Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 38 (22.9.1893)
- Date
- 1893-09-22
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Nr. 38 Vrstrrreichischr Wochensthrifl Seite 731 vor denr Schwurgerichts Hofe zu Wien am 15. September 1698. Steno graphisch er Bericht der Proceßverhandlung contra Paulus Meyer, Pfarrer Deckert von Weinhaus und den Redacteur des Wiener „Vaterland" Franz Doll. Wie n, Freitag, 15. September 9 Uhr Vorm, begann vor dem Schwurgerichtshose die Hauptverhandluug über die von Jankiel Nabinowitz, seiner Gattin Rachel, dann von Maische Rosenker, genannt Beriches, Srnl.Fr oft, genannt Partzewar, und Schmul Wassertrum, genannt Tarier, gegen Paulus Meyer, Psarrer Dr. Josef Deckert und den verantwortlichen Redacteur des „Vaterland" Franz Doll erhobene Anklage wegen Ehrenbeleidigung. Den Vorsitz in der Verhandlung führt Herr Landesgerichtsrath Haller. Die Anklage wird von Dr. Josef K o p p vertreten. Als Vertheidiger fungiren: für Paulus Meyer: Dr. Griez de R o n z e; für Pfarrer Dr. Deckert: Dr. P o r z e r; für Franz Doll: Dr. P a t t a i. Die Geschwornenbank ist aus folgenden Herren gebildet: Carl Reichert, Carl Wittmann, Carl Ozalewski, Joseph Reinhardt, Johann Garber, Ferdinand Eder, Robin Riegler, Jacob Politzer, Jacob Schember, Wenzel Lorenz, Moriz Selldorf, Ersatzgeschw. Lambert Berger. Vorsitzender: Ich erkläre die Sitzung für eröffnet und ersuche den Herren Schriftführer, den Gegenstand der Verhandlung bekanntzugeben.' Schriftführer gibt den Gegenstand bekannt. Vorsitzender nimmt hierauf dem Angeklagten Meyer die Generalien ab (31 Jahre alt, Protestant, ledig, ehemaliger Judenmissionär, zuletzt Lehrer, geboren in Wlozlawik (Russisch- Polen), zuständig nach Wilna in Rußland. Vorsitzender: Haben Siebereits einen gerichtlichen Anstand gehabt? Meyer: Ja, ich habe einen Streit in Danzig mit einem Missionär gehabt, weil ich seinerzeit gegen die Judenmission^ furchtbar losgezogen bin. Vorsitzender: Sind Sie bereits bestraft worden? Meyer: Mit vierzehntägiger Haft. Vorsitzender: Warum? Meyer: Wegen angeblichen Bettelns. Vorsitzender: Was für eine Erziehung haben Sie genossen? Meyer: Im Baterhause habe ich hebräisch studirt, so lange ich nicht Christ war. Vorsitzender: Sie haben sich also mit theologischen Studien beschäftigt und in dieser Richtung ist auch ihre Erziehung offenbar nicht von Einfluß auf Sie gewesen; denn ihre Eltern waren doch jüdischer Confession. Wodurch sind Sie zu einem Erwerbe gekommen? Meyer: Bis zum 21. Lebensjahre war ich meistens bei meinen Eltern. Dann starb mein Vater und dessen Wunsch war — Vorsitzender: Ich bitte, sich möglichst kurz zu fassen! Was für einen Erwerb haben Sie gesunden? Meyer: Als Lehrer und Schriftsteller. Vorsitzender: Ich constatire aus J.-Nr. 27, daß diese Angaben auch in den Auskuuftstabellen Vorkommen, ferner aus aus J.-Nr. 31, daß die Pvlizeidirection Wien a rgibt, daß gegen Meyer nichts vorliegt. Er hat guten Leumund, lebte mit seiner angeblichen Braut Emma Wituska bis zu seiner Verhaftung im gemeinschaftlichen Haushalte, zahlte für die Wohnung 22 fl.; seine Braut ist am 1. Juli 1893 nach Wiesbaden abgereist. Sein Einkommen ist nicht bekannt. Es erfolgt hierauf die Abnahme der Generalien des Dr. Josef Deckert, geboren in Drösing (Nieder-Oesterreich), zuständig nach Wien, 49 Jahre alt, katholisch, ledig, Pfarrer in Weinhaus, Vorleben unbeanständet. Vorsitzender constatirt aus J.-Nr. 29, daß diese Generalien auch in den Auskunftstabellen Vorkommen und daß die Polizeidirection Wien laut I. Nr. 32 mittheilt, daß nichts Nachtheiliges gegen Dr. Deckert vorliege, daß er sich eines guten Leumundes erfreut, daß er Pfarrer in Weinhaus sei. Er besitzt ein größeres, ziffermäßig nicht bekanntes Vermögen und hat ein Jahreseinkommen von fl. 1500. Vorsitzender nimmt hieraus demFranzDoll die Generalien ab (43 Jahre alt, katholisch, verheiratet, verantwortlicher Redacteur des „Vaterland", geboren zu Atzgersdorf, zuständig nach Wien, Vorleben unbeanständet). Vorsitzender: Was für eine Erziehung haben Sie genossen? Doll: Zuerst Realschule, dann Gymnasium, später beschäftigte ich mich mit theologischen Studien und seit zehn Jahren bin ich Journalist. Vorsitzender: Ich constatire aus J.-Nr. 28, daß diese neralien auch in den Anskunftstabellen Vorkommen und aus J.-Nr. 34, daß die Pvlizeidirection sagt, es liege gegen Doll nichts Nachtheiliges vor. Er erfreut sich eines guten Leumundes,