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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-01-27 · 4 (27.1.1893) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
4 (27.1.1893)
Date
1893-01-27
Page
– (sequence 1)
Language
German
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PT“ llach der Confiscation a Zweite Auflage, -pe Är 4 Wien. 27. Jänner >883. X. Jahrgang. Centralorgan für die gesammten Interessen des Iudenthums. K. k. Postsxsrrslsrnsml Clraringbrrkrtzr Nr. 810.976. Nedartion Mid Administration: Wien I. Ärsnx Josrfs-Nuar Nr. 3. Telephon-Nr. 6535. Eigrnthürner: Reichsraths-Avgeordnrter vi. Htoch. Erscheint jeden Freitag. Man adonnirt bei allen Pofianstslten des In- und Auslandes. Bezugspreis: Halbjährig 4 fl. Einzelexemplare 25 lr. Anzeigen: Die 4mal gespaltete Petttzeile 12 kr. Inhalt: Leitartikel: Im Dienste. — Dr. Eugen Dühring. — Die großen Schützer des kleinen Mannes. — Ein judenfreundliches Drama aus der Zeit Shakespeare's. — Ein Beitrag zur Culturhöhe des 19. Jahrhunderts. — Dr. David Cassel. — Correspondenzen: Wien, Olmütz, Proßnitz, Prag, M.-Weißkirchen, Lomnitz, Czernowitz, Budapest, Brannschweig, Breslau, Berlin, Paris, London, Chicago. — Vermischtes: Wien, Böhm-Leipa, Trebitsch, Proßnitz, Bodenbach, Budapest, Lübek, Oldenburg, Petersburg. — Feuilleton: Bekehrt. — Literatur. — Wochenkalender. — Briefkasten. — Inserate. Im Dienste. (Galizische Soldatengeschichten.) Mitternacht war längst vorüber, als der Hauptmann v. £ ... in einer galizischen Garnisonsstadt das wohnliche Heim anfsuchte, das ihm ein jüdischer Doctor eingerichtet hatte. Der Herr Hauptmann war in heiterer Champagnerlaune nach Hause gekommen, er warf, ehe er das Licht auslöschte, noch einen Blick auf die schneebedeckte Straße und dann überließ er sich dem Schlafe und dem Zauber des Traumes. Er träumte — und das war schrecklich — daß er ein Jude sei. Es konnte kein Zweifel darüber bestehen.; alle seine Altersgenossen, die mit ihm zur Recrutinlng berufen waren, behandelten ihn als Juden. Die militärische Disciplin hat noch nicht gesprochen, die Polizei drückt ein Auge zu, man hält es sich gegenwärtig, daß diese jungen Leute der höchsten Aufgabe des Bürgers sich widmen, dem Dienste oer Fahne, der Vertheidigung des Vaterlandes. Unser Hauptmann träumte aber, daß er ein jüdischer Recrut sei, daß er kein Geld habe, um sich von verschiedenen Acten des Muth willens loskaufen zu können und daß er sich unter lauter Antisemiten befinde. Er wurde eingereiht, kam in die Kaserne, wurde geschult und gedrillt und blieb immer Jude. Und wenn Mars in eigener Person einrücken müßte, so könnte er in der ersten Zeit beim Leben in der Kaserne und beim Exercieren manchen Vexationen nicht entgehen: wenn man aber Jude ist und schläft in einem Zimmer mit antisemitischen Kameraden, speist mit ihnen an einem Tische und hat einen antisemitischen Führer, einen antisemitischen Feldwebel, antisemitische Osficiere und vielleicht auch einen antisemitischen Oberst — dann ist das ein schwerer Traum und das hat unser Hauptmann auch empfunden. Eine Widerrede ist dienstlich strafbar, beschwert er sich, so sind alle Zeugen gegen ihn und er hat eine doppelt harte Behandlung zu erwarten; schweigt ex still, so ist er ein wehrloses Opfer. Aber die Stunde rennt auch durch den trübsten Tag. Unser Hauptmann kam dennoch vorwärts. Der militärische Stufengang erschien ihm wie die Jakobsleiter; er