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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-12-09 · 50 (9.12.1892) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
50 (9.12.1892)
Date
1892-12-09
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Ar. 50 Wien» 9. Deremver 1892. IX. Jahrgang. Crntralorgan für die gessmmten Interessen des Iudenthums. -#- Eigenthümer: Reichsralhs-Avgeordnrter Dr. Kloch. -- Erscheint jeden Freitag. K. k. Postsparraffen.-lmt Clraringvrrkehr Nr. 810.976.! Redaclion und Administration:! IV i r n I. Fr nur Josrf«-L»si Nr. 3.! Telephon-Nr. 6535. %-- Man adonnirt bei allen postanstalirrr des In- und Auslandes- Bezugspreis: Halvzäyrig 4 8. Einzelexemplare 25 kr. j Anzeigen: Die 4mal gespaltete Petttzeile 13 kr. Inhalt: Leitartikel: Die Krise und die Antisemiten. — Die Rassenhetze im Dienste geschäftlicher Con.nrrenz. — Jüdische Barmherzigkeit. Ahlwardt's politische Ahnenreihe. — Das Urbild Shykock's. — Jukunstsscene im Reichstag. Synagogengesang und Orgel. — Correspondenzen: Wien, St. Pölten, Prag, Budapest, Berlin, Hamburg. — Vermischtes: Wien, Trvppan , Rath - Janowitz, Czernowitz, Esseg, Pohrlitz, Essen, Enskirchen, Paris. — Feuilleton: Das Sündenfeld. - Wochenkalender. — Briefkasten. — Inserate. Die Krise und die Antisrlniten. Die ehrsamen Bürger saßen am Abend bei wohlgesüllien Krügen und Gläsern und besprachen die Ereignisse des Tages. Daß auf die Juden losgefchlagcn wurde, das setzte nicht in Erstaunen, das gehört mit zum Programme eines orbcntlichen Jahrmarktes. Aber daß die Leute auf's Rathhaus zogeit, dort Bürgermeister und Rath nicht verschonten, das war etwas Außerordentliche., und machte diesen Jahrmarkt denkwürdig für die städtische Chronik. Und so geschah's, daß ivir mitten in der Krise stehen, daß die.Budgetdebatte für die liberale Partei ein Kampf auf Tod und Leben geworden ist gegen das Ministerium Taaffe. Bon der Regierung wurde viel verlartgt in diesen verhängnißschweren Tagen; sie sollte eine neue Partei bilden im Sinne des Henn von Plener und gleichzeitig den Talmud übersetzen im Sinne des antisemitischen Abgeordneten Professor Schlesinger. Die Obmänner der Clubs hielten auch wirklich eine Versammlung ab, nicht um den Talmud zu v.rdeutschen, sondern um die Schwierigkeiten zu überwinden, welche einer neuen Parteicoalition im Wege stehen. Aber der Herr Unterrichtsminifter Dr. v. Gauts ch hätte hilfsbereit den Professor Rohling als Talmudübersetzer anbieten und empfehlen können. Der sittlich so hochstehende Mann bekleidet ein ebenso nützliches als nothwendiges Amt. Er ist nämlich in der glücklichen Lage, alle Fälschungen irgend eines jüdischen Renegaten mit seinem Eid als Canonicus und Universitätsprofessor bekräftigen zu können. So ein Renegat würde ganz vergeblich sich abmuhen, seine Lügen auf den Markt zu bringen, er hat keine Autorität. Um diese Lücke auszufüllen, haben wir in Prag einen Professor der jüdischen Alterthümer. Der setzt seinen Namen darunter und nun kann die gefälschte Waare der Oefsentlichkeit übergeben werden. Alterthümer, man weiß ja, welchen Ursprung die Alterthümer bei vielen Antiquaren haben. Professor Rohling ist auch ein solcher Antiquar. Wie steht es aber mit dem Eide? Beschwört ein Antiquar, der mit falscher Waare handelt, die Echtheit seiner Producte, hat er den Math vor den Gerichten einen solchen