Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 50 (15.12.1893)
- Date
- 1893-12-15
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Kzaa-jfc»-.?- - - y,( >«, i •, im... .. —. Nr. BO Stark wie der Tod ist die Liebe. Kurze Zeit, nach dem Ableben meines Freundes Dr. M. ersuchte mich seine alte Schwester, die ihm seit langen Jahren die Wirtschaft führte und die einzige Erbin seiner Hinterlaffen- .schaft war, die zahlreichen Papiere, die sich von dem Tobten vorfanden, zu prüfen und zu classificiren. Der Verstorbene war ein geachteter Advocat, war aber dabei immer literarisch thätig, obwohl er nur wenig veröffentlichte, und ich glaubte, daß die Arbeit, welche die trauernde Schwester von mir verlangte, literarische Schätze zu Tage fördern werde, so daß ich mich derselben mit Freude unterzog. . Wir waren aus einer und derselben Gemeinde in Ungarn, studirten anfangs zusammen, bis die verschiedenen Berufsstudien uns trennten. Bon armen Eltern abstammend, wurde es ihm durch seine schöne Erscheinung und seinen lebhaften Geist doch leicht, sich fortzubringen, und feit seiner Selbstständigkeit galt er allgemein als das Muster eines Gentleman in allen Dingen. Was aber an ihm umsomehr räthselhaft erschien, war seine Melancholie, die ihn von Zeit zu Zeit befiel, ihn, den Mutter Natur mit den beneidenswerthesten Gaben überhäufte und auch das Glück nicht stiefmütterlich behandelte. Dieser Seelenzustand hatte bei ihm hie und da einen krankhaften Charakter angenommen und steigerte sich in den letzten Jahren seines Lebens zu dem Gemüthsleiden, welches als die eigentliche Ursache seines frühen Hintrittes zu betrachten war. In diesem Leben hatte es offenbar ein Geheimniß gegeben, emes jener düsteren Geheimnisse, an welchen die Seele hinsiecht, wie von einem giftigen Samum getroffen. Vielleicht sollte mir die Revision seiner nachgelassenen Papiere entweder in Form von literarischen Productionen oder Briefen einen Einblick in das Mysterium dieses Lebens gewähren. Meine Erwartungen in dieser Beziehung schienen jedoch nicht in Erfüllung zu gehen. Ich fand zwar viele literarische Arbeiten, angefangene und vollendete, eine Menge interessanter Correspondenzen mit Künstlern und Gelehrten und Aufzeichnungen über Personen und Vorgänge, voll des bittersten Sarkasmus, aber nichts befriedigte meine Neugierde auf die Ursache seines Seelenleidens. Die vollständige Abwesenheit von Aufzeichnungen persönlicher Natur brachte mich auf den Gedanken, daß er dieselben vernichtet haben müsse, um dem Grundsätze jedes anständigen Menschen, Andere nicht mit seinen Privatangelegenheiten zu behelligen, auch noch im Tode treu zu bleiben. Eines Tages jedoch fand ich in einem geheimen Fache seines Schreibtisches ein Fascikel, in welchem sich ungefähr dreißig Briefe befanden, bei deren Anblick ich einen Freudenruf nicht unterdrücken konnte. Diese Briefe waren in derselben Art classificirt, wie die anderen; sie waren der Länge nach zusammengefaltet, auf der Rückseite mit einem großen Anfangsbuchstaben und einer römischen Ziffer bezeichnet und numerirt. Unterhalb der Zahlen befanden sich einige Zeilen von der Hand des Verstorbenen. Auf dem Umschlagpapier des Fascikels las ich die Worte: „Briefe von . . . (1866—1872)".' Man kann sich denken, mit welcher Begierde ich an die Lectüre dieses interessanten Fundes ging. Der erste Brief, der vom 24. April 1866 aus meinem Geburtsorte datirt war, enthielt das Geständniß glühender Liebe eines jungen Mädchens, dessen Familie ich kannte. „Deine Liebe", so schreibt sie, „ist der Sonnenstrahl, der die Nacht meiner Seele erhellt. Gott hat es so gefügt, daß Du nach langen Jahren Deine Heimat wieder besuchen mußtest, um mich glücklich zu machen. Ich habe nie gewußt, was Liebe ist, die Freier, die sich mir genaht, suchten mehr mit meinem Vater wegen der Mitgift, als mit mir und meinem Herzen in Ordnung zu kommen. Du hast mir den Glauben an die Liebe gegeben. Seit jenem Abend, wo wir unsere Hände ineinander gelegt und uns durch einen Eid verlobt haben, fühle ich es, daß ich für Dich und für keinen Anderen bestimmt war, und keine Macht der Erde soll unsere Herzen auseinander reißen." Auf der Rückseite dieses Briefes stand von der Hand des Verstorbenen unter Zahl 4 geschrieben: „Mein Leben, meinen Ehrgeiz lege ich zu den Füßen dieses Engels nieder. Was bedeutet all das gegen das Opfer, welches sie mir mit diesem reinen Herzen gebracht hat!" Die folgenden Briefe waren in demselben begeisterten Tone gehalten. Doch bald mischten sich auch dunkle Wolken in das strahlende Bild dieser jungen Liebe. Ihr Vater wollte sie an einen jungen Kaufmann des Ortes