selber kletterte daran hinauf und ehe er sich besinnen konnte, trug er die Lieutenantsuniform. Aber unten schrie.man ihm zu, daß er ein Jude sei und in die Glückwünsche seiner neuen Kameraden, der Herren Osficiere, schien sich ein leiser Spott zu mischen. Das machte nichts; immer höher gieng es die Leiter hinauf bis zur Hauptmannscharge. Da beim fröhlichen Gelage, beim Champagner kam es zu Auseinandersetzungen über Religion und Rasse; ein Duell war unvermeidlich geworden, die Säbel flogen aus der Scheide und er der Jude wurde verwundet. Es lachten die Sekundanten, es lachten die Zeugen, es lachte der Arzt, der ihm den Verband anlegte und sein Gegner reichte ihm die Hand mit den höhnischen Worten: „Leb' wohl, Jud'!" Da erwachte er, — es war nur ein Traum. Und unser aufrichtigster Wunsch wäre es, diß das wirklich nur ein Traum sei. Vor uns liegt ein Brief aus Galizien, den wir mit schmerzvollen Gefühlen gelesen haben. Wenn der Jude selbst als Soldat es empfinden muß, daß er Jude ist, welches Uebermaß von stoischer Philosophie setzt man dann bei ihm voraus, daß er die ihm ausgezwungenen inneren Gefühle zu beherrschen vermöge? Die österreichische Armee ist eine Musterarmee. Von jedem Manne, der den Fahneneid geschworen, wird erwartet, daß chm der Dienst über Alles gehe, daß er unbedingte Pflichttreue, unbedingten Gehorsam sich zux Richtschnur mache, daß er jeden Augenblick bereit sei, sein Leben für Kaiser und Vaterland zu opfern. Das Alles wird auch bei einem jüdischen Soldaten vorausgesetzt und es gibt da nicht den geringsten Unterschied zwischen einem Juden und einem Christen. Ist nun eine größere Ungerechtigkeit, ein grellerer Widersinn denkbar, als wenn ich einen Mann in der Erfüllung der höchsten Bürgerpflicht sehe, die höchsten Leistungen von ihm erwarte, die der Staat überhaupt beanspruchen kann und es ihm dann doch in verletzender, kränkender Weise fühlen lasse, daß der Zufall ihn als Juden zur Welt kommen ließ. Er ist vielleicht musterhaft und tadellos im Dienste, das ist eine Aeußerung seines Willens, dafür hat man keine Anerkennung; aber man läßt ihm fühlen, daß er als Jude geboren ist, obgleich das gänzlich außerhalb der Macht seines Willens liegt. Wir können uns nicht denken, daß ein Osficier, der vom Geiste der Armee vollständig durchdrungen ist, in dem jüdischen Soldaten etwas Anderes zu sehen vermag, als den Soldaten. Je vollkommener ein Osficier die Aufgaben seines Standes und seines Berufes erfaßt, um so gewisser wird er den Soldaten nur nach seinen militärischen Leistungen und Eigenschaften beurtheilen. Gerechtigkeit, Humanität, die Staatsgrundgesetze, die Vorschriften des Dienstes, das Alles lassen wir bei Seite; die Ehre des militärischen Standes hat es zur logischen Bedingung, daß unter dem schützenden Schatten der Fahne der Jude nur als Soldat behandelt und beurtheilt wird, daß nur militärische Gesichtspunkte maßgebend seien und die Bekmntnisse politischer Parteien hier niemals einen Entschluß äußern dürfen. Wenn daher ein Osficier erklärt: „Ich bin Antisemit"; so möchten wir die Frage an ihn richten: „Sind Sie zuerst Osficier oder zuerst Antisemit, steht Ihnen die Dienstpflicht höher oder die von einer revolutionären, gegen die Gesetze sich auflehnenden Partei ausgegebene Parole?" Ueber diese Dinge muß man endlich in's Klare kommen; man hat lange, man hat allzulange gewartet

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