Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 5 (3.2.1893)
- Date
- 1893-02-03
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 5 Oesterreirlrifche MochenjÄznft Seite 85 gene Kenntnisse im Hebräischen und wirkliche Religiosität sich aüszeichnen und zur Ertheilung gedeihlichen Religionsunterrichtes sich eignen, würde von ungezählten jüdischen Familien, deren Bedürfnissen auf diesem Gebiete heute nur die Qede und Leere entgegenstarrt, wie eine rettende That begrüßt werden. Die jüdische Wohlthätigkeit ist ja bereits geradezu um Ziele verlegen, deren Verwirklichung sie ihre OpferryMgkeit widmen könnte; hier ist eine Aufgabe, deren Lösung - nicht'-nur zahlreichen jüdischen Mädchen ein ehrenvolles und dankbares- Arbeitsfeld erschließt, sondern geradezu einem öffentlichen Nothstande Abhülfe und Heilung schafft. ' Man sage nicht, die Forderung sei gar nicht vorhanden, das Verlangen werde gar nicht gestellt. Wohl weckt im Allgemeinen die Nachfrage das Angebot, aber hier kann es kühn einmal mit der Umkehrung versucht werden. Es gebe nur erst einmal eine Anzahl berufener jüdischer Lehrerinnen, Erzieherinnen, Gesellschafterinnen, denen eine pflichtbewußte Mutter, ein sorgsamer Vater die - Erziehung oder Fortbildung von Mädchen beruhigt in der Ueberzeugnng anvertrauen kann, daß hier die jungen Seelen nicht nur Ebenbürtigkeit im allgemeinen Können und Streben,' sondern auch die Ueberlegenheit eines festen religiösen Sinnes und Wissens antreffen werden, ' und es müßte mit sonderbaren Dingen in dieser Welt zugehen, wenn nicht bald die Nachfrage weitaus das Angebot übersteigen sollte. In einer jüdischen Lehranstalt, in der die .ganze Ausbildung der Lehrerinnen unter den Einen Gesichtspunkt gestellt würde, ließe ohne besondere Mehropfer an Zeit dieses Ziel einer gewissenhaften Vorbereitung für den religiösen Lehrberuf mit einer gediegenen Unterweisung in allen Forderungen des Allgemeinen Unterrichtes mit Leichtigkeit sich erreichen. Zum ersten Male gäbe es da Erzieherinnen, die mit einem änderen Ideale' von den. Pflichten des Weibes, als es heute vielfach die Köpfe der Jugend verrückt und die Herzen vergiftet, die Schule verließen und. in's Leben hinausträten, ein Segen für die Familie, die sie aufnimmt, eine Quelle reinen und hohen weiblichen, jüdischen Sinnes fiir die Kinder, die ihrem bildenden und versittlichenden Einstusse anvertraut werden. Hier, in solchen Pflanzstätten weiblicher Erziehung, wäre endlich Gelegenheit gegeben, die lügenhaften und gehässig falschen Vorstellungen wenigstens aus unserem Kreise auszurotten, die vielfach, selbst unter uns noch über die religiöse und gesellschaftliche einstige Stellung der Frau in Israel im Umlauf sind. Hier wäre der Ort, das Mädchen mit Stolz auf seine Zugehörigkeit zum Judenthum zu erfüllen, dessen weisester König wie als Schluß aller Weisheit die Verehrung der edlen Frau an das Ende seines Spruchbuches gesetzt hat, während des vielgefeierten Hellenenthums großer Tragiker, Enripides, dem Zeus dafür grollt, daß er das Weib erschaffen hat. Hier wäre endlich das Feld gefunden, um Quellen zu graben, die mit ihrem reinen Inhalte wie mit einem stillen Segen hineinrieseln sollen, lautlos und unmerklich, aber siegreich und sicher in die jüdischen Häuser, in die jüdischen Familien. Hier soll die Stätte sich aufthun, die jüdischen Mädchen, die sich und Andere belehren wollen, die Gelegenheit bietet, mit Begeisterung für jüdische Lehre und Führung, mit Liebe für jüdisches. Wissen und Schriftthum sich zu erfüllen. Vielleicht ist die Hoffnung nicht zu kühn, daß mit der Zeit zu solchen Bildungsstätten nicht nur die Roth des Lebens und die Sorgen um Brod und Beruf, sondern auch der Hunger und der Durst nach der Lehre Gottes, wie der Prophet sagt, unsere Töchter hinführen würde und auch Kinder begüterter Familien eine Ehre darein setzen würden, einer solchen Schule das Zeugniß zu verdanken, daß sie nicht nur für das, was Aller Theil ist, die allgemeine Bildung, sondern auch für ihr eigenstes Gut, für jüdischen Glauben und jüdisches Wiffen, sich redlich gemüht und mit Erfolg gerungen