Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 43 (21.10.1892)
- Date
- 1892-10-21
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Rr. 43 Oesterrrichischr Wochenschrift. L>eite 781 Die neueste antisemitische Schurkerei des Gemrinderathes Gregorig und Consorten. Die unerhörten Scandale im Wiener Gemeinderathe VOM 18. Oktober haben in allen Kreisen der Bevölkerung eine begreifliche Aufregung erzeugt und dürften nicht ohne Folgen bleiben. Um was handelt es sich? Was hat die Wuth der Antisemiten gegen die Wiener Judenschaft plötzlich so hoch auflodern lassen? Das „Vaterland" vom 11. Juli 1891 Nr. 188 meldete, „daß ein Ministerialbeamter evangelischer Cousessiou das Verlangen gestellt habe, daß wegen seines Töchterchens in einer Schule des dritten Wiener Bezirkes das Kreuzzeichen ohne Aussprechen der drei göttlichen Personen gemacht, werde und bei dem Schulgebete das Ave Maria unterbleibe." Wir wiederholen, es war ein der p r o t e st a n t i s ch e n Religion angehörender Staatsbeamter im dritten Bezirke, welcher zu Beginn des vorigen Jahres beim Landstraßer Ortsschulrathe Beschwerde darüber führte, daß in der Schule, welche sein Kind besuchte, die katholischen Schülerinnen beim Gebet $um Kreuzzeichen die Formel sprechen. Er hatte noch wegen einer anderen Sache, einer erfolgten Ausschulung, Differenzen mit dem Ortsschulrathe, welcher die Angelegenheit dem Bezirksschulrathe zur Entscheidung vorlegte. Der Bezirksschulrath hat im Sinne der Beschwerde des protestantischen Beamten einen Erlaß herausgegeben, nach welchem beim Schulgebete von den katholischen Kindern beim Kreuzzeichen die dazu gehörenden Worte nicht laut gesprochen werden dürfen — eine Verfügung, welche die Statthalterei erst zur Kenntniß genommen nnd dann anullirt hat. Der Ortsschulrath Landstraße, welchem die betreffende Schule gehört und von dem die Anregung zu der bezirksschulräthlichen Verfügung ausging, war ans Mitgliedern der antisemitischen Partei zusammengesetzt und es spielten in demselben Dr. Brzobohaty, derzeit Dr. Luegers Compagnon, und P. Schnabl eine hervorragende Rolle. Und der Bezirksschulrath hat seinen bezüglichen Beschluß nahezu mit Stimmeneinhelligkeit mit allen gegen die eine Stimme des Magistraterathes P r e y e r gefaßt. Rath P r e y e r hatte aufmerksam gemacht, daß die Sache sehr heikler Natur, die Competenz des Bezirksschulrathes zur Entscheidung fraglich sei, und er hatte empfohlen, die letztere dem Landesschulrathe anheimzustellen. Die antisemitischen Mitglieder des Bezirksschulrathes haben also für diesen B e s ch l u ß g e st i m m t, d e r a n t i s e m i t i s ch e O r t sschrrlrath hat diesen Beschluß beantragt, die Juden hatten mit dieser Angelegenheit nichts zn thun, nichtsdestoweniger hat es die antisemitische Schurkerei zustande gebracht, aus diesem Anlässe eine Judenhetze zu provociren. Herr G r e g o r i g stellte an den Gemeinderath eine Interpellation, in welcher es hieß: „Ein Schrei der Entrüstung hierüber geht durch die Bevölkerung der christlichen Stadt Wien und viele Väter, die bei mir waren, erklärten unverhohlen, unter solchen Umstänoen sich lieber einsperren zu lassen, als ihre Kinder fernerhin in Schulen schicken zu wvllen, in welchen die christliche Religion von einer oberen Schulbehörde eines christlichen Staates in solcher Weise behandelt wird. Ich stelle daher an den Herrn Bürgermeister die Anfrage: Was gedenkt der Herr Bürgermeister zu thun, um die christliche Bevölkerung vor den Übergriffen des Wiener Bezirksschulrathes zu schützen, durch welche sowohl die christlichen Lehrer, als auch die christlichen Schulkinder dem Spotte des übermüthigen Judenthums (!!) Preisgegeben werden, und wann gedenkt der Herr Bürgermeister meinen vor drei Jahren gestellten Antrag auf Trennung der christlichen und jüdischen Kinder in den Schulen endlich im Plenum des Gemeinderathes zur Verhandlung zu bringen?" Und das „Deutsche