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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-01-27 · 4 (27.1.1893) · page 12

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
4 (27.1.1893)
Date
1893-01-27
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 66 Oesterreichischr Wochenschrift Nr. 4 dauern, daß die Juden nicht schon früher thatkräftig für ihre Selbstvertheidiguug eingetreten sind; denn die erste Vorbedingung, um im politischen Leben respectirt zu werden, liegt in dem Beweise, daß ein Angegriffener den nachdrücklichen Willen zeigt, Ich mit allen gesetzlichen Mitteln seiner Haut zu wehren. Daß aber die zusammengebrachten Mittel eine verständige Verwendung im Kampfe gegen die antisemitischen Agitationen finden werden, darf man hoffen; denn zu den Unterzeichnern des Aufrufes gehören eine ganze Reihe von Männern, die in öffentlicher Thätigkeit erprobt sind. Berlin, 17. Januar. Professor Lewandowski, der Reformator des jüdischen Gottesdienstes in Deutschland auf dem musikalischen Gebiete, ist nach zweiundfünfzigjähriger segensreicher Thätigkeit im Dienste der hiesigen jüdischen Gemeinde nunmehr in den Ruhestand getreten. Die von ihm geschaffene Form des Gottesdienstes hat durch seine Partituren: „Lall RiuuaUtefillali,“ „Toda Wesimirah“ Th. I. und II. in nahezu zweitausend Gemeinden Eingang gefunden. Seine 68 deutschen Psalmen werden in Synagogen, Kirchen, Gymnasien und Realschulen aufgeführt. Nicht minder geschätzt sind seine weltlichen Compositionen: Symphonien, Streichquartette. Trios, Lieder, Duette, Clavier- und Violinstücke u. s. w. Als Musiklehrer in der hiesigen Lehrerbildungsanstalt und privatim sind durch ihm 300 Cantoren gebildet worden, die in großen und kleinen Gemeinden mit Erfolg ihr Amt versehen. In der konstituirenden Sitzung der Repräsentantenversammlung wurde an Stelle des Justizraths M a k o v e r, der sein Amt als Vorsteher des Repräsentanten-Collegiums der jüdischen Gemeinde niedergelegt hat, Herr Herrmann Landsberger gewählt. Zu Stellvertretern wurden die Herren Louis Liebermann und Rechtsanwalt Tiktin ernannt. Der kürzlich verstorbene Kaufmann Moritz Simon, der schon bei Lebzeiten durch sein gemeinnütziges Wirken sich ausgezeichnet, hat in seinem Testament 200.000 Mark zu wohlthätigen Zwecken vermacht, und zwar 100.000 Mark für das Krankenhaus und 100.000 Mark für die Altersversorgungsanstalt der jüdischen Gemeinde. Beim letzten Ordensfest erhielten Decorationen Herr Proseffor L. I a c o b y von der technischen Hochschule hier den Rothen Adler-Orden 4. Classe und Herr Stadtrath Kantorowicz in Posen den Kronenorden 4. Classe. Ein hiesiges Blatt bemerkt übrigens zu der Ordensliste: Den Rothen Adler-Orden 2. Classe erhielt ein Reichsgerichtsrath mit dem Namen Schlesinger. Wenn der verdächtige Klang dieses Namens in antisemitischen Kreisen unangenehm berühren sollte, so wird doch das Unbehagen noch vergrößert werden, wenn man erfährt, daß der Erste Staatsanwalt beim Landgericht , Drescher der öffentliche Ankläger im Ahlwardtproceß, den Rothen Adler- Orden 3. Classe mit der Schleife erhalten hat. Dr. Leo Grunmach von der technischen Hochschule Charlottenburg - Berlin ist zum Professor ernannt worden. Derselbe ist seines Faches Physiker. Er hat seine Studien in Berlin gemacht, und gelangte hier 1874 zur Promotion. Bei der technischen Hochschule bekleidete Dr. Grunmach die Stelle eines Assistenten am physikalischen Laboratorium unter Professor Paalzow, zugleich ist er Privatdozent. Ein wesentlicher Theil derArbeiten Grunmach's ist derNormal-Aichungscommffsion zu gute gekommen, zu deren ältesten Mitarbeitern er gehört. Insbesondere nahm er dort an den thermometrischen und barometrischen Untersuchungen Antheil Es erschienen von ihm in den Veröffentlichungen der Normal- Aichungscommission u. a. die Abhandlungen: Vergleichungen von Quecksilber-Thermometern mit dem Lustthermometer", und „Absolute barometrische Bestimmungen unter Controle' des Bamums durch elektrische Lichterscheinungen". Von anderen Veröffentlichungen Grunmachs seien genannt: „Ueber die elektro magnetische Drehung der Polarisations-Ebene der strahlenden Wärme in festen flüssigen Körpern" (1881) und „Untersuchungen über die Aenderung des galvanischen Leitungswiderstandes verschiedener Körper bei Aenderung ihres Aggregatzustandes" (1888). Grunmach stammt aus Schwetz in Westpreußen. Paris. Herr Leonce Lehmann, der gewesene Secretär des verstorbenen Adolf Cremieux, zur Zeit, als dieser Justizminister der dritten Republik gewesen, ist Ende December verschieden. Er war Ritter der Ehrenlegion, Anwalt des Staatsrathes und Caffationshofes. Bei der jüdischen Gemeinde war Lehmann hochgeachtet, um die „Alliance israelite", deren Ehren- Secretär er war, machte er sich sehr verdient. Geboren am 24. Februar 1836, erlangte er bereits mit 21 Jahren den Grad eines Doctors der Jurisprudenz und lenkte schon damals durch seine staatsrechtlichen Arbeiten die