Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 11 (17.3.1893)
- Date
- 1893-03-17
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Ni. 11 Oestrrreichische Wochrnschrifl Seilc 203 Berlin, 5. März, lieber das Testament Gerson von Bteichröders erfährt man Folgendes: Die drei Söhne des verstorbenen. Hans, Georg und James von Bleichröder und die Tochter Frau von Biedermann sind zu Erben eingesetzt. Jeder dieser vier Haupterben erhält aus dem Nachlaß 2,500.000 Mark baar, die in fünf Jahresraten zu je 500.000 Mark zahlbar sind. Das gesammte übrige Vermögen verbleibt als Capital in dem Bankhause S. Bleichröder und wird den vorgenannten vier Erben mit jährlich vier Procent verzinst. Von den drei Söhnen gehören, außer dem Geh. Commercienrath Schwabach, zur Zeit der Firma S. Bleichröder die Herren Hans und Georg von Bleichröder an; ihnen steht es nach dem Testamente frei, aus der Firma auszuscheiden, ebenso tote es dem dritten Sohne, Herrn Dr. jur. James von Bleichröder anheim gestellt ist, in die Firma als Theilhaber einzutreten. Der städtischen Armen- Direction fallen 10.000 Mark zu, eine gleiche Summe erhält die jüdische Armen-Direction. Außerdem sind noch für verschämte jüdische Arme 15.000 Mark ausgeworfen. Zur Stiftung eines Bettes im jüdischen Krankenhanse und zur Stiftung eines Platzes in der jüdischen Altersversorgungs-Anstalt sind je 10.000 Mark bestimmt. Für Erbauung eines Krankenhauses für Kranke ohne Unterschied der Confession sollte nach den Bestimmungen des Testaments eine Million Mark baar überwiesen werden, sofern der Testator nicht schon bei Lebzeiten eine gleiche Summe zu deni genannten Zweck hergegeben hätte. Da nun Bleichröder, wie erinnerlich sein wird, seiner Zeit Prof. Dr. Koch zur Erbanung. eines Krankenhauses für Lungen- und Diphtheritiskranke eine Million Mark zur Verfügung gestellt hat, ist diese testämentarische Bestimmung nunmehr hinfällig. Jssoire. (Frankreich.) Eine edelmüthige That ist von hierzu'melden. Ein hier aufsteigender Ballon begegnete auf der Fahrt einem heftigen Contrewind und stürzte in die Allier, welche durch Schnee und Thauwetter hoch angeschwollen war. Die drei Luftschiffer würden unfehlbar ertrunken sein, wenn nicht die Herren Abraham Weil und Lazarus Wormser, welche sich in der Nähe der Unglücksstätte befanden, sich schnell in die Fluthen gestürzt und die vor Frost bereits halb Erstarrten glücklich ans Land gebracht hätten, wo sie sich bald wieder erholten. Lübeck, 2. März. Unsere schöne, kleine Stadt Lübeck hatte im vorigen Jahre zur Zeit, als die böseste aller Krankheiten, die Cholera rings umher so furchtbar wüthete, Gelegenheit, von ihrer gesunden Lage Probe abzulegen, denn sie blieb, dem Himmel sei es gedankt, von der Seuche verschont, und nur einige sporadische Fälle zeigten, daß der Comma-Bacittus auch hier einzudringen versuchte. Wie sich damals in sanitärer Beziehung Lübeck als seuchenfrei bewährte, bewährte sich auch gestern der loyale, widerstandsfähige Bürgersinn seiner Einwohner, als gegen die antisemitische Pestilenz vollkommen gefeit. Die Seuche sollte durch den bekannten, fahrenden Scholasten, Dr. Daneil, hier gewaltsam .eingeführt und den braven, harmlosen Bürgern, die bis jetzt — Christ und Jude — tut friedlichsten Einvernehmen lebten, künstlich eingeimpft werden. Doch endigte der edle Versuch mit einem vollständigen Fiasko des weisen Daneil. Wie einst Bileam, zog Meister D. her, den Juden zu fluchen, aber nicht wie dieser auf einer Eselin kam er geritten, sondern langte im bequemen Coupe als Eisenbahnunglück an und erschien, da er sich zu seiner Rede im Restaurant wohl etwas länger gestärkt, des Abends ziemlich verspätet, in der auf ihn harrenden, etlva 200 Köpfe zählenden Versammlung. Was er gesprochen, oder welche Flüche er eigentlich ausgestoßen, ist wohl wiederzugeben unnöthig. -Gleichen sich doch die Reden aller Antisemiten, wie ein (das Beiwort denke man sich hinzu) Ei dem andern. Der gute Mann war übrigens zu bedauern, denn er bekam von allen Seiten tüchtige Hiebe und Rufe, wie: pfui! gemein! hallten wiederholt durch den Saal und gaben unzweideutig zu erkennen, welche Wirkung die absurden Auslassungen auf das anwesende Publicum, das sich seinen geraden Sinn nicht nehmen ließ, hervorbrachte. Bei der sich darauf entwickelnden Discussion zeichneten sich besonders die Herren Director Lange, Curt, Seydell, Meyer und Szafrauski, Redacteur der Eisenbahnzeilung, durch zum großen Theile ernste und sachliche Widerlegungen aus. Zuletzt nahm die Versammlung mit imposanter Majorität, die vom wackeren Herrn. Szafrauski gestellte Resolution an, die den Antisemitismus als eine Schmach der Zeit verwarf. Trotz