Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-10-20 · 42 (20.10.1893) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
42 (20.10.1893)
Date
1893-10-20
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3020846-3020954-3020996--02876-3026986
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Nr. 42 Wien, 20. Oclovev 18V3. Jahrgang X. Centralorgsn für die gesammten Interessen des Igpenthums. -#- Eigenthümer: RerchsraLhs-Abgeordneler Dp. Bloch. --- Erscheint jeden Freitag. K. k. PostspM assrnsmt ClraringvrrKrlrr Nr. 61t).V76. Lrdaction und Adniinlstralkon: Wien Franr Josess-Nnsi Nr. 3. Telephon-Nr. 6535. *=============£ Man abomrirt bei allen Pofianfistterr de» In- und Auslandes. Bezugspreis: Halbjährig 4 fl. Anzeigen: Die 4mal gespaltete Petttzeile 1« kr. Inhalt: Leitartikel: Ernst Schneider und Victor Adler. — Ein Memorandum an die Parteileitung der Deutschen in Mähren. —, Eröffnung der isracl.-theol. Lehranstalt in Wien. — Das Lrgcm Bismarck's, die „Westdeutsche Allgemeine Zeitung" in Köln, über den Proeeß eantra Decken und Paulus Meyer. — Wittheilungen der „Oesterr.-Jsrael. Union". — Stimmen ans dem Publicum. — Eingesendet. — Correspondenzen: Wien, Budapest, Lemberg, Schaff«, Bukovar, Leipzig. — Vermischtes: Wien, Klattau, Tachan, Troppau,. Mittsritz, Keszthely, Budapest, Lemberg, Leipzig, Breslau, Patzau, Erfurt, Stolp, Darmstadt, Amsterdam. — : Fürstengunst XXIX. — Literatur. — Wochenkalender. — Briefkasten. — Inserate. Ernst Schneider und Victor Adler. Unsere Antwort an die „Arbeiter-Zeitung". In ihrer Nummer vonF 13. October enthält die von Victor Adler angeblich zur Forderung der Arbeiterinteressen herausgegebene Wochenschrift eine gegen die „Oesterreichische Wochenschrift" gerichtete Notiz, an der wir am liebsten mit jener Gleichgiltigkeit vorübergehen möchten, wie wenn ein zuchtloser Gassenjunge oder ein betrunkener Student uns auf der Straße antisemitische oder nicht antisemitische Schimpfworts zürnst. Am besten ist diese Notiz „Mönch und Rabbi" mit den eigenen Worten der „Arh'eiter-Zeitung" gekennzeichnete .„eine Brutalität, aber zugleich eine so namenlose Albernheit, daß ein vernünftiger Mensch sie nicht ernst nehmen kann." Ja wenn das so anginge, dann würde auch ein Unterschied gemacht werden zwischen Förderung der Arbciterinteressen und Förderung des Classenkampfes. Der alte Adler, oder der Vater des Victor Adler pflegte in seinen Weisheitssprüchen zu sagen: „Man muß Manches ernst nehmen, was nicht ernst ist; weil man nicht wissen kann, was die Anderen darüber denken." Der alte Adler baute Häuser, kaufte und verkaufte Häuser, besuchte die Börse, hatte eine gewisse Aversion gegen das Hochdeutsche war ein Meister im Erzählen jüdischer Anekdoten. Aber der Pernerstorser kam in den Adlerhorst, das heißt, er übernahm die Erziehung der jungen Adler und es zeigte sich, daß die Gegensätze ruhig nebeneinander hausen können. Der alte Adler betrieb die Geschäfte iii seinem Bureau und erzählte jüdische Anekdoten im unverfälschten Dialekt und im Lehrzimmer bildete Pernerstorfer den künftigen Sozialistenapostel. Welch schöner Vorwurf für einen Roman aus dem Leben der Gegenwart. Der Capitalismus sammelt Reichthümer für den Socialismus und aus der Erbschaft wächst eine Arbeiterzeitung hervor. Es war noch eine schöne. Zeit; man konnte noch als ein Judenfeind sich declariren, wenn man auch als Jude geboren war. Ein Adler konnte noch mit einem Schönerer Zusammengehen. Aber plötzlich