Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 17 (28.4.1893)
- Date
- 1893-04-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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»r. 17?• 3 Wien, L8. April 1883. X. Jahrgang. CrntralorgNl für die gesammten Interesten des Iudenthums. ft. popJpnrraljBnautt Clearingverkehr 11c. 810.976. Lrdaction und Adniinistralion: Wir n Franx Jofefs-Nnai Dr. 8. Telephon-Nr. 6535. -•#- EigenLhümer: Rerchsralhs-Abgeordnrler Dr. Stoch. -—:— Erscheint jeden Freitag. Man abonnier bet allen Postanstalten des In- und Auslandes. Bezugspreis: Halbjährig 4 fl. Einzelexemplare 25 lr. Anzeigen: Die 4mal gespaltete Petitzeile 12 kr. Inhalt: Leitartikel: Ein. Polyp in der Nase. — Eine arisch-germanische Bibel. — Die Schlacht bei Kolin. — Adolphe Frank. — Michael Winkler — Generalversammlung der österr. isr. Union. — Correspondenzen: Wien, Prag, Ung.-Hradisch, Eggenburg, München, Paris. — Vermischtes: Wien, Gwozdricze, Wischau, Prag, Schlau, Wodnian, Berlin, Altona, Hamburg, Amsterdam, Paris, Belgrad, Sofia, Algier. — Feuilleton: Emigration II. — Fürstengunst IV. — Wochenkalender. — Briefkasten. — Inserate. Gin Polyp in der Nase. In der neuerdings ausschließlich Herrn Ahlwardt gewidmeten Sitzung des deutschen Reichstags vom 25 April, in welcher der „Rector aller Deutschen" vor aller Welt feierlich mit all jenen Timlaturen geschmückt worden, die Herrn Mcchanikus Ernst Schneider seine Wiener Parteigenossen wiederholt zudictirten; in jener denkwürdigen Reichstagsversammlung, die durch manche Erscheinung an österreichische Parlamentsvorgänge erinnerte, wurde ein interessantes Geheimnis enthüllt, welches geeignet ist, viele räthselhafte Vorgänge im öffentlichen Leben, speciell den eigenartigen Character der antisemitischen Agitation und Agitatoren zu erklären und verständlich zu machen. Ein Berliner Abgeordneter nämlich constatirte aus den Acten des Berliner Magistrats, ° „d aß Ah lward t im Jahre 1889 sein Gesuch um Pensionirung selbst damit begründete, daß er zeitweilignicht ganz zurechnungsfähig sei". „Ein Polyp in der Nase mache ihm jedes klare Denken unmöglich (Lebhafte Heiterkeit), wie ein Physikatsattest bezeug e". (H e i t e r k e i t.) Diese. Heiterkeit, war da gar. nicht am Platze! Auf Grund dieses Ältestes hat Ahlwardt die Befreiung von den Amtspflichten gefordert und erhalten, während er zur Ausübung eines antisemitischen Mandates dies volle Zurechnungsfähigkeit, ein klares Denken offenbar nicht ganz unbedingt nothwendig hält. Dem Polypen in der Rase dankt also Ahlwardt zunächst die Muße für seine politische Arbeit, aber auch die geistige Verfassung für die antisemitische Berüfsthätigkeit. Der Polyp in der Rase hat ihn den Wählerclassen erst werth gemacht, die nur einen mit den ordinärsten Qualitäten ausgerüsteten Vertreter brauchen können. Dieser arischen Nase mit dem antisemitischen Polyp dankt er die ungeheuere Popularität, welche, ihm der Stöcker neidet, all' die Lorbeerkränze, mit welchen er in den Versammlungen in Wien und Berlin von antisemitischen Gefinnungs- und Leidensgenossen gefeiert worden; nur dadurch ist er der gefeierteste Held ganz Deutschands nach Biömarck geworden. Die Nase des Herrn Ahlwardt ist somit nicht blos äußerlich arisch in Form und Typus, sie trägt in sich auch das Geheimniß seiner arischen Gesinnungsreinheit und seinerungeheueren agitatorischen Erfolge trotz minimaler geistiger Begabung. Es würde sich indessen der Mühe verlohnen auch die Wiener Antisemitenhäuptlinge auf dieses Merkmal zu untersuchen. Nicht blos ihre Ungenirtheit.- im Erdichren und Wiederholen brutaler Lügen, welche eine oftmalige gerichtliche Widerlegung erfahren haben, sondern auch ihre Popularität in gewissen Wählerkreisen ist nicht anders zu begreifen, als durch die Zaubergewalr eines antisemitischen Polypen. Die antisemitische Doctrin selber ist nichts Anderes, als ein solcher Polyp, der dem Träger die geistige und moralische Urtheils-. fähigkeit schmälert und ihn unempfindlich macht für alle Pflichten der Wahrheit! Nur mit Hilfe eines solchen vermochte P r i n z L i e ch t e n st e i n einen Sir Moses Montefiore mir der Gasgesellschaft in Wien in Verbindung zu bringen, konnte Dr. Lueger seine Räubergeschichten von dem Feldzeugmeister S c u d i e r, von den Leitern der Donau-Dampfschiffahrts- Gesellschaft, von der Corruption der Oberhollabrunner Sparkasse oder ähnliche Schauergeschichten enthüllen, die er sich aus der Nase gezogen. Wer sich aber all die einzelnen Heldenthaten eines G e ß m a n n und Schneider in Erinnerung zurückruft, der erkennt sofort die geistige und moralische Verwandtschaft der Antisemitenhäuptlinge aller Länder mit dem Berliner Ahlwardt. Vergebens sind ihre versuchten Kunstgriffe, den „Ehrenmann" zu isoliren, von ihren Rockschößen abzuschütteln, und sie haben ihn doch in Wien mit Lorbeerkränzen ausgezeichnet, haben ihn wiederholt in Versammlungen als ihr Vorbild gefeiert. Die Welt hat ein Gedächtniß für die Geschehnisse — nur ihnen selber hat ein antisemitischer Polyp mit dem Urtheilsauch das Erinnerungsvermögen gelähmt. Einer Belehrung und Ueberzeugung sind sie unzugänglich, helfen kann nur eine Operation, eine gründliche und radikaleOperation dieses Polypen.