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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-11-10 · 45 (10.11.1893) · page 20

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
45 (10.11.1893)
Date
1893-11-10
Page
– (sequence 20)
Language
German
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SeUc 894 Veflerrrtttzische Wochrnfchrm sJiv. 45 Fremde geschickt, kann er leicht, unter den heutzutage verderbten Bachurim, welche verborgen sich mit Philosophie und anderen unerlaubten Wissenschaften abgaben, selbst verdorben werden und Geschmack an solchen verwerflichen Dingen bekommen. Er wurde daher auch daheim sorgsam von aller Gesellschaft junger Leute ferngehalten; nur da der alte Rabbi Jzchak sich mit ihm nicht beständig abgeben konnte, wurde ihm ein Waisenknabe, wenig älter als er, von guten Geistesgaben, als Chasirbochur, wie es hieß, beigegeben. Dieser Knabe, Namens Abraham, genoß mit ihm beim Großvater gemeinschaftlich Unterricht, und seine Obliegenheit war es, mit Salomoh täglich das Gelernte zu wiederholen; dafür bekam er bei Jechiel Lurje freie Verpflegung. Rabbi Jzchak liebte den Waisenknaben seiner schnellen Auffassungsgabe und anderer Talente wegen sehr und pflegte zu sagen, ihn seinen Enkel als Beispiel stellend, daß er bester als Dieser können werde. In freien Stunden unterrichtete er ihn auch in andern Lehrfächern außer Talmud und Commentaren: in der von den Gelehrten im Orient wieder aufgefrischten, verborgenen Wissenschaft der Kabbalah, der maimonischen Philosophie, und schaute trotz seiner strengfrommen Gesinnung nicht darauf, wenn er ihn manchmal zur Dämmerzeit über Bücher anderer als der hebräischen Sprache sitzen sah, Alles weil er ihn lieb hatte. Salomoh, das Hallskind, war eifersüchtig auf solche Bevorzugung und suchte gelegentlich seinen Chasirbochur beim Lehrer anzuschwärzen; einmal hatte er sogar in Abraham's Gebetbuche „das Gebet des Aristoteles" (S. Schaalot und Teschubot des R. Moses Jsterls 6 und 7) auf ein Blatt Papier geschrieben eingeklebt gefunden und es dem Großvater hinterbracht, aber das änderte nichts an dessen Vorliebe. Der Bochur erhielt einen zärtlichen Verweis, verblieb aber nichtsdestoweniger zum gemeinschaftlichen Unterrichte bis zum Tode des Rabbi Jzchak. Und auch als dieser erfolgt war und Jechiel selber das Studium seines Sohnes leitete, lernte er mit Abraham gemeinschaftlich. in. Als Salomoh achtzehn Jahre alt wurde, fingen seine Eltern an, für ihn eine Lebensgefährtin zu suchen, und da sie mit Glücksgütern nicht gesegnet waren, mußten sie Jemand ausfindig machen, der gewillt war, den Stammbaum seines Geschlechtes durch Einpflanzen eines edlen Reises zu veredeln und sich einen „guten Eidam" einzusetzen. Es fand sich auch ein solcher in der Reichshauptstadt Krakau in der Person des reichen Eljakim Aschkenasi, welcher „tausend (Goldgulden, nämlich) Dir Salomoh und zweihundert seinen Hütern", (Hohelied 8) zu geben versprach, um ihn für seine Tochter Chanele zum Manne zu bekommen. Diesen Schiduch hatte ein Medinajud' (Schnorrer) ausfindig gemacht und sobald der erste Meinungsaustausch brieflich geschehen war, was bei den damaligen Verkehrsverhältnissen zwar ziemlich lange gedauert hatte, machte Eljakim kurzen Proceß, kam nach Posen und machte Tanaim (Verlobung). Das war im Winter, zu Ostern sollte Salomoh nach Krakau fahren, um feine Verlobte kennen, zu lernen. Dieses geschah auch in Begleitung Abraham's, an welchem er mehr aus Gewohnheit wie an einen Bruder hing und diesen nunmehr wirklich liebte. Da der überwachsene, bärtige Bochur in Allem besser Bescheid wußte, als das junge weltfremde Muttersöhnchen und daher Salomoh sich ihm unterordnen mußte, war bei Eljakim bald Abraham und nicht der Bräutigam der Mittelpunkt des Kreises im Hause und umsomehr, da Chanele sich auch mehr für den gesprächigen Bochur, der über alle Dinge so viel zu plaudern wußte, als für den bleichen schamhaften Bräutigam zu interessiren schien. Salomoh selbst nahm die altertümliche Königsstadt, ihre Schätze an Bücher und Manuscripte, ihre vielen Gelehrten, weit mehr in Anspruch, als seine wenn auch schöne Braut und er discutirte lieber mit dem Rabbiner oder durchstöberte, zusammen mit dem jungen R. Moses Jsterls, dessen Bekanntschaft er schnell gemacht, die Bibliotheken in den Synagogen, als mit Chanele Liebesgespräche zu führen. Jndeß bemerkte er, daß ihn Abraham nach dieser Richtung hin vollständig vertrat; er belauschte einmal ein Gespräch, das Beide, Abraham und Chanele, im Garten seines zukünftigen Schwiegervaters führten, welches lange vor seinem Hinzukommen gedauert haben mußte, denn in der Hitze desselben dichten