wurde erklärt, es werden keine Deserteure mehr angenommen und es trennte sich Adl e r von Schönerer oder Schönerer von A d l er. Was haben wirJhnen denn gethan, Herr Adler, was fallen Sie uns denn an, ohne dazu auch den geringsten Anlaß zu haben. Den Witz Ihres Vaters haben Sie nicht geerbt, das zeigt Ihre Zeitung; aber zum aufrichtigen Idealisten sind Sie auch nicht geworden, das zeigt auch Ihre Zeitung. Sie ki'itisiren und verstehen nicht einmal das, was Sie mit Ihren boshaft sein sollenden Bemerkungen angreisen, Ihre Erziehung hat sie zu einem die Langeweile ausströmenden Menschenkind gemacht; dabei sind Sie etwas Halbes geblieben, sind nicht ins Klare gekommen, Sie Amateur des Socialismus! „Mönch und Rabbi" betitelten Sie J^e Notiz; Rabbi, das ist aus den Dr. Bloch gemünzt, er acteptirt diesen Titel. Aber wo ist der Mönche ist der Mechaniker Schneider ein Mönch? Dr. Bloch hat verlangt, daß gegenüber dem agitatorischen Treiben, gegenüber den Hetzreden des Mechanikers S ch neid er die gesetzlichen "DrgWe ihre Schuldigkeit erfüllen sollen. Das nennt die „Arbeiter-Zeitung" eine „Persidie", „eine Denunciation, die.an Niedrigkeit den niedrigsten Gemeinheiten der Herren Geschäftsantisemiten würdig an die Seite zu stellen ist." Schneider hat seine Rede in einer öffentlichen Versammlung gehalten; die Zeitungen haben diese Rede und die Lehre vom „Schußgeld" gebracht und die Zeitungen haben auch ihre Verwunderung ausgesprochen, daß solche Aufstachelungen straflos bleiben können. Wie kann hier von einer „Denunciation" gesprochen werden oder von einer „Perstdie". Das ist eben, blöd und hirnlos in den Tag hineingeschimpst und das ist Ihrer würdig, Ihres Halbdenkens und Ihrer Halbbildung, Herr Victor Adle r. Aber wenn garkeine Zeitung über die Rede Schn e id e r's gesprochen hätte, so wäre es erst recht die Pflicht der „Oesterreichischen Wochenschrift" gewesen, ihre Stimme zu erheben; das liegt in ihrer Aufgabe, in ihrem Berufe. Wenn Schneider die „Zuhörer in Krems zur Ermordung der Juden auffordert, so sind offenbar die jüdischen Millionäre nicht in Gefahr, die Rothschild und die Sp ringer sind in ihren Schlössern sicher und wandern auch nicht in die Gegend von Krems, um mit alten Hosen zu handeln. Nur dem armen jüdischen Hausirer, der diese Gegend durchstreift, um für sich und seine Angehörigen kummer- und mühevoll das Brot zu erwerben, bringen diese Hetzereien in Gefahr, das Versuchsobject für die Theorien Schneidens zu werden und zu seinem Schutze haben wir die Staatsgewalt angerufen. Verstößt das gegen den Socialismus? Wenn Jemand zur Ausrottung der Arbeiter, zur Ermordung der Socialisten ausfordern würde, dann wird Herr Victor Adler selber nach der Polizei rufen; wenn es einem Wahnwitzigen beifiele, die Erschießung der Zigeuner zu empfehlen, so würde die „Arbeiter-Zeitung" nicht schweigen — nur der arme jüdische Hausirer verdient diesen Schutz nicht, weil er das Unglück hat — ein Stammesgenosse des Victor Adler zu sein! Dieses ehrlose Renegatenthum war ja niemals anders. Auf wessen Seite also ist die Gemeinheit, die Niedrigkeit, die Gesinnungslosigkeit zu entdecken? Ein Weib vom Naschmarkt, wenn es lossprudelt, hat noch immer mehr Logik als Sie Herr Victor Adler. Sie nennen den Schneider einen „wahnsinnigen Narren" und da könnten Sie allerdings argumentiren, daß man gegen einen Narren den Arzt zu Hilfe ruft und nicht den Staatsanwalt. Aber Herr

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.