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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-02-03 · 5 (3.2.1893) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
5 (3.2.1893)
Date
1893-02-03
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 5 Neflerreichifchr WochenschrM Seile 83 Was den Herrn Alwardt betrifft, so möchte ich zur Ergänzung «msühren, daß . dieser Herr in.der Berliner Schuldeputatlon seit längerer Zeit sehr viel Arbeit verursacht, es werden mannigfache Klagen über ihn eingebracht, daß Sammlungen zu wohlthätigen Zwecken, die in seine Hände gelangten, nicht rechtzeitig an Lrt und Stelle abgejührr Worden sind. Er hat wegen Unterschlagung vor Gericht gestanden (Ruf rechts: Freigesprochen l.i, so, sehr nothdürstig freigesprochen. Das Urtheil sagte, daß die böse Absicht, die zur Erfüllung dieses Vergehens gehört, nicht völlig bewiesen sei: er hat eine Reihe von Behauptungen ausgestellt, deren Unwahrheit vor Gericht in ausgiebigster Weise nachgewiesen wurde. Wenn es ihnen auch nicht am bösen Glauben fehlte, so fehlte es doch nicht an einer unermeßlichen Leichtfertigkeit, Behauptungen aufzustellen, die. wenn sie wahr wären, Folgen hätten, die ich nicht ansdenken mag. Behauptungen, welche durchaus nicht mit dem nothweudigcn Anfwande von Gewissenhaftigkeit geprüft worden sind. Wenn ein solcher Mann wirklich ein populärer Mann ist, wie Herr Stöcker sagt, so schließe ich daraus nicht, daß die Bestrebungen, die er vertritt, irgend einen Schein von Berechtigung für sich haben. Ich schließe daraus nur, daß in den Wandlungen, die innerhalb des geistigen Lebens einer Nation stattsiuden können, das Volk sich gegenwärtig in einer unglaublichen Leichtgläubigkeit auf die Seite eines Mannes gestellt hat, der keinen Glauben verdient. (Beifall links.) Abg. Cremer (Teltow, cons.): Ich weiß, daß es keine reine Rasse mehr giebt, aber das Volk hat das Gefühl, daß die jüdische Rasse schlecht ist. Schon im alten Testament, das Jeder, der Politik treibt, zuerst gelesen haben muß (Lachen), werden Sie finden, daß jedes Volk die Juden um jeden Preis lovwerden will. Dr. Falk hat im Culturkampf die in Frage kommenden Artikel gebraucht und sie deshalb eingesührt. Die Emancipation war ein Fehler und sie bedeutete schon einen Abfall unseres Volkes von seinem Derrtschthum. Es sind tiefe Gründe in unserem Volke enthalten, die gegen die Juden auftreten. Die Freisinnigen haben alle Ursache, von agitatorischer Verhetzung zu schweigen. Ich habe hier eine ganze Mappe voll freisinniger Flugblätter, die beweisen, daß die freisinnige Agitation die reine Wahle mache ist. Erst kommt die Partei, und dann »vieder die Partei und schließlich erst das Andere. Der Antisemitismus wird nicht verschwinden, sondern wachsen, und wenn Sie nicht aus dem Posten sind, hinwegfegen. Ich werde beständig mit den 10.000 Mark in Verbindung gebracht. Ich habe damit nichts zu thun. Abg. Rilkert (dir.): Wenn die fanatische Art des Predigers der christlichen 'Nächstenliebe von Ihnen (rechts) gebilligt wird, so wollen wir Ihnen das überlassen. Seine Darlegungen waren Verdrehungen. Herr Stöcker nannte den Inden Löwe wegen seines Angebots von Waffen für Frankreich, kennt er denn die christlichen Firmen nicht, die ebenfalls Angebote machten? Weiß er nichts von dem Wucher in Spanien, wo keine Juden wohnen? Weiß Herr Stöcker denn, ob die Artckel in den von ihm als jüdisch bezeichneten Blättern von Inden geschrieben sind? Warum hat er kein mißbilligendes Wort gegen diejenigen Antisemiten, die das Christenthum beschimpfen? Wir »erden die Juden nach den Grundsätzen christlicher Liebe schützen, wie wir bisher gethan. Abg. Stöcker (cons.): Die Juden schützen Sie, aber Pfaffen und Junker Hetzen Sie. Das ist Ihre christliche Liebe. Das ist ja eben das Unglück, daß jüdische Zeitungsverleger sich christliche Lohnschreiber kaufen, die sie in ihrem Sinne schreiben lassen. Lpinoza wurde aus der Synagoge ausgestoßen, kann also für die Juden nicht in Anspruch genommen werden. Beschränkung der staatsbürgerlichen Rechte der Juden verlange ich nicht, hoffe vielmehr, daß Berwaltungsmaßregeln genügen. Wie heben wir den religiösen Sinn unserer Mädchen und Frauen? Eine Antwort an Herrn Wilhelm von Gntmann von Professor Dr. David Kaufmann. Das Haus Israels, so sagen in ihrer den- Kern ohne Schale offenbarenden Sprache die Alten, das sind die grauen. Wie der Rabbi des Alterthums seine Frau nicht höher zu ehren wußte, als daß er nie anders von ihr denn als von seinem Hause sprach, so waltete im ganzen Judenthum zu allen Zeiten die stillschweigende Ueberzeugung. daß auch sein