öffentliche Aufmerksamkeit in dem Maße auf sich, daß die türkische Regierung ihm den Posten eines Secretärs bei der Gesandtschaft in Neapel anbot, den er annahm und bis zum Sturze der Bourbonen-Herrschäft (1860) innehatte. Nach Paris zurückgekehrt, wurde er mit Narcisse Leven, Leon Gambetta und Clement Laurieur, Secretär Adolphe Cremieux', welcher ihm dann i. I. 1870 nach seiner Berufung an die Spitze des Justizministeriums zum Chef seines Ressorts ernannte. Vorher schon (1867) wurde er an Cremieux' Stelle in die hohe Stellung al^ Advocat des Staatsraths und des Cassationshofes berufen und erwarb sich durch seine profunde Sachkenntnis, sein sicheres Urtheil und die Lauterkeit seines Charucters weit über den Kreis seiner Standesgenossen einen hohen Ruf. Wiederholt wurde er mit schwierigen^ökonomischen Missionen betraut, zumal, im Orient, und die Verleihung des Medjidje-Ordens, dann später des Ordens der Ehrenlegion zeugten dafür, daß er seiner Aufgabe sich gewachsen gezeigt. Aber in diesem Pflichteifer für das Vaterland hat sich Leonce Lehmann's Thatendrang nicht erschöpft: mit gleicher Unermüdlichkeit, mit geradezu feuriger Hingebung stellte er seine Einsicht, seine Kraft in den Dienst seiner Glaubensgemeinschaft und ihrer Interessen. Seit dem Jahre 1872 gehörte er dem Central-Consistorium als Delegirter des Bezirks Konstantine an, seit 1869 bereits war er Mitglied des Comite de bienkaisance. Das Schwergewicht seiner jüdi'chphilantropischen Thätigkeit gehörte der .Alliance israelite universelle., in deren Annalen sein Name mit unverlöschlichen Zügen eingezeichnet bleiben wird. Sofort nach Begründung der herrlichen Vereinigung wurde er Schatzmeister, nach dem Tode Sakki Kann's General-Secretär und ist es bis zu seinem Tode geblieben. Welche umfassende, wenngleich geräuschlose Thätigkeit er gerade in dieser seiner Eigenschaft entfaltet, welche Summe von Kraft und Zeit der Vielbeschäftigte diesem Pflichtenkreis gewidmet hat, ist nur den Eingeweihten bekannt: hier hat sein. Tod eine Lücke gerissen, welche nur sehr schwer wird ausgefüllt werden können. Wie in dieser Wirksamkeit, hat er auch auf mannigfachen anderen Gebieten sein glühendes Interesse für die Angelegenheiten der jüdischen Gesammtheit bethätigt. Als vor drei Jahren Baron Hirsch sich mit dem Plane trug, durch eine 50 Millionen-Spende die Errichtung von Schulen für unsere russischen Glaubensgenossen - zu ermöglichen, war es der Verblichene. der sich dem hochherzigen Wohlthäter zur Führung der Verhandlungen mit der russischen Regierung zur Verfügung stellte und, als er von der Undurchführbarkeit des Planes sich überzeugt hatte, die Ausführung desselben vereitelte — zweifellos ein hohes Verdienst, weil' nur hierdurch das großartige Unternehmen, welches an dessen Stelle getreten, das argentinische Colonisationswerk, ermöglicht wurde. Nimmt man hinzu, daß- Leonce Lehmann noch eine Fülle fernerer Aemter bekleidete, (so z. B. gehörte er dem Verwaltungsrathe des Lemmaire israßlite, als Vicepräsident dem Vorstand der „Gesellschaft zur Förderung des Handwerks unter den Juden" :c. an), so wird auch der Fernstehende zu beurtheilen vermögen, welch' unbegrenztes Interesse er allen Zweigen jüdischer Opferwilligkeit gewidmet. Und diese vielseitige, aufteibende Thätigkeit hat seine Kräfte frühzeitig aufgezehrt: ein kaum Sechsundfünfzigjähriger ist er dahingerafft worden, der Mann von reichen Verdiensten, unbeugsamem Pflichtgefühl, makelloser Character-Lauterkeit und tiefinniger Religiosität, welche er im Tode noch dadurch bethätigte, daß er in schlichter, einfacher Vätersitte bestattet sein wollte und sich jegliche Kranz- und Blumenspende verbat. An seiner Bahre widmeten der Oberrabbiner von Frankreich, Herr Zadoc Kahn, der Oberrabbiner von Paris, Herr Dreyfuß und der Vicepräsident der Alliance, Herr Narcisse Leven, dem Heimgegangenen Freunde Worte pietätvollen Gedenkens. London, 8. Januar. Bei der heute stattgehabten Berathungssitzung der Anglo-Jewish-Association verlas der Präsident, Sir Julian Goldsmid, folgendes von Baron von Hirsch an ihn gerichtete Schreiben: „Bezugnehmend auf die Verabredung, welche ich die Ehre hatte, früher mit Ihnen zu treffen, bestätige ich meine Absicht, nach welcher für den Fall meines Ablebens das von mir gegründete jüdische Coloni-- sationswerk sicher gestellt werden kann, fortan meine Anteilscheine an dem jüdischen Colonisationsverein unter den größten jüdischen Ge-- meinden Europa's und den Fondsverwaltern in den Bereinigten Staaten zu vertheilen. Die Anglo-Jewish-Association, welcher sie präsidiren, scheint mir in jeder Beziehung würdig, bei dieser Bertheilung mit einer erheblichen «Summe berücksichtigt zu werden und bitte ich Sie deshalb, mir mitzutheilen, ob der Affociationsrath geneigt sein würde, ein Geschenk von 3600 Antheilscheinen für den Colonisationsverein entgegenzunehmen. Ich würde hieran nur die Bedingung.

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