Volksblatt" brachte am 19. October einen Leitartikel unter der Überschrift: „Das st u m m e K r e u z z e i ch e n. Eine Stimme aus Lehrerkreisen," in welchem es heißt: „Das war ein Scandal! Man traute kaum seinen Augen! War es denn Wirklichkeit? Ja, da stand's Schwarz auf Weiß: Den christlichen Kindern ist es beim Schulgebete nicht mehr zu gestalten, die 1>as Kreuzzeichen sonst begleitenden Worte: „Im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes" auszusprechen. Also so weit wären wir bereits gekommen! Die Erbitterung, die ob dieses Erlaffes nicht nur die gesammte christliche Bevölkerung, sondern auch die Lehrerschaft erfaßt hat, ist eine begreifliche, obgleich an dieser Entwicklung der Dinge nichts wunderbares ist. Es mußte so kommen! schritt um Schritt haben sich also unsere jüdischen „Mitbürger" nicht nur die volle Gleichberechtigung mit den Christen, sondern allerlei Vorrechte vor diesen in der Volksschule errungen. Es erübrigte ihnen nun noch die Beseitigung des Kreuzzeichens und der Christusbilder." Welche Frechheit und welche Niedertracht spricht aus diesen Ergüssen! Nun publicirte der katholische Religiovslehrer der betreffenden Schule in einem Wiener Blatte nachstehendes Schreiben: „Verehrliche Redaction! In der Mittwoch-Nummer ihres vielgelesenen Blattes schreiben Sie bei Besprechung der Kreuz-Assaire im Gemeinderathe: „Es ist uns unbekannt, was den Bezirksschulrath im vorigen Jahre veranlaßt hat, seinem Erlasse von 1874 bezüglich des Kreuzzeichens eine Interpretation zu geben, von der vorauszusetzen war, daß sie zu Recriminationen führen werde". Erlauben Sie, daß ich Ihnen den merkwürdigen Interpreten des katholischen Kreuzzeichens in der Person des Herrn Dr. Johann Sontag, im Jahre 1891 noch Ministerialsecretär im Cultusministerinm, vorstelle. Dieser Herr, welcher dem evangelischen Glauben angehört, erschien vor mehr als Jahresfrist bei dem damaligen Oberlehrer der Mädchenschule HI., Salmgasse 9, welche seine Tochter besuchte, und erklärte demselben, daß er es nicht dulden könne, daß von den katholischen Kindern die Formel des Kreuzes ausgesprochen werde. Als der Oberlehrer begreiflicherweise darauf nicht einging, erwiderte Dr. Sontag,. er habe schon an mehreren Schulen seinen Wunsch durchgesetzt, und der Oberlehrer war damals so schwach, dem Verlangen dieses Herrn nachzugeben, und als ich zufällig und ziemlich spät von dieser Maßregel Kenntniß erhielt, wandte ich mich an die Behörde, ohne jedoch einer Antwort gewürdigt worden zu sein. Das ist die Genesis dieser muthwillig heraufbeschworenen Störung des religiösen Friedens in der Schule, und Gemeinderath Gregorig hatte Unrecht, von „jüdischem Uebermuthe" zu sprechen: es war protestantische Intoleranz. Hochachtungsvoll Karl Perger, katholischer Religionslehrer, IH., Pfarrhofgaffe 1. Was antwortet darauf der Herr Vergani? Er schreibt wörtlich: „Uebrigens wäre unserer Ansicht nach Derartiges gar nicht möglich, wenn der Episcopat wirklich auf der Höhe seiner Aufgabe stände und, statt sich um reine Aeußerlichkenen zu kümmern, sein Augenmerk lieber auf die antireligiösen Bestrebungen der judenliberalen Partei richten ivürde. Offenbar liegt in dem vorliegenden Falle von Seiten des Espiscopates ein Versäumnis vor und daher rührt wohl auch die äußerst milde Auffassung der ganzen Angelegenheit im „Vaterland". — Die „Deutsche Zeitung" erfrechte sich, von „einer unbedeutenden Aenderung" zu sprechen und knüpfte daran die bübische Bemerkung, daß das Nächste wohl eine geharnischte Jnterpellcition im Gemeinderathe sein dürste, „gezeichnet von Carl, dem heiligen Gregorig und Conshi.,eü". Wir begnügen uns daniit, diese infame Verspottung niedriger zu hängen und wollen nur bemerken, daß zahllose Zuschriften, die bei uns einlaufen, beweisen, daß unsere gesammte Bevölkerung, einschließlich der Lehrerschaft, das Vorgehen der Opposition im Gemeinderathe billigt. Man weiß