haben. Unter der Führung bewährter Lehrer, um eine. edle Häuslichkeit geschaart, würden hier in wenigen Jahren jüdische Erzieherinnen herangebildet werden, die vor Allem in sich I selber die Lösung der Aufgabe verkörpern, wie man gediegene I allgemeine Bildung mit religiöser Festigkeit und Kenntniß verj einigt, sodann aber wie Bundesgenossinnen des großen Werkes, i der Erziehung unserer Töchter, hinausziehen würden, in die Familien, um durch Lehre und Beispiel Religiosität zu wecken und tausendfältig dem öffentlichen Wohle heimzuzahlen, was werkthätige Liebe an ihnen selber gethan hat. Die Errichtung von Schulen für jüdische Lehrerinnen ist berufen, Dersäumtes gutzumachen und tiefe Schäden zu heilen; sie kann vom Programme unserer nächsten Zukunft nicht mehr abgesetzt werden. III. Bibel und Gebetbuch. Was die Erziehung vorbereitet, was der Unterricht erweckt und emporbringt, das ist das Schriftthum zur Blüthe zu bringen und dauernd zu sättigen und zu nähren geeignet und berufen. Für die Hebung und Pflege des religiösen Sinnes überhaupt, vornehmlich aber unter Mädchen und Frauen in unserer Mitte, ist die Schöpfung einer jüdischen Volksliteratur eine Lebensfrage. Betrübender als die Wahrnehmung, daß wir sie nicht besitzen, ist hier die- Erkenntniß, daß wir sie einst besessen, jetzt aber verloren haben. ' Wir haben eine Literatur, die ehedem in Blüthe stand, absterben lassen, ohne für das ungemindert brennende Bedürfnis eine neue zu schaffen, die gleich segensreich wirkend sich an die Stelle der alten setzen könnte. Wir können auf kein einziges Buch Hinweisen, das in natürlicher Entwickelung an die einst so allgemein verbreitete und beliebte Bibel unserer Großmütter sich angeschlossen hätte, aus dem das Wort der Schrift und der Ueberlieferung, der Buchstabe und sein Geist, Offenbarung und Auslegung in so glücklichem Verein in das Fraueng emüth sich ergösse, wie es durch jenes ehrwürdige Buch mit seinem altfränkischen „Weiberdeutsch" geschah. Ziehet hinaus und leset, ihr Töchter Zions, so scholl es gleichsam schon vom Titel her CZeena ureena), Mädchen und Frauen um das Buch der Bücher schaarend und vereinigend. So arm war keine Hütte, daß in ihr neben dem Hand und Herz ausfüllenden Gebetbuche dieses Denkmal unserer Frauenliteratur nicht anzutreffen gewesen wäre. Beschämend und zugleich bezeichnend für den Grad der inneren Verarmung, . ctuf dem wir nachgerade angelangt sind, ist die Vergleichung der ziffernmäßig nachweisbaren Verbreitung, die einst dies es Buch gefunden hat, mit unseren Büchererfolgen. Sechsundzwanzig Auflagen in allen Formaten und Schriftarten' während eines einzigen Jahrhunderts weist die Bücherkunde von jenem einzigen Buche auf. Man kann nicht behaupten, daß die Mittel, über die wir heute verfügen, die Kenntniß der heiligen Schrift unter unseren Mädchen und Frauen ausgebreitet haben. Man wird vielmehr auch von unserer Zeit einst sagen müssen: Das Wort Gottes war selten in jenen Tagen, die Offenbarung war nicht aüsgebreitet. Nirgendsist Bibelkenntniß fremder und ungewöhnlicher als bei sogenannten gebildeten Mädchen und Frauen aus dem Volke der Schrift. Wer dem jüdischen Hause heute das Buch der Bücher wiederzugeben vermöchte, der könnte rettender That sich rühmen. Wer das Wunder sehen will, wie der Quellsprung verdorren und verlechzen kann, während der Strom, der daraus entquollen, alle Länder wässert, der gehe in die moderne jüdische Familie. — Das Werk der Neubegründung einer jüdischen Volksliteratur, hat mit der Bibel zu beginnen. Die Hausbibel, die wir schaffen müffen, soll aber folgende Gestalt haben. Sie muß den ganzen hebräischen Text der heiligen Schrift und die gesammte Übersetzung, seitengleich dem Grundworte gegenüberstehend, in der Landessprache umfassen. Es soll unser „Buch" werden, frei von Hineintragungen, von Unterstellungen und Unterschiebungen. Das volle Maß der reichen und gesegneten Arbeit, die alle Zeiten und nicht zum Wenigsten die Wissenschaft unserer Tage an diesem Buche geleistet hat, der volle Schatz der ungeahnten Einblicke und Aufschlüsse, deren wir durch eine Reihe der wunder-