Cid anzubieten? Da gibl's einen Ausweg, man wende sich an den Professor Rohling in Prag und bestelle den nothwendigen Eid für Alterthümer. Es sind schöne und große Reden gehalten worden; aber es nützt Alles nichts, die Krise dauert fort und der Talmud ist nicht übersetzt. Unser Parlament erinnert an eine Doppelbühne, an ein Nebeneinander von dramatischen Leistungen verschiedener Art. Auf der einen Bühne sieht man ein Stück mit feierlichem Mantelwurf von großer politischer Bedeutung; auf der anderen Bühne bewegen sich die Schauspieler mit verwegener, sogar mit anstandswidriger Ungebundenheit und das Stück hat eine c u l t u r h i st o r i s ch e Bedeutung. Wo soll nun uisere Aufmerksamkeit verweilen; welches Schauspiel ist tiefgreifender in seinen Wirkungen, die politische Krise, der Kampf der Liberalen gegen den Grafen Taaffe oder das Auftreien der Antisemiten und die Schande, die damit unserem öffentlichem Leben angethan wird? Politisch, cultur historisch — der cultur historische Standpunkt hat seine volle Berechtigung, seinen vollen Werth neben dem politischen Standpunkt. Die Mißachtung des eulturhistorischen Standpunktes hat sich bitter gerächt. Im Burgtheater gaben sie den „Nathan" ein-, zweimal im Jahre; im Prater wurde während der ganzen schönen Sommetszeit der Jtide alltäglich vom Hanswurst wohl hundertmal todtgeschlagen. Man denke sich den genialen Verstand, die unerreichte Sprache, die edelsten Gedanken eines Lessing, man denke sich das erste Theater der Welt neben den Dialectimprovifationen eines armen Teufels, d"r im Prater mit Hilfe seiner Puppen sich einige Kreuzer zufammenbcttelt. Und doch empfängt man zuweilen den Eindruck, als ob der Hanswurst mächtiger sei als Lessing, mächtiger als die gesammte classische Literatur. Man vertraute den Staatsgrundgesetzen, aber man vernachlässigte das culturhistorische Moment. Ein anderes, überaus ernstes Beispiel, das alle unsere Empfindungen gefangen genommen hat. Der Tod Moriz Wahrmann's hat sich zu einem Ereignisse gestaltet und zwar im Sinne des alten jüdischen Glaubens, daß der Gerechte ein Segen ist auch nach seinem Tode. Alles, was in Ungarn Namen und Ansehen hat, Graf Apponyi blieb nicht zurück, wetteiferte, um dem Andenken des verdienstvollen Mannes die höchste Ehre zu erweisen. In den Jahrbüchern der G schichte, seit der Zerstörung des jüdischen Staates, wird es schwer fein, ein Beispiel zu finden, daß ein Jude mit solchen Ehren von Seiten eines unabhängigen Landes, von Seiten einer stolzen .Ration begraben wurde. Und Wahrmann hatte doch den Muth seiner Religion, er trat mit rücksichtslosem Eifer in die Bresche, wenn die Ehre und das Recht seiner Glaubensgenossen angegriffen wurden. Er glich nicht Jenen, welche bei jedem Hervortreten der Antisemiten Verrath am Judenthum üben und die Sache, die sie vertheidigen sollten, dreimal verrathen, bevor der Präsident dreimal zur Ordnung gerufen hat. Das ereignete sich in Ungarn, wie tief beschämt müssen wir uns fühlen, während das österreichische Abgeordnetenhaus der Schauplatz einer Judendebatte war. Nicht ein schnialer Fluß, ein Ocean und ein Erdtheil, glaubt man, trenne Ungarn von Oesterreich. Im österreichischen Abgeordnetenhause, da fällt man höchstens dem Juden in den Arm wenn ein einzelner jüdischer Abgeordneter den Muth der

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