siesich bereits und er erzählte ihr eine Geschichte von einer Frau, die, auf ihren in der Fremde weilenden Mann wartend, die sich um sie bewerbenden Freier dadurch abzuhalten wußte, daß sie angab, sich für einen von ihnen zu entscheiden, sobald die Handarbeit, mit der sie sich eben beschäftigte, fertig werde, und des Nachts das, was sie des Tages über zusammengenäht, wieder auftrennte. „Sollte das ein Beispiel von Frauentreue sein, dachte Salomoh bei sich, konnte er ihr doch die Geschichte von der Katze und Grube erzählen, die ja im Talmud steht und nicht jene, die gewiß aus irgend einem fremden Buche genommen ist." Einmal hörte er wieder von seinem Zimmer aus, wie sie sich, ebenfalls im Garten, miteinander zankten, und als er hinunterging, um Frieden zu stiften, sah er, wie Abraham vor seiner Braut kniete und sie ihn unter Thränen lächelnd bei den Ohren zu sich emporhob und auf den Mund küßte. Er entfernte sich unbemerkt wieder, aber das hatte ihn doch einigermaßen alterirt, und um solchen Scenen ein für allemal ein Ende zu machen, auch um seinen Freund nicht der großen Sünde des Gelüstens des Weibes eines Andern auszusetzen, reiste er nnt ihm mit Ausgang des Osterfestes sogleich ab) Um seine Braut war ihm wenig bange, im Hochsommer sollte ja ohnedies die Hochzeit stattfinden. IV. Diese fand auch statt, Salomoh kam nach Krakau, heiratete Chanele, bekam außer der versprochenen Mitgift, welche einstweilen fruchtbringend angelegt wurde, bei seinem Schwager freie Kost und Wohnung und sollte seinen Studien weiter obliegen, um sich zu vervollkommnen und einen Rabbinatsstuhl besteigen zu können. Seinem Vater Jechiel war es bange, ihn in einem fremden Orte ohne jeden Schutz und Gesellschaft zu wissen, daher mußte Eljakim Aschkenasi sich dazu verstehen, auch seinem Chasirbochur Abraham, um gemeinsam lernen zu können, freien Unterhalt zu gewähren, welcher auch gerne bei ihm blieb. Aeußerlich ging nun Alles gut; Chanele war für Salomoh eine vorsorgliche Gattin und er hielt sie gut nach seiner Art. nämlich wie es der Talmud vorschreibt: er liebte sie wie sich selbst und werthschätzte sie mehr als sich. Im Uebrigen war er kein scharfer Beobachter, um zu sehen, daß sie Liebe und Hingebung, wie sie sich diese vorstellte, anderswo suchte und das. gerade bei seinem wenig scrupulösen Freunde Abraham. Uebrigens duldete er diesen jetzt nur mehr, weil er glaubte, daß sein Schwiegervater seine Entfernung nicht gern sehen werde, und wollte sich im Hause desselben kein Votum anmaßen; denn sonst hatte sich seine Liebe vollständig in Haß verwandelt, seiner Grundsatzlosigkeit wegen und weil er sah, daß er mit Vorliebe fremde Tücher siudirte, und er hatte oft ein peinliches Gefühl, wenn er mit ihm allein war. Oft bemerkte er, daß zwischen Chanele, seiner Frau, und Abraham ein ihm unbekanntes Einverständniß herrsche, doch war er zu naiv, um sie eines Mehreren zu beschuldigen, und so begnügte er sich, seine Pflichten zu erfüllen, oder glaubte wenigstens, daß er sie erfülle. Nicht ganze sechs Monate hatten sie so zusammen gelebt, während welcher Eljakim Aschkenasi schon nach einem Rabbinerposten für seinen Schwiegersohn Umschau zu halten begann; da waren eines Nachts Chanele und Abraham verschwunden. Das gab einen Jammer und Zähneknirschen! Frau Selbe, Salomoh's Schwiegermutter, die bis jetzt nur dazu zu existiren schien, um ihm das Essen zu reichen, was sie sich nie nehmen ließ, lamentirte; Eljakim schien um Jahre gealtert, verlor den Kops und seine Geschäfte vernachlässigend, konnte er, müssig dasitzend, stundenland auf einen Fleck Hinstarren; Salomoh schien es, daß es auf der ganzen Welt nichts Ueberslüssigeres und Jedermann zur Last, als er, gebe. Nach langen Nachforschungen erfuhr man, daß Chanele im Kloster bei den Karmeliterinnen internirt sei und daß sie zum Christenthume übergetreten. Mit vielen Mühen und Kosten gelang es Salomoh. zusammen mit seinem Schwiegervater, der selbstlos dazu mithals, ihr einen Get (Scheidebrief)ddurch einen vorschriftsmäßig mandantirten Boten übergeben zu lassen; somit war Salomoh frei. Bei dieser Gelegenheit arbeitete er zuerst seine Abhandlungen über die Scheidungsvorschriften aus. welche er später in sein großes Werk, „Jam schel Salomoh" (Der See Salomoh's) genannt, ausnahm. Nach Abraham hatte Niemand Ursache zu forschen, wiewohl man ihn ebenfalls in einer geistlichen Freistätte, unter solchen seines Geschlechtes gefunden hätte. Bald darauf heiratete Salomoh eine Tochter des Reb Klonimus aus Jerusalem und in ihr fand er, wie man zu sagen pflegt, seine vorbestimmte Ehehälfte. (Fortsetzung folgt.)

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