Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 50 (15.12.1893)
- Date
- 1893-12-15
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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Seite 982 Oesterreichifche Wochenschrift Nr. 50 Fürstengunst. Roman von S. Kohn. Verfasser von „Gabriel". Zeder unbefugte Nachdruck rotrd mit aller Strenge verfolgt werden. Uebersetzungs 37) rechte Vorbehalten.) „Auf diese Leiter muß ein kräftiger, gewandter Mann emporsteigen und Ihren Vater am Dachfirst in Empfang nehmen. ,Jhr könnt Euch denkertt, hatte ich darauf erwidert, daß ich selbst der Mann sein, daß ich dies keinem zweiten Menschen auf der Welt überlassen werde/ Albert Winador ließ einen beifälligen Blick über meine kräftige, biegsame Gestalt gleiten und sprach: Das ist mir recht lieb, denn das macht das Gelingen ^chon viel wahrscheinlicher, was ich sowohl in Ihrem als meinem Interesse wünsche. Es gehört große Geistesruhe und ein sicherer Blick und Tritt dazu, mit einem Menschen auf dem Arm, in totaler Finsterniß, im strengen Froste herabzusteigen, wo man befürchten muß, bei dem leisesten Fehltritte mit seiner kostbaren Last kopfüber in die Tiefe hinabzustürzen!" „Es ist merkwürdig", sprach Wertheimer, „daß Ihnen der Mann die Ausführung seines Planes so schwierig schilderte; er sollte ja befürchten, daß Sie dies abschrecken, von Ihrem Vorhaben abhalten, er um die große Summe, die er von Ihnen zu erhalten hoffte, kommen würde?" „Das befürchtete Winador nicht", erwiderte Frankl. „Ich hatte offenbar den Eindruck auf ihn gemacht, daß nichts auf Erden mich von der versuchten Rettung meines Vaters abschrecken könnte, auch wird ihm Deidelsheimer dies schon früher gesagt haben; — allein es war auch ihm an dem Gelingen unseres Planes gelegen, auch er hatte bei dem Mißlingen große Gefahren zu befürchten, er wußte, er werde mich nun nicht früher als in der entscheidenden Stunde sehen, in dieser sollte so wenig alsmöglich, am liebsten gar nicht gesprochen werden und er wollte mir daher schon heute dringendst die höchste Vorsicht empfehlen." „Sie sind trotz Ihrer Jugend ein großer Menschenkenner", meinte Wertheimer, „ich glaube, Sie haben vollkommen recht". „Bevor wir von einander schieden, machte der umsichtige Deidelsheimer noch auf einen Punkt aufmerksam, der besprochen werden mußte, nämlich wann und wo dem Kerkermeister die ihm für sich und seine Gehilfen zugesagte große Summe ausgezahlt werden sollte. Winador glaubte, auf dem Dache, in dem Momente, als er mir meinen Vater entfesselt frei übergab, darauf aber ging ich nicht ein und sprach es offen aus, ich befürchte, er könnte mich, wenn ich an der Spitze einer hohen Leiter, den Vater am Arme, wehrlos stünde, in die Tiefe Hinabstürzen, den großen Betrag behalten und überdies vom Markgrafen für den noch rechtzeitig vereitelten Fluchtversuch reiche Belohnung einheimsen." „Was antwortete der Kerkermeister auf diese Ihre offenherzige Aeußerung?" frug Perez Markbreiter. „Er sah mich zuerst bestürzt, groß an, dann sprach er. Bei dem Heile meiner Seele, daran habe ich nicht gedacht; das wäre der niederträchttgste Schurkenstreich, der je verübt wurde;.— aber ich nehme Ihnen ihr Bedenken nicht für übel, Sie besitzen eben nur einen Vater und nur ein Leben! Also Sie geben mir jetzt ein Angeld von tausend Gulden, — ich brauche ja auch zu den Vorbereitungen Geld — und geben mir den Betrag auf der Eisfläche des Stromes, bevor Ihr Vater in den Wagen steigt. Sie sehen mir nicht darnach aus, als ob Sie mich um meinen wohlverdienten Lohn betrügen wollten. Schließlich kamen wir noch überein, daß er mir längere Zeit vorher ganz genau Tag und Stunde, wann ich an Ort und Stelle zu erscheinen habe, anzeigen sollte. Wir besprachen, daß er durch einen Boten an unseren Bankier Jonas Meyer in Dresden einen Brief schicken, dessen Jnlage mir Meyer zumitteln sollte, so daß auch der Bote nicht wußte, daß er eine Correspondenz zwischen dem Kerkermeister und mir vermittle. — Winador ließ nicht sehr lange mit seiner Anzeige warten. Ende October 1727 überbrachte mir ein Commis des königlichen Hofagenten Meyer — dieser mochte eine so wichtige Botschaft, als ein Brief aus Ansbach an mich enthalten mochte, nur einer verläßlichen Person anvertrauen — einen Brief, welcher lautete: Ich werde mein Wort pünktlich am 20. November einlösen, und erwarte, daß Sie den bewußten Betrag selbst abholen werden. Albert