der so unzweifelhaft erlittenen, kläglichen Niederlage, soll der Bileam von Bielefeld, wie wir hören, die löbliche Absicht haben, ein zweites Mal hierher zn kommen, wahrscheinlich um das Wort der Sprüche (Cap. 26, Vers 11) wahr zu machen. S. N. M. Karlsruhe, 3. März. In dem Dorfe Kirchhardt bei Sinsheim fand dieser Tage eine conservative Versammlung statt, in welcher der Redacteur Röder aus Karlsruhe, wie die „Neue Bad. Landeszeitung" sich ansdrückt, eine impertinente Judenhetzrede vom Stapel ließ. Seine Erwartung, den Bewohnern jenes Dörfchens ohne Widerrede die herkömmlichen Bären aufbinden zu können, wurde jedoch in einer für ihn recht unangenehmen Weise getäuscht. In dem Oberamtsrichter Schindler aus Sinsheim erstand ihm nämlich ein Gegner, der, nach den überschäumenden Wuthaussällen der „Landpost" zu urtheilen, dem antisemitelnden Redner mit geradezu meisterhaften Keulenschlägen heimgelenchtet haben muß. Wie das cons. Organ selbst berichtet, soll Herr Oberamtsrichter Schindler u. A. ausgeführt haben: An den Auswüchsen, die im Judenthum bestehen, sind nicht die Juden, sondern die Christen selbst schuld, die jene niemals für voll annnhmen und dem Schacher in die Arme trieben. Die Juden wuchern nicht mehr, als die Christen auch. (Bravo, Bravo, begleitet mit stürmischen Händeklatschen.) Die Feinde des Bauern sind die Conservativen und die Junker, welche mittelalterliche Zustände einführen wollen. Die Junker wollendie Bauern wieder in Abhängigkeit bringen, daß sie die Herren und jene die Sclaven sind, die im Schweiße ihres Angesichts für die Junker den Boden bebauen müssen, während sie in Saus und Braus leben und im Winter nach Italien fahren. Bravö! London. Am 1. März kamen unter Führung der Herren David Feinberg und Rappaport die ersten 15 jüdischen Emigranten aus Rußland in London an, welche das Comite aus den 400 für Argentinien ansgewählten Ackerbaufamiiien als Pioniere voran;geschickt hat. Heute wurden dieselben vom Baron Hirsch im Beisein des Chief Rabbi, der Herren Lousada, Mocatta, A. White, Dr. Sommerfeld, Feinberg und Rappaport empfangen. Die Unterredung dauerte über 2 Stunden, während welcher Baron Hirsch seine Schützlinge belehrte, wie sie sich gegen Mißerfolge schützen könnten. Dann ermahnte er sie noch eindringlich, glaubenstreue Juden zu bleiben und versprach ihnen, alle zur Ausübung ihrer religiösen Pflichten erforderlichen.Mittel zur Verfügung zu stellen. Ein weiterer practischer Schritt zur Förderung der Anglisirung unserer hier ansässigen russischen Brüder ist in Folge einer eindringlichen Rede des bekannten Kamenitzer Maggid Rev. M. Maccobi unternommen worden, indem eine Gesellschaft gegründet wurde, welche bezweckt, diejenigen, die sich als englische Staatsbürger naturalisiren wollen, hierin mit Rath und That zu unterstützen. Westminster, 2. März. Gestern hielt Herr Ernest Hart im „Verein für Sanitäts- und Beerdigungsreform" einen Vortrag über „den mosaischen Gesundheitscodex", in welchem derselbe die Nützlichkeit des Pentateuchs in Bezug aus moderner Hygiene demonstrirte. Er legieden Geistlichen dieNothwendigkeitansHerz, die mosaischen Gesetze der Hygiene in ihren Gemeinden pracnfch zur Ausführung zu bringen. Nach dem Bortrage wurde der Inhalt desselben und der mosaische Cotux von Lord Bressay, Doctor Farquharson, Dr. Norman Kerr und Canonicus Barker zur Nachachtung empfohlen. Hierauf schloß sich ein kurzer Vortrag des Rev. Michael Adler über „das jüdische Beerdigungsverfahren", an welchem sich eine interessante Discussion zwischen Canonicus Barker, General Lvwry und Braxton Hicks, Leichenbeschauer für Southwork, knüpfte. Beide Redner wurden mit reichem Beifall belohnt. Petersburg. (Eine Erbschaft von sechshunder- Millionen Rubel.) Der Petersburger Correspondent des „Standart" sagt, daß die „Bessarabian Neuigkeiten" die folgende höchst merkwürdige Erzählung in Bezug auf eine große Summe Geldes, welche von der Bank von England reclamirt werden wird, veröffentlichen. Die Witwe eines reichen Engländers Namens Ovshy Levy deponirte ihr Capital in der Bank von England im Jahre 1803. Dieses Capital beträgt jetzt — die Zinsen mit eingerechnet — die schöne Summe von sechshundert Millionen Rubel oder 720 Millionen Gulden. Zahlreiche Personen meldeten sich von Zeit zu Zeit und machten auf die Erbschaft Anspruch. Aber nur einer Dame gelang es vor nicht allzu langer Zeit, ihren Anspruch auf einen fünfdundvierzigsten Theil des Vermögens zu beweisen.- Diese Dame ist eine Amerikanerin, Fräulein Humerie mit Namen. Der übrige Theil der Summe wurde einer Russin, Frau Anna Finkelstein, geborene Levi, zugesprochen. Frau Finkelstein ist die Gattin eines Juweliers