Haus auf der Frau, auf der Mutter ruhe. Eine Lehre, die sich vor Allem als Ueberlieferung auffaßt und darstellt, hat in der Frau ihre natürliche.Trägerin. Wo der Glaube Erziehung ist, wie im Judenthum, dessen heilige Sprache schon bezeichnend das Wort für Glauben und Erziehen aus Einer Wurzel ableitet, da ist die Mutter die berufene Priesterin, die geborene Hüterin und Pstegerin des Heiligthums. Ihre Frauen haben auch andere Völker verehrt und verherrlicht, aber in gleicher Weise wie auf die Stammväter, blickt aus die Stamm mütter Israel allein. Seine Geschichte allein weiß von Seherinnen und Führerinnen des Volkes, von Retterinnen ihrer Zeit, sein Seher allein gedenkt, wenn er von der großen Ausgießung des Gottcsgeistes auf Erden in kühnem Gesichte weissagt, der Töchter neben den Söhnen, der Mägde neben den Knechten. Nichts kann daher bei der Beobachtung unserer inneren Zustände für uns schmerzlicher sein als die Wahrnehmung, daß die Säule des Hauses Israel nicht mehr die unzweifelhafte Festigkeit und Tragfähigkeit von ehedem zeigt und daß der Kaltsinn und die Haltlosigkeit in den Reihen unserer Mädchen und Frauen bereits die bedenklichsten Verheerungen anzurichten begonnen hat. Es ist eine neue Sorge, die das Judenthum bisher nicht gekannt hat, die, um die religiöse Erziehung des weiblichen Geschlechtes. Nichts war selbstverständlicher, nichts, man möchte sagen, naturgesetzlicher, nichts weniger einer besonderen Fürsorge und Veranstaltung bedürftig als der gläubige Sinn, die feste, religiöse Führung der jüdischen Frau. Es genügte gleichsam, im Judemhume geboren zu sein, um das jüdische Leben, denn hier war der Glaube Leben, als natürliches Erbe, als Mitgabe des Elternhauses in Besitz zu nehmen. Das Wissen vom Glauben, das war Sache des Unterrichts, der Schule, der Männer Theil und Vorrecht, aber der Glaube war die Atmosphäre des Hauses, die ungesuchte Frucht der Erziehung, die Wirkung des Beispiels, der stille Segen, der von der Mutter ausging, das Erbe der Frau. Das weibliche Geschlecht bedurfte keiner Befestigung im Glauben, keines besonderen Unterrichtes; man rechnete damit so fest und so unbewußt, wie ein gesunder Organismus mit seinen Gliedern. Als daher die neue Zeit mit ihren veränderten Anforderungen und Anschauungen in die Judengasse eindrang, war das weibliche Geschlecht wehrloser ihren Einwirkungen preisgegeben, denn es hatte das Beispiel verloren und den Unterricht nie besessen, die Schule noch nicht gewonnen und des Segens aus dem Hause sich beraubt gesehen. Allein die Erscheinung ist da; es handelt sich darum, sie zu heilen, nicht, sie zu erklären. Eine Gegend, die ihre Fluren verdorren sieht und plötzlich der labenden Niederschläge des Himmels entbehrt, soll sich nicht damit aufhalten, den Schadenstifter auszumitteln, der ihre Wälder ausgerodet, ihre Regenquellen abgegraben hat, sie wird vielmehr für neue Anpflanzungen Sorge tragen und dem Nest ihres Waldbestandes mit erhöhter Pflege sich zuwenden. In der Sorge um die Hebung und Pflege des religiösen Sinnes bei unseren Mädchen und Frauen eröffnet sich dem Judenthum unserer Zeit ein Arbeitsfeld, auf dem noch so gut wie Alles zu thun übrig ist, das aber auch dem redlichen Eifer reiche Ernten verheißt. Statt in unfruchtbaren Anklagen gegen die Vergangenheit sich zu ergehen, gilt es vielmehr, durch Schätzung und Förderung des Bestehenden und durch segensreiche Neuschöpfungen unsere Lebenskraft zu bethätigen. Mit der Erkenntniß der Aufgabe ist aber auch der Boden gegeben, auf dem wir einznsetzen haben. Es ist eine alte Ueberzeugung in unserer Mitte, daß Religiosität nicht als etwas Fertiges sich mittheilen oder übergeben läßt, sondern als Product eines wirklichen Wachsthums nur allmählich herangezogen und entwickelt wird. Wie man nach dem Goethe'schen Worte Mehl nicht säen kann, so wäre es Selbsttäuschung, zu wähnen, daß die reise Frucht des Glaubens, seine Nährkraft gleichsam, sich fertig in die Herzen legen lasse. Hier gilt es, Korner auszustreuen, Saaten großzuziehen aus dem Ackerfelde aller Erziehung, im Gemüthe der Jugend, im Herzen der Kinder. Ohne etwa in verzweifelter Selbstaufgebung die Erwachsenen für verloren zu halten, soll doch die junge Saat, die Gewinnung und Bepflanzung des neuen Bodens unsere oberste Sorge sein. Galt es einst als Grundsatz unter uns, durch die Eltern die Kinder zu bestimmen, so muß heute umgekehrt die Losung lauten: Von den Kindern zu den Eltern! Es handelt sich hier um ein Werk, bei dem die Arbeit bereits Ertrag ist und jeder Spatenstich als Erfolg gelten

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