Gehilfen — und mein Vater. Der Raum war niedrig und so eng, daß nicht noch ein fünfter hätte eintreten können. Bei dem Anblicke meines Vaters krampfte sich mir das Herz zusammen, daß ich voll Schmerz ausschreien hätte mögen. Als ich ihn vor fünf Jahren das letztemal gesehen, war er ein riesenstarker Mann mit kaum ergrauendem Haare gewesen, jetzt war sein Bart weiß wie Schnee, sein ehemals mächtiger Leib hager, die ehemals frische Gesichtsfarbe fahl, auch war er so schwach geworden, daß er sich nicht auf den Füßen halten konnte, sich an die Schulter des Kerkermeisters lehnen mußte, er sah wie ein hundertjähriger Greis, und da er die Augen, wohl vor Mattigkeit, geschlossen hielt, wie eine Leiche aus. „Mein Vater!" rief ich laut an den Rand der Dachlücke tretend, er schlug die Augen auf, und ein Lächeln überflog seine edlen, ernsten, gramzerwühlten Züge, — o! Gott und Herr, dieses Lächeln machte mich glücklich, überglücklich. „Du bist's, mein Sohn?!" sprach er und seine Stimme klang matt und heiser, „Du kommst in der That mich zu erlösen? Der Mann da hatte mirs gesagt, als er anfing, mir den eisernen Ring vom Leibe abzufeilen, — ich aber hatte es nicht geglaubt, ich Hab' geglaubt, Markgraf Friedrich Wilhelm wolle mich, nachdem er mich lange Zeit unmenschlich hat gequält — endlich, vielleicht martervoll tödten lassen.Lebt Deine Mutter, Deine Schwester noch? . . . .Ich habe sie, ich weiß nicht, wie lange nicht gesehen .ich Hab' es im Kerker verlernt, die Länge der Zeit zu taxiren. . ." „Mutter und Schwester leben, lieber Vater", hatte ich geantwortet, „und hoffen mit Gottes Hilfe Dich bald jubelnd in ihre Arme zu schließen. . . . Aber wir müssen uns sputen!. Komm' mein Vater, ich muß Dich auf einer Leiter heruntertragen!" . . . Mein Vater war von dem jähen Wechsel in seinem Schicksale so überrascht, die Mittheilungen des Kerkermeisters mußten so unvollständig gewesen sein, daß er die Situation nicht recht aufzufassen vermochte und mit einem ungläubigen Lächeln kopfschüttelnd sagte: — „Auf einer Leiter... . und bei Nacht?! .Das ist doch sonderbar! Aber Du bist mein treuer Sohn.ich geh' mitsDir, wohin Du mich auch bringst!" — Nun hoben die drei Männer den Greis empor. Ich umschlang seine Hüfte, er umklammerte, vielleicht unwillkürlich, meinen Hals und drückte einen Kuß auf meine vor Erregung glühenden Wangen. Mein Vater ist, — vielleicht muß ich leider sagen, war — ein Mann von wunderbarem Geiste und wenn dieser auch während fünfjähriger Kerkerhast in lichtlosem Raum, wo er abgeschlossen, von der menschlichen Gesellschaft, fünf Jahre kein Wort gesprochen, verdunkelt worden sein mochte, hellte er sich wieder, als er sich frei fühlte, auf, und das Erste, was der merkwürdige, heilige Mann sprach, als er in Gottes freier Natur aufathmete, war: „Gelobt seist Du unser Gott, König der Welt, der Du die Gefesselten erlöst." .... Dann aber warf er einen Blick in die Tiefe hinab und sprach: „Du willst mich da hinabtragen, denn gehen kann ich vielleicht nicht, meine Füße sind schwach geworden und außer Uebung gekommen.Das ist zu schwer für Dich .... Du wagst Dein Leben! Ich will Dir einen besseren Vorschlag, machen, .... geh' Du allein zurück, das wird Dir leichter werden.ich aber geh' wieder in meinen Kerker zurück. . . . Der Kerkermeister wird so gut sein, mich wieder an die Wand zu schmieden.Nachdem ich Dich, mein lieber, theuerer Sohn noch einmal vor meinem Tode gesehen und erfahren habe, daß Weib und Kind noch leben. — ist mir Gott, sei Dank, viel leichter um die Seele.Grüß sie viel tausendmal von mir .... ich werde nun die kurze Frist der ird'schen Qual, die mir noch auserlegt ist, doch leichter überkommen!" (Fortsetzung folgt.) Literatur. Jüdische Familienpapiere. Es ist ein bemerkenswerrhes literarisches Ereigniß, daß die ..Jüdischen Familienpapiere" soeben in dritter Auslage erschienen sind. (Zürich, Cäsar Schmidt 1893.) 'Herzberg hat sich in diesem seinen rühmlich bekannten, aber noch immer nicht nach Gebühr verbreiteten Buche die Darstellung der jüdischen Gedankenwelt zum Ziele gesteckt, was ihm, insofern die Lösung einer im Grunde genommen Philosophischen Aufgabe im Rahmen eines Romans möglich ist. glänzend gelungen ist. Tradition, Lehren, Sitten, überhaupt Alles, was das jüdische Leben umfaßt, werden von allen Seiren beleuchtet. Wie Bellamy in seinen „Rückblick vom Jahre 2000" die Lehren des Soeialismus in der Form eines geschickt gesponnenen Romans zu popularisiren sucht, so hat Herzberg in den Famillenpapieren vor Bellamy und mit mehr schriftstellerischer Begabung und tieferer philosophischer Durchbildung die Gedanken, leitenden Ideen des Judenthums in scharf ausgeprägten Gegensatz zum Hellenismus, insbesondere aber zum Christenthum dargestellt. Eine herrliche Apologie des Jndenthums bietet uns H e r zb er g. *) Mondscheibe.