Mitternacht. Ich mußte sofort die Vorbereitungen zu der wichtigsten Reise, die je ein Mensch mit schwer belasteten Herzen unternommen, treffen. — In dem hellaufflammenden Feuereifer, in dem glühenden Verlangen, den geliebten Vater von seinen Höllenqualen zu erlösen, hatte ich mir in fast wahnsinniger Ueberhebung Uebermenschliches zugetraut; jetzt aber erkannte ich, und auch Mutter und Schwester erkannten dies, . daß ich zu dem schwierigen Werke, das ich beginnen wollte, mindestens eines treuen Genossen bedurfte, und wo sollte ich unglücklicher verbannter Mann einen kräftigen, entschlossenen, vor keiner Gefahr zurückbebenden Menschen finden, dem ich unbedingtes Vertrauen schenken, und von dem ich die höchste Anhänglichkeit und Hingabe erwarten konnte? Wo konnte ich, in der mir fremd gewordenen Heimat, einen Wagen und einen verläßlichen Kutscher finden? Wohl hatten Mutter und Schwester erklärt, mich zu begleiten, und in dem Momente des Ausbruches aus dem Kerker in der Nähe zu bleiben; aber wir alle erkannten es, daß ihr Beistand ein höchst unzulänglicher wäre." „Das Alles", meinte Perez Markbreiter vorwurfsvoll, „hätten Sie früher bedenken sollen, und es wundert mich, daß Sie es nicht gethan, Sie hatten ja mit dem Kerkermeister Alles bis auf die kleinsten'Einzelheiten genau besprochen!" „Sie vermögen es eben nicht, sich in meine Lage zu versetzen! — Was in der Hand Fremder lag, das glaubte ich Alles genau besprechen zu müssen, aber wo ich selbst in die Action einzutreten hatte, da, — da glaubte ich Thor, mir alle Macht, alles Können zutrauen zu dürfen, da glaubte ich überhebender Mensch das Recht zu haben, von Gott fordern zu dürfen, daß er mir für kurze Zeit — nicht eine Secunde länger als für die Rettung meines Vaters nothwendig war, — einen endlos kleinen Theil seiner endlos großen Allmacht, seiner endlos großen Allwissenheit verleihen möge — aber jetzt fiel mir die Sorge wie Bergeslast auf die Seele, wie könnte ich allein das große Werk glücklich zu Ende führen? — allein dieser schweren Sorge wurde ich in unerwartetster Weise enthoben!" „In welcher?" frug Markbreiter eifrig, obwohl er wissen mußte, daß auch ohne diese Frage seine Neugierde in dem nächsten Momente befriedigt werden würde. „Ich habe es schon gesagt, ich wollte Deidelsheimer für den Fall des Mißlingens nicht in unser Unglück verwickeln, er sollte früher, als die Entführung meines Vaters stattfinden sollte, das Fürstenthum verlassen — und da ich mich seit meiner letzten Zusammenkunft ohne Nachricht von ihm befand, nahm ich auch an, daß er sich schon irgendwo — wo? konnte ich nicht ahnen, in Sicherheit und Ruhe befände; da kam zwei Tage nach Winador's Brief ein Schreiben von Deidelsheimer an. Es war mit jüdischer Currentschrift geschrieben, aber es erschien mir zuerst vollkommen unverständlich, völlig sinnlos. Erst Tags darauf empfing ich die Aufklärung. Es langte ein zweiter Brief an, in welchem ich aber nichts anderes, als einen Zettel fand, auf welchem zweimal, einmal in der gewöhnlichen Reihenfolge von Alef beginnend mit Taf schließend, das zweitemal in umgekehrter Ordnung mit Taf beginnend und mit Alef schließend, das Alphabet geschrieben stand. Ich erkannte daraus, daß Deidelsheimer in dem ersten Briefe sich jener Geheimschrift bedient hatte, wo statt des ersten Buchstaben des Alphabetes der letzte, statt des zweiten, der vorletzte u. f. f. gesetzt wird. — Ich erfuhr nun, daß der treue Mann in seiner beispiellosen Ergebenheit und Anhänglichkeit für uns wohl seine Entlassung vom Markgrafen erlangt, auch seine Familie zu Verwandten außer Landes geschickt, daß er aber Ansbach erst gleichzeitig mit meinen Vater verlassen wolle, und daß es ihm, wie er schrieb, nie eingefallen sei, zum Danke für die großen Wohlthaten, die er und die Seinen von uns empfangen, mich in der schwersten Stunde meines Lebens zu verlassen. Er schrieb, er sei während der ganzen Zeit mit Winador in geheimer Verbindung gestanden und werde mich am 18. November in einem außerhalb Ansbach, aber nahe an dessen Grenze gelegenen Städtchen erwarten. Er habe schon für Alles vorgesorgt, er habe schon einen Wagen für uns gemiethet. Es sei dies, schrieb er weiter, vielleicht zum Theil der Wahrheit entsprechend, vielleicht um in seiner selbstverkleinernden Bescheidenheit den Werth seiner Bemühungen zu verringern, nicht so schwierig als ich mir dies vielleicht vorstelle. ______ (Fortsetzung folgt.)