verheiraten, sie wider¬ Seite 983 stand, und als sie ihm ihre Liebe gestand, gerieth er in Zorn. Er konnte es nicht fassen, daß sie einen Menschen ohne religiöse Grundsätze, wie er sich bei seinem Besuche in der Heimatsge meinde gezeigt und ausgesprochen hat, der noch dazu arm und erst am Anfänge einer schwierigen Laufbahn siebt, einem reichen jungen Mann von den glänzendsten Eigenschaften vorziehen könne. Sie schrieb dem Geliebten: „Gestern Hab' ich mit Papa wieder eine furchtbare Scene gehabt. Er sagte, daß ich die Bewerbungen Alfred's annehmen müsse; er habe auf diese Verbindung nicht nur mein Glück, sondern auch Pläne gebaut, von welchen sein eigenes Schicksal abhänge. Ich widerstand aber aller seinen Bitten und Drohungen, da mich der Gedanke an Dich aufrecht hält. Alfred selbst dauert mich, er ist ein lieber, wackerer Mensch, ein treues Herz, aber Du bist ja meine Seele, ohne Dich müßte ich sterben." Auf der Rückseite stand von meinem Freunde geschrieben: „Herrliches, tapferes Mädchen! Ich habe ihr in den wärmsten Ausdrücken für ihren Muth und ihre Treue gedankt und ihr versprochen, nach meinem ersten Avancement vor ihren Vater hinzutreten und ihn um ihre Hand zu bitten. Welch ein Schatz von Liebe liegt in diesem Landkinde." Der Zeitraum eines Jahres liegt zwischen diesem Brief und dem nächsten im Fascikel. Große Veränderungen waren eingetreten; ihre Eltern waren nacheinander gestorben und sie wohnte bei einer Tante. Sie schreibt ihm: „ . . Tante meint zwar, eine gute Tochter müsse den Willen ihres Vaters folgen, auch wenn er nicht mehr lebt, und daß es eine Thorheit sei, eine Partie, wie die mit Alfred auszuschlagen; aber schließlich sei mein Herz doch der oberste Richter in dieser Sache und sie habe im Princip nichts gegen unsere Verbindung einzuwenden. Ich glaube, mein Geliebter, wir werden bald glücklich sein!" Die Note auf d?r Rückseite dieses Briefes lautete: „Was für bizarre Koketterie ist es, daß sie mir immer den Namen dieses Alfred nennt! Seit zwei Jahren füllt diese Liebe mein ganzes Leben aus, und doch muß ich gestehen, daß die Tochter des Präsidenten ein begehrenswerthes Mädchen ist und daß ich, wenn ich Rosa nicht gekannt hätte, heute die Hoffnung auf eine Verbindung hätte, welche mir die glänzendste Carrisre eröffnen würde. Freilich kostete es mich die Taufe, aber über das Gewissen zu diesem Schritt wäre ich hinaus. Doch bin ich es mir selbst schuldig, Rosa treu zu bleiben." Ein langer Zeitraum lag zwischen diesem Briefe und dem folgenden. Dieser war in einem Tone gehalten, in welchem Schmerz und gekränkter Stolz mit einander zu kämpfen schienen. Es klang wie ein leiser Borwurf über langes Stillschweigen aus demselben. Folgende Worte von der Hand meines Freundes standen auf der Rückseite: „Ich bin entschlossen, Rosa das Opfer meiner Hoffnungen auf die Hand der Tochter des Präsidenten und damit auf eine rasche Carrisre zu bringen, wenn sie dieses Opfer annimmt. Ich habe ihr reinen Wein eingeschenkt und ihr auch mitgetheilt, daß sie darauf gefaßt sein müsse, daß ich einmal, wenn mir das Judenthum im Wege stehen sollte, den Glauben wechseln werde. Gleichzeitig habe ich eine kleine Andeutung einfließen lassen, daß, falls Alfreds Werbung nicht definitiv fallen gelassen sei, das vielleicht das beste Mittel wäre, aus dem Dilemma herauszukommen. Die Tochter des Präsidenten ist ein reizendes Geschöpf und ich war thatsächlich blind, daß ich so lange brauchte, um das zu erkennen." Als ich den nächsten Brief öffnete, fielen ein Ring und ein Bouquet getrockneter Frühlingsblumen aus demselben. Ich entfaltete den Brief und erkannte, daß er nicht von der Hand der Schreiberin der früheren Briefe war. Der Name der Tante stand unter demselben. Ich las: „Mein Herr! Empfangen Sie hier einen Ring und ein Bouquet, die, wie mir meine unglückliche Nichte sagte, Ihr Eigenthum sein sollen. Sie beauftragte mich, Ihnen dieselben zurückzuschicken und Ihnen zugleich mitzutheilen, daß sie Ihnen Ihre volle Freiheit wieder gebe. Sie starb gestern um 9 Uhr Abends. Mit ihrem letzten Hauche sagte sie mir: „Schreibe ihm, gute Tante, daß sein Gewissen durch meinen Tod nicht belastetist. Ich habe erkannt, daß es nicht angehe, die Hoffnungen eines Mannes, wie er, durch die Liebe zu einem einfältigen Mädchen aus einer Judengaffe zu vernichten. Ich wollte ihm keine Fessel sein, die ihn hindern soll, sein Glück zu erreichen. Ich habe ihm nichts zu verzeihen, denn er hat kein Unrecht an mir begangen; nur ich habe mich getäuscht und deshalb habe ich mich bestraft und Gift genommen. Ich kann ohne seine Liebe nicht leben." Vrsterreichische Wortzenfrtzrtst