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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-11-10 · 45 (10.11.1893) · page 17

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
45 (10.11.1893)
Date
1893-11-10
Page
– (sequence 17)
Language
German
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iUr. 45 Oesterrrichisrhe Wochrnschrrfi Seite 891 AntilemltUche Phantasten. Eugen öuc schildert in einem seiner Romane einen alten Lord, der ein Vergnügen daran findet, auf einem Schaukelpferd zu reiten. Ernst Vergani ist kein Lord; aber trotz seiner Würde als Landtagsabgeordneter reitet er auf seinem hölzernen Pferd so selbstbewußt, alswär's ein echter Araber. Ihr kennt den Ernst Vergani nicht. Einem geschenkten Gaul sieht man zwar nicht ins Maul, aber er ist's im Stande und resuürt ein edles arabisches Roß blos der semitischen Abstammung wegen genau so, wie er die Artikel des Paulus Meyer zurückgewiesen hat. Ernst Vergani ist kein Lord und in seinem gesinnungstüchtigen Stall steht kein Araber; er ist höchstens so sparsam wie ein Sohn der Wüste und man sagt, daß er seinen Mitarbeitern täglich die Datteln vorzählt, mit denen er sie täglich speist. Dafür hat er ein verschwenderisches Naturell sür's Volk. Blos um das Staatswohl zu fördern, blos zur Vermehrung des Volksglücks, aus gar keinem anderen Zweck läßt er täglich seine Zeitung erscheinen — und sogar mit Leitartikeln. Die Letzteren sind ein unerhörter Luxus; thäten's nicht auch Inserate, wenn auch von jüdischen Banken? Man sehe sich, um einen deutlichen Eindruck zu gewinnen, das „Deutsche Volksblatt", Herausgeber Ernst Vergani, erscheint 6 Uhr Morgens, kostet 6 Kreuzer, vom 4. November, an. Vorne aus der ersten Seite, auf der Faaade des Kunstbaues steht ein Leitartikel, rückwärts aus der letzten hintersten Seite sind sämmtliche Inserate und Arabesken mit dem Namen Carl Lueger. Ein solcher Jnseratenhymnus ist noch nicht dagewesen; so hoch ist die Weltgeschichte noch nicht emporgestiegen, nicht einmal an einem Annentag. „Hoch, hoch, hoch! Gott erhalte! ein dreifaches Hoch! ein tausendfaches Hoch! ein donnerndes Hoch! ein dreifach donnerndes Hoch!" — das geht so fort in liebenswürdiger Abwechslung für den „Volksmann" den „Volkssreund", den „siegreichen Eroberer", den „tapferen Heersührer der christlich-socialen Armee" u. s. w. u. s. w. Dr. Carl Lueger: Anna, Katharina und wie die Holden alle heißen, sie müssen sich an ihrem Nainenstag beschämt fühlen vor dem Glanze dieser geschmackvollen Huldigung. Unten im schmutzigen Winkel gleichsam dieser unvergänglichen Ruhmestafel haben freilich noch ewige andere Earl, hat sogar eine Caroline Platz gesunden, eine Prosanirung, deren wir Ernst Vergani nicht für fähig gehalten hätten. Aber das schadet nichts; Zeder wird uns Recht geben, wenn wir behaupten, daß diese Jnseratenseite weit mehr Leitartikel ist, als alle Leitartikel des Ernst Bergan i. Und wenn sich Ernst Vergani aus der ersten Seite noch so anstrengt, die geistige Höhe der vierten Seite vermag er doch nicht zu erreichen. Man behauptet allerdings, daß der Milchmeier, erscheint 6 Uhr Morgens, beauftragt ist, auch die Leitartikel sür's „Volksblatt" mitzubringen: aber es laßt sich nicht ändern, das Inserat nimmt sich neben dem Leitartikel aus wie comprimirte Milch neben gewässerter Milch. Kaum aber haben wir dieses Wort ausgesprochen, so möchten wir es auch schon widerrufen. Bewundert man die Jnseratenseite, dann verblaßt der Leitartikel; kehrt man aber zu dem Leitartikel zurück, dann steht man, der Milchmeier hat auch das Seinige geleistet und er braucht sich vor dem Jnseratentheil nicht zu schämen. Gleichviel jedoch, ob der Milchmeier den Artikel geschrieben hat oder ein Anderer, so muß man sich die Sache so vorstellen, daß Jemand sich alle Mühe gibt, an einem Wirthshaustische, an welchem Unwissenheit und Bornirtheit das Präsidium führen, * alle Dummheit auszukramen, mit welcher ihn die Natur sreimüthig ausgestattet Hatz und daß er dann das Zeug als Leitartikel niederschreibt, und während er vom Bankerott des Staates spricht, seinen eigenen geistigen Bankerott plakatirt. Das Pferd des Ernst Vergani ist die hohe Finanzpolitik, speciell die Valutaregulirung und mir