Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 16 (21.4.1893)
- Date
- 1893-04-21
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Nr. 16 Seite 299 Oesterreichifche Wien. Bon dem ermordeten Moskauer Bürgermeister Alexejew, dessen Helventhaten gegen die Juden die „Oesterreichische Wochenschrift" in einer ihrer letzten Nummern fcizzirle, entwirft der amerikanische Schriftsteller Harold Frederic in seinem 1892 bei Heinemann in London erschienenen Buche „The Exodus. A study of Israel in Kussia“ folgende Schilderung : „Die ersten Tage des Passahfestes im April 1891 werden nie vergessen werden, so lange die Juden sich Rußlands erinnern. Jene Tage sollen einer glücklichen Erfindung des Herrn M. Alexejew, des Bürgermeisters von Moskau, ihren unheimlichen Ruf verdanken. Ich sah diesen aufgedunsenen, schwärzlichen, rundköpfigen, dickbäckigen Barbaren mit dem Admiral Gervais in einer Troika fahren und er sah nicht aus, als wenn er je etwas erfunden hätte. Es ist ein Mann von 45 Jahren, der großen Reichthum und ein großes Handelsgeschäft von seinem Vater ererbt hat. Die Juden legen Gewicht auf die Thatsache, daß seine Mutter eine Griechin war — also einer Rasse angehörte, vor der sie eine große Furcht und einen besonderen Abscheu (?) empfinden. Er ist ein ehrgeiziger Demagog, der in ostentativer Weise den Gehalt des Bürgermeisters im Betrage von 7000 Rubel unter den Angestellten seines Bureaus vertheilt und selbst jährlich 100.000 bis 120.000 Rubel für Unterhaltungen und städtische Ceremonien ausgiebt. Das Jahr 1891 soll ihn 160.000 Rubel (340.000 Mk.) gekostet haben, da er alle Officiere der französischen Flotte von Kronstadt nach Moskau bringen ließ, die Kosten für deren Unterhalt im Haupt- Hotel während vier Tagen bezahlte und dieselben, wie sie gekommen waren, in einem Sonderzuge zurückschickte — Alles auf seine eigenen Kosten. Die Thatsache, daß der alte Generalgouverneur (der bekannte Fürst Dolgorukow) stets seinem Chan, vinismus entgegengetreten war und Alles gethan hatte, um den Bürgermeister zu hindern, sich als Herrn von Moskau aufzuspielen, gab Herrn Alexejew den hauptsächlichen Anlaß, sich der Verschwörung gegen den Fürsten Dolgorukow anzuschließen. Aus demselben Grunde wurde er aus einem eifrigen, um nicht zu sagen überlauten Bertheidiger der Juden zur Zeit der Regierung Alexanders II. zu dem heftigsten und erbarmungslosesten Judenh tzer im Reiche Alexander III. Er brannte vor Begierde, sich beim Amtsantritt des Großfürsten Sergei (des neuen Generalgouverneurs) durch eine ungewöhnlichere Tortur der Juden auszuzeichnen, als sie vorher einem anderen Antisemiten in den Sinn gekommen war. Das Levantiner Blut in ihm veranlaßte ihn zu diesem ungewöhnlichen orientalischen Stückchen brutaler Verschmitztheit. Einige Tage vorher war ein kaiserlicher Befehl ergangen, der alle Rechte der Juden in Bezug auf ihren Aufenthalt in Moskau, die durch das Gesetz von 1865 jüdischen Handwerkern ertheilt worden waren, abschaffte. Dieses Decret befand sich in den Händen der Moskauer Behörden schon einige Zeit vor dem Passahfcste. Es war Alexejews Idee, dieses Decret einige Zeit zurückzuhalten, um sich dann durch dessen Ausführung ein Vergnügen zu bereiten. Graz. (Die Grazer Intelligenz.) Daß auch in der schönen Murstadt der Antisemitismus seine Pflege findet, ist bekannt. Es dürfte aber doch interessiren, zu erfahren, daß die liebe Universitäts-Jugend es ist, welche eifriger und wirksamer, als irgend Jemand für die Judenreinheit der steirischen Hauptstadt sorgt. Vor etwa einem Monate kehrte ein strebsamer Mediziner jüdischer Abstammung zur Absolvirung des letzten Semesters nach Graz zurück, wo er seine Studien begonnen hatte und sie auch — dem Gesetze entsprechend — beenden wollte. Er fand daselbst viele alte Freunde und Collegen aus dem „ersten Jahre", die ihn herzlich begrüßten und sich ihm neuerlich anschlossen. Aber schon nach wenigen Tagen kam an die Wiener-Familie des Studenten ein Schreiben, in welchem er meldete, es sei ihm ganz unmöglich, in Graz zu verbleiben. — Auf dringendes Befragen theilte er auch die Ursache der veränderten Situation mit Dieselben Freunde, welche ihn bei der Ankunft collegial empfingen, hätten ihm kurz darauf eröffnet, der Verkehr mit ihm, dem Juden, habe sie bei allen „arischen" Collegen furchtbar compromittirt; er möge ihnen die Liebe thun, sie nicht zu kennen, sich von ihnen fernzuhalten' — Der junge Mann ist thatsächlich schon abgereist und muß sein Vorhaben, in Graz die Studien zu beenden, aufgeben. Haben die zuständigen Schulbehörden Kenntniß von dem Treiben? Und wenn nicht — wollen die Herren vom Unterrichtsministerium der Sache nicht nähertreten? Es muß doch nicht überall erst so weit kommen, wie in Kolin .... Berlin. Zuerst hetzen sie ftisch in die Welt hinein, und dann, wenn es ihnen an den Kragen geht, kriechen