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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-11-10 · 45 (10.11.1893) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
45 (10.11.1893)
Date
1893-11-10
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 45 Oesterreich tfche Wochenschrift Seite 887 schlafen, wenn nicht menschliche Barmherzigkeit sich des Unglück- , seligen Menschenkindes annimmt! Und wer sollte sich zweier als Berbrecherinnen ans dem Lande verjagter Jüdinnen annehmen?! .... Wer, wer!? .... Diesen entsetzlichen Gedankenqualen waren meine Mutter und meine Schwester, zwei schöne, edle, weibliche Wesen, preisgegeben, die, schütz- und rechtlos, böse Menschen mehr als die reißenden Thiere des Waldes fürchteten; — diesen Gedankenqualen waren meine Mutter und Schwester ausgesetzt, die gewohnt waren, Wohlthaten in größtem Maßstabe zu spenden — aber keine Ahnung hatten, wie man diese von Andern erbettle." Rafael Frankl brach jäh ab, — das was er erzählte, hatte ihn zu mächtig erschüttert, er mußte sich abwenden, um die heißen Thränen, die seinen Augen entstürzten, zu verbergen. „Von wem empfingen Sie die erste Nachricht von dem harten, unverdienten Schicksale Ihres Vaters, Ihrer Mutter und Schwester?" frug der Oberhofsactor nach einer.Pause. „Von meiner Mutter. Diese und meine Schwester waren bei dem gänzlichen Mangel an Mitteln auch die kleinste Reise zu unternehmen, gezwungen, das erste Asyl, das sich ihnen darbot, dankend auzunehmen und es erschien ihnen noch als eine hohe Gnade Gottes, daß ihnen, ein solches in Jchenburg, einem Dorfe unweit der Ansbach'schen Grenze, von Bunim Eschenbach, dem einzigen Juden, der in demselben wohnte, angeboten wurde. Dieser hatte früher von meinen Eltern große Wohlthaten empfangen und war derselben in warmer Erkenntlichkeit eingedenk geblieben. Das Erste, was meine Mutter in Jchenburg that, war, mir einen Brief zu schreiben. Sie befand sich in der traurigsten Lage, in der sich je ein Mensch befunden und doch bewies sie eine bewundernswürdige Seelenruhe. Nachdem sie mir die erschütternden Vorfälle berichtete, beschwor sie mich in den beweglichsten und erhebendsten Worten, mich nicht von meinem gerechten Schmerze zu weit hinreißeu zu lassen, sie beschwor mich, nicht gegen den unersorschlichen Gott zu murren, sie beschwor mich, nicht zwei verschiedenen Gedanken, wie sie leicht in dem fiebernden Hirn eines feurigen, in seinen heiligsten Gefühlen tief verletzten jungen Mannes entstehen konnten, Raum zu gönnen, weder jenem: mich an dem undankbaren Markgrafen zu rächen, noch jenem, mich selbst von der uuertragbaren Last des Lebens zu befreien, freiwillig aus dem Leben zu scheiden; sie beschwor mich, solche böse Gedanken im Keime zu ersticken. Meine weise Mutter, wiewohl räumlich von mir entfernt, hatte in meiner Seele, wie in einem aufgeschlagenen Buche gelesen, hatte all' die finstern Gedanken, die mit der Nothwendigkeit eines Naturgesetzes in meiner aufgewühlten Seele emporbrausen mußten, erkannt — und sie hatte auck die richtigsten Mittel gewählt, sie erfolgreich zu bekämpfen. Sie gemahnte mich an die heilige Pflicht, mich für sie und meine Schwester zu erhalten, sie gemahnte mich an meine Pflicht, mich für meinen im Kerker schmachtenden Vater zu erhalten, der, wenn er durch einen Thron- oder Systemwechsel oder in irgend einer anderen Weise die Freiheit erlangte, verzweifeln müßte, wenn er seinen einzigen, endlos geliebten Sohn, seine einzige Stütze, durch eigene Schuld, sei's durch Selbstmord, sei's in Folge eines verunglückten Racheversuches nicht mehr unter den Lebenden fände. Sie gab es mir zu bedenken, daß ein Racheversuch an dem Markgrafen, selbst wenn er gelänge, nicht nur mich, den Vater, meine Schwester und sie selbst, wenn möglich noch unglücklicher, noch elender machen würde, als wir schon alle waren; — sondern, daß nach der zum Hammel aufschreienden Ungerechtigkeit, die alle Juden für die That des Einzelnen verantwortlich macht, Tausende von Glaubensgenossen für meine Unüberlegtheit, leiden müßten. Sie gemahnte mich an das Gotteswort: „Mein ist die Rache! spricht der Herr, ich habe das Recht, nicht Du hast es, Dich zu rächen und mir ist es Vorbehalten, Dir all das schwere Leid, das ich Dir — Deinem schwachen Menschensinne unbegreifbar, weßhalb? — zugefügt, wenn auch vielleicht nicht in diesem Leben, so doch in einem besseren, schöneren überreich zu vergelten!" „O! ich kenne ja Ihre Mutter, sie ist eine bewundernswerthe Frau!" rief Perez Markbreiter enthusiastisch. „Sie haben sie nicht in der Fülle, im Vollglanze ihrer Herrlichkeit gekannt," erwiderte Fränkl, „als Sie ihr begegneten, war sie seelisch gebrochen! . . . . Herr Perez Markbreiter, als Sie erzählten, meine Mutter hatte sich in den Strom stürzen wollen/ befiel mich der Gedanke: welche übermenschliche Qual mußte diese Frau erlitten haben, um in solcher Weise in ihrem Gottvertrauen erschüttert zu werden, mit so gewaltigem