versichern, er kann nicht reiten, nicht einmal wie der kleine Knabe aus dem Schaukelpferde. Ich sage, es ist ökonomischer, sich des Zuckers zu bedienen, als des Honigs; mein Nachbar ist derselben Ansicht; jetzt jammere ich, der Zucker wird theurer werden, weil mein Nachbar auch Zucker braucht. Ein anderes Beispiel: Brennholz ist mir zu theuer, ich heize größtentheils mit Kohlen, mein Nachbar thut dasselbe und ich jammere, die Kohlen werden theurer werden. Das ist die Logik des „Deutschen Volksblatt". Nordamerika hat die ^Herman-Bill ausgehoben, das heißt, die Vereinigten Staaten erkennen die Weltherrschaft der Goldwährung und haben sich vom Silber losgesagt. Genau denselben Zweck erstrebt unsere Valutaregulirung. Das, was Nordamerika gethan hat, ist der unwiderlegliche Beweis für die Rothwendigkeit unserer Valutaregulirung. Unsere Lage wäre in mancher Hinsicht eine bedenkliche, wenn gerade wir am Silber sestzuhalten versuchten. Aber das „Volksblatt" hat eine ganz andere Weisheit; die nordamerikanische Union thut dasselbe, was wir gethan haben, folglich wird das Gold theurer werden, folglich kostet unsere Valutaregulirung noch mehr Geld. Und eine schlechte Währung und unterwerthiges Geld kostet das nichts? Schließlich ist es nicht unsere Ausgabe, die Valutaregulirung zu vertreten: wir wollen nur zeigen, wie die Weisheit beschaffen ist, welche dem Volke aus dem Born des Antisemitismus zuströmt. Optimistisch sind sie nicht die Phantasien des „Deutschen Volksblatt" nämlich auf der ersten Seite; dafür aber aus der vierten Seite die lustigste Heurigenscheuke, die man sich denken kann. Vorne die Kassandrarufe, hinten die Schnadahüpfl; Ernst Bergan i, deutschnationaler Landtagsabgeordneter in Niederöfterreich saus Galizien), in der Rolle des „Jeremias", dann hart daneben in der Rolle des Wiener „Drahrer", so gefällt uns der Mann. Was liegt an dem Staat, was liegt an Oesterreich; mit unheilvollem Blicke "und düftern Worten prophezeit Vergani, Oesterreich muß Bankerott machen wie Portugall und Griechenland, denn das sind unsere „Vorbilder". Sein patriotisches Herz blutet, aber überwältigt von Schmerz weissagt er dennoch den Staatsbankerott; aber das will nicht viel bedeuten, denn wir haben den Earl Lueger, den General-Feldinarschall der christlich-socialen Armee, Oesterreich bankerott! Hoch L u e g e r, ein dreifach donnerndes Hoch, ein tausendfaches Hoch dem Carl. Aus uns macht es best Eindruck, als sei aus der ersten Seite des „Deutschen Volksblatt" der geistige und aus der vierten Seite der moralische Bankerott des Antisemitismus constatirt. Man wird nicht erwarten, daß wir die Finanzweisheit eines Vergani, die er wahrscheinlich bei einigen Börsencoulissiers zusammengeschnorrt hat, einer ernsthaften Kritik werth erachten. Wenn er Oesterreich-Ungarn mit Griechenland und Portugall, diesen kleinen ruinirten Staaten, in Vergleich bringt, so muß man ihnr das verzeihen: denn er ist Landtagsabgeordneter, Zeitungsherausgeber, aber keil, Geograph. Aber das sollte er als Antisemit wissen, daß neben Portugall Spanien liegt und daß in Spanien wie in Portugall einmal die Träger des Antisemitismus im Namen des Staates und der Religion alle Verbrechen verübten, die Menschen gegen Menschen auszuüben vermögen. Diese Summe von Unmenschlichkeit, Grausamkeit, Habgier, Wortbruch, Treulosigkeit ist ja das Ideal; Herr Vergani, Sie wissen, wem dieses Ideal angehört und es steht auch geschrieben, daß, nachdem dieses Ideal erreicht wurde, die finanzielle lind politische Entwicklung Porlugalls und Spaniens keine glückliche gewesen ist. Ein Kind, das man noch am Bande führt, kann diesen logischen Schritt machen, und der Herr Vergani nicht; nach dieser Richtung sieht er und kennt er keine Vorbilder. Machen sie's denn in einem Geschäfte anders? Was man braucht, das kaust man, und was man nicht braucht, das kaust man nicht. Aus welchem Grunde ist Vergani so melancholisch geworden; aus welchem Grunde weissagt er den Staatsbankerott? Man verzeihe dem deutschnationalen Landtagsabgeordneten aus Sollenz in Galizien dieses klaffendeDeficit an Patriotismus; denn es ist dies sein einziges Auskunstsmittel in der Situation, in der

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