sie de- und Wochenschrift wehmüthigst zu Kreuze. Nämlich die Antisemiten. So wird der „Saale-Zeitung" unterm 10. d. M. aus Leipzig geschrieben: „Der antisemitischen „Neuen Deutschen Zeitung" scheint es vordem am Mittwoch vor dem hiesiger! königlichen Landgerichte beginnenden Processe gegen den Hauptleiter des Blattes Tr. Erwin Bauer und den verantwortlichen Redactenr Adolf Schroot selbst unheimlich zu werden. Der Anklage liegt eine Artikelserie, „Zum Falle Buschhoss" (Xantner Knabenmord) zn Grunde, in der den Clever Richtern ob ihres Verhaltens in genanntem Processe übel mitgespielt wird. Das Blatt sagt heut, daß seine Redaction „nicht überall die nöthige Umsicht und den erforderlichen Tact gewahrt" hat. Weiter gibt das Blatt bekannt, daß seitens der Beklagten Versuche gemacht worden seien, den verletzten Beamten freiwillig eine Genugthuung zu geben — diese Versuche aber seien leider mißlungen. „Wir nehmen rndeß keinen Anstand, auch an dieser Stelle unser Bedauern auszusprechen über Wendungen und Aussprüche, die unsere redactiomlle Wachsamkeit in den Artikeln zum Falle Buschhoff übersehen hat." Dieses Gewinsel aus Furcht vor der Strafe macht sich bei den „teutfchen" Männern, welche sich anschicken solle?', ihrer „Ueberzeugung" ein Opfer zu bringen, sehr komisch. Was die fraglichen Artikel betrifft, so haben sie jedenfalls ihre verhetzende Wirkung gethan. Denn es bleibt doch immer etwas hängen!" Interessant ist, was der Angeklagte über den Ursprung der antisemitischen Hetzartikel zum Besten gab: „Nach der Haftentlassung der Bnschhoff'schen Familie sei ihm durch einen Freund eine Persönlichkeit, deren Namen er nicht nennen wolle, als ein höherer Beamter aus dem Justizministerium vorgestellt worden. Diese Persönlichkeit müsse aber ein Polizeispitzel gewesen fein, er sei jetzt zur Ueberzeugung von der Richtigkeit di.fer Behauptung gelangt und wisse, daß der vermeintliche höhere Ministerialbeamte beauftragt gewesen sei, die antisemitische Bewegung zu überwachen und die Antisemiten zu compromittirenden Handlungen herauszufordern. Speciell diese Angelegenheit werde binnen Kurzem im Reichstag durch einen antisemitischen Abgeordneten zur Sprache gebracht werden. Der Name desselben möge heute noch verschwiegen sein. Er habe den fraglichen Beamten mit Reisegeld ausgerüstet, damit derselbe in Xanten nähere Erkundigungen einziehe und Berichte darüber einschicke. Der Beamte sei dann nach Leipzig zurückgekommen und habe ihm mitgetheilt, daß die Sachen in Xanten schlimmer ständen, als er (Dr. Bauer), an nehme, und daß es geboten erscheine, energisch in der Presse gegen das Untersuchungsverfahren vorzugehen. Nachdem dann der Korrespondent wieder nach Xanten gereist fei, habe er von dort Artikel gesendet, die so scharf gehalten gewesen wären, daß er (Dr. Bauer) sie gemildert habe. — Leider hat Bauer, wie er sagte sein „Ehrenwort" gegeben, den Namen des angeblichen Spitzels nicht zu nennen. Dr. Erwin Bauer wurde zu sechs Wochen Gefängniß und 150 Mark Geldstrafe, Redactenr Schroot zu 320 Mark Geldrafe verurtheilt. Es handelie sich um Beleidigung des in den Buschhoff-Proceß thätig gewesenen Ersten Staatsanwalts Baumgart, des Untersuchungsrichters Br^xius, des Rechtsanwalts Fleischhauer und dcs Staatsanwaltschafts-Assistenten Mellin, begangen in einem Artikel der „Neuen Deutschen Zeitung". Aus dem Plaidoyer des Staatsanwalts Dr. Nagel ist folgende Stelle erwähnenswerth: „Es gereicht mir zu ganz besonderer Genugthuung, hier in öffentlicher Verhandlung konffatiren zu können, daß in der heutigen Hauptverhandlung alle die Vorwürfe, die gegen die Behörden in Cleve gerichtet worden sind, und zwar in einer so schweren Form, daß in weiten Kreisen Beunruhigung entstanden ist, sich als völlig unhaltbar erwiesen haben. Von der Zulassung Öfters die ich für keine glückliche prozessuale Anordnung erachte, abgesehen, ist von den Beschuldigungen nicht nur nichts erwiesen worden, sondern das Gegentheil." Herr Rechtsanwalt Hillebrand machte die bezeichnete Mittheilung, daß es ihm beträchtliche Mühe gekostet habe, „die Angeklagten davon abzubringen, daß die gegenwärtige Verhandlung gewissermaßen als Revisionsinstanz des Buschhoffprocesses zu betrachten sei". Nun, wenn die Herren Bauer und Schroot bei diesem Glauben geblieben wären, so würden sie auch in Leipzig eine Enttäuschung erlitten haben, wie seiner Zeit in Cleve. Bueareft. Wie uns aus Bukarest vom 13. d. geschrieben wird, wurde die am 9., 10. u. 11. d. zu Braila abgehaltene Versammlung rumänischer Refervesoldaten mosaischen Glaubens außer durch die von der Deputirten-Kammer bereits genehmigte Beschränkung des unentgeltlichen Bolksschulunterrichtes auf die Kinder rumänischer Bollbürger zunächst auch durch die mannigfachen Rechtskränkungen veranlaßt, welchen die zum Waffendienste in der rumänischen Armee herangezogenen, aber trotz-