Schmerze, — daß ich, ich bediene mich Ihres eigenen Ausdruckes, wie ein zu Tod getroffenes Waldthier anfschreien mußte!" Wieder hielt Fränkl, tief erschüttert inne, erst nach einer längeren Pause konnte er fortfahren: „Gleich nach Erhalt des Briefes meiner Mutter, trat ich die Reise nach Jchenburg an. Es wäre vergeblich, wollte ich es versuchen, Ihnen mein Wiedersehen mit Mutter und Schwester zu schildern! .... Wir waren alle so endlos tief ergriffen, daß wir lange Zeit kein Wort hervorzubringen vermochten; der Gedanke an den Baler, den edlen Dulder, der mit eisernen Ringen und Ketten an den Quadern der Gefängnißmauer gefesselt lag, der uns nicht eine Secuude verließ, trat in dem Momente mit verdoppelter Lebendigkeit vor unsere Seele — und doch — wer vermag die wunderbaren Räthsel in einer Menschenbrust zu lösen? — durchzitterte mich ein wehmüthig süßes Gefühl, als Mutter und Schwester mir schluchzend an die Brust stürzten. „Wenn wir Dich wieder sehen und wieder haben," rief endlich meine herrliche Schwester Eva, „dann sind wir doch nicht ganz von Gott verlassen," und meine Mutter sprach: „Gott verläßt nie einen Menschen, der auf ihn vertraut" und so hatten unsere bebenden Lippen wieder das Wort gefunden — und wir konnten unser bedrücktes Herz durch Mittheilung, durch Austausch unserer Gedanken und Hoffnungen erleichtern. Ich bat die Mutter, ihre Mittheilungeu, die in dem engen Rahmen eines in höchster Aufregung geschriebenen Briefes nur unvollständig sein konnten, zu ergänzen, mir den Verlauf des entsetzlichen Ereignisses im Zusammenhänge zu erzählen. Ich erfuhr nun, daß sich der Vater in allen Phasen der Entwicklung mit seiner gewohnten Seelengröße benommen. Als Onkel Elkan in Untersuchung genommen wurde, war er allerdings in hohem Grade erschrocken und unter dem Eindrücke momentaner, tiefer Verstimmung hatte er mir geschrieben, aber bald war sein Vertrauen zu Gott und auch zu den Menschen zurückgekehrt und er erwartete mit Gewißheit, die Untersuchung gegen seinen Bruder werde unparteiisch geleitet werden und mit der Enthaftung und Schuldlosigkeitserklärung Onkel Elkans enden und der Markgraf würde diesen durch weitere Auszeichnungen für das ihm kurze Zeit gezeigte Mißtrauen reichlich entschädigen. Mein Vater vermochte es in seiner Seelenhöhe nicht, sich in die bodenlose Niedertracht charakterloser Schurken hineinzudenken. In seiner Herzeuseinfalt hatte er keine Ahnung, daß die mit der Untersuchung betrauten Räthe, welche, so lange als Elkan Fränkl im Zenithe seines Glückes stand, ihn mit hündischer Ergebenheit umschmeichelt ihn bis in den Himmel gehoben hatten, stets seine Feinde gewesen und schon lange Zeit heimlich an seinem Sturze gearbeitet hatten. Er war von dem günstigen Ausgange des Processes so fest überzeugt, daß er zuerst gar nicht beabsichtigte, für seinen Bruder beim Fürsten fürzusprechen, und erst, als sich die Angelegenheit bedenklicher gestaltete, auf Andrängeu meiner Mutter zum Markgrafen nach Ansbach fuhr. Aber selbst als ihm, der früher stets unangemeldet vor dem Fürsten erscheinen konnte, vom Kammerdiener bedeutet wurde, er habe den Auftrag ihn nicht vorzulassen, der Fürst sei für ihn nicht zu sprechen, ahnte er noch immer nicht, wie schlimm die Angelegenheiten ständen. „Der Fürst," sagte er, als er ohne ihn gesprochen zu haben, von Anslach heimkehrte, „dem vorgeworfen wird, er hätte sich zu viel von meinem Bruder beeinflussen lassen, will offenbar den Schein vermeiden, als hätte er sich durch mich für ihn günstig stimmen lassen". „A.s besorgte Freunde meinem Vater riethen, sich keiner Täuschung hinzugeben, ihn versicherten, auch ihm drohe Gefahr, er möge sich dieser durch rasche Flucht entziehen, beharrte er noch immer unerschütterlich darauf, er habe nichts zu fürchten, er habe nie etwas gethan, was er nicht verantworten könnte. Als die beiden Commissäre Generalsuperintendent Haendl und Licentiat Meelführer, welche bei ihm nach Büchern „lasterhaften Inhaltes" suchen sollten, um elf Uhr Nachts in sein Zimmer traten, erschrack der Vater, trotz der vorgeschrittenen Stunde, doch noch immer nicht. Er glaubte, die beiden Theologen, welche eifrig das Studium der hebräischen Sprache betrieben, besuchten ihn, um, wie sie dies früher oft gethan, sich Aufklärung über eine schwierige Textstelle zu erbitten oder ihn als Schiedsrichter in einem gelehrten Streite anzurusen — und selbst als die beiden Geistlichen, den Zweck ihrer Anwesenheit enthüllend, die Bücherschränke öffneten und deren Inhalt durchsuchten, war er noch immer ruhig geblieben. Erst als man ihn einige Tage später um Mitternacht in seinen! Hause in Fürth überfiel, ihm Ketten anlegte und ihn vor seinem Hause ein Wagen und eine starke Cavallerie-Escorte erwartete, erkannte er, daß er verloren sei, daß man ihn zu verderben beabsichtige; aber trotzdem blieb ' er ruhig und versuchte es, noch meine Mutter und meine

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