Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 43 (21.10.1892)
- Date
- 1892-10-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 43 Mte», Ä. Ortaker jt8S2. HL Jahrgang Centralorgan für die gefammten Interessen des Iudenthums. Eigenihümer: Reichsralhs-Abgeordneter vi. Kloch -- K. ft. Postfpsrrassenamt Mearingvrrftrtzr Nr. 8I0.S76. Ledsrtion u. Administration: Wir« I. Lothrnthurmstraße 3S. Inhalt: Leitartikel: Fälscher und Heuchler. — Juden und Jesuiten. — Kleins Blüthenlese. — Die Protest-Versammlung des Vereines zur Abwehr des Antisemitismus. — Fürst Bismarck in antisemitischer Beleuchtung. — Saul Isaak Kaempf. Correspondenzen: Wien, Budapest, Dresden, Stuttgart, Köln, Paris, London. — Vermischtes: Wien, Nikolsburg, Brody, Böhm.-Leipa, Goltsch- Jenikau, Lemberg, Budapest, S.-A. Ujhely, Berlin, Petersburg, London, New-^lork, Pretoria, — Feuilleton: Zenub. — Budapester Leben. — Wochenkalender. — Eingesendet. — Inserate. Fälscher und Heuchler. Zum neuesten Heldenstücklein des Meister Stampiglius. Der Abgeordnete Dr. Lueger hat ani letzten Montag in einer Versammlung christlich-socialer Wähler ein feierliches Gelöbnis abgelegt. Ec erwähnte die bekannte Aeußerung Sr. Majestät des Kaisers über die Vorgänge im niederösterreichischen Landtage und erklärte, daß er treu und fest zu jedem Einzelnen stehen und dem Freunde in der Noth helfen werde, auch wenn er die Noth selbst verschuldet habe." Die Bemerkungen, welche Herr Lueger diesem Rütlischwur voranschickte, entbehrte allerdings nicht einer gewissen Sentimentalität. Der Tribun von Margarerhen versicherte seine Zuhörer, daß ihn ein Tadel Sr. Majestät der Kaisers, wenn er gegen seine Partei ausgesprochen worden sein sollte, tief schmerzen würde. Es mag sein, fügte er hinzu, daß er oder Andere in der Hitze des Kampfes zu weit gegangen seien, aber er habe nie in seinem Leben auch nur mit einem Gedanken die Treue und Ehrfurcht vor dem Kaiser, die Liebe zu seinem Vaterlande OesteWeich verletzt. Und im Anschlüsse hieran empfahl Herr Lueger seinen Parteigenossen „weise Unterordnung und Zurückhaltung." Man wäre versucht, in diesen Aeußerungen des Abgeordneten Lueger ein Schuldbekenntniß zu erblicken, wenn derselbe nicht gleichzeitig seine unerschütterliche Solidarität mit seinem Freunde Ernst Schneider bekräftigt hätte. Herr Lueger beklagt es in verschämten Worten, daß die schamlosen Presse dieses Menschen im niederösterreichischen Landtage ein Verdammungsurtheil von höchster Stelle provocirt haben, er mahnt zu weiser Zurückhaltung, aber zugleich verspricht er dem „Freunde" in dessen „selbstverschuldeter Noth" seine treue Mithilfe. Meister Stampiglius ist ein notorischer Fälscher, der wiederholt auf frischer That ertappt wurde. Ein Mann, der Ehre im Leibe hat, identificirt sich nicht mit einem solchen Menschen. Herr Lueger aber erklärt, nach wie vor treu zu ihm zu stehen, und die Consequenz dieser Erklärung mit Bezug auf die Person Luegers vermag Jedermann selbst zu ziehen. Dabei übt jedoch Herr Lueger selbst das Handwerk der Fälschung. Er begann seine Rede mit den Worten: „Nach Mittheilungen der judenliberalen Blätter soll Se. Majestät einen scharfen Tadel über die Thätigkeit der antiliberalen Partei im n.-ö. Landtage ausgesprochen haben? Nicht in den sogenannten „judenliberalen" Blättern allein, sondern auch im „Deutschen Volksblatt" war die Aeußerung des Kaisers gegenüber dem Delegirten Richter verzeichnet. Allerdings hat Herr Bergan i in seinem Blatte jene Worte, welche der Kaiser zu dem Delegirten Su eß gesprochen hat, und aus welchen klar erhellt, daß die Entrüstung des Monarchen sich gegen die antisemitische Partei kehrte, unterschlagen. Diese Unterschlagung, welche Herr Lueger durch seine Beziehung auf die „judenliberalen Wähler" stillschweigend gutheißt, machte es möglich, die antisemitischen Wähler über die wahre Bedeutung der kaiserlichen Worte zu belügen und zu betrügen nnd diesen Trug hat auch Lueger versucht. Seine Ehrfurcht vor dem Kaiser wird damit in das richtige Licht gesetzt. Was aber seine Liebe zu seinem Baterlande Oesterreich betrifft, so wird dieselbe hinreichend durch die Thatfache characterisirt, daß er einer der Patrone der berüchtigten Rumänen-Deputation war und daß er eben jetzt wieder bei einem Project Pathe steht, welches auf die Zertrümmerung des österreichischen Einheitsstaates hinausläuft. Die sentimentalen Erklärungen des Herrn Lueger erweisen sich somit als pure Heuchelei. Echt nnd wahr an denselben ist nur die Thatsache, daß Herr Lueger die Erbärmlichkeiten und Fälscherkünste seines Freundes Schneider beschönigt und mit iym gemeinsame Sache macht. Die „christlich-sociale" Moral feiert damit einen neuen Triumph. Jene Lumpereien, für welche einst Schneider der Ruf in die Ohren gellte, daß er ins Zuchthaus gehöre, sind nunmehr von den Führer der Partei öffentlich legitimirt und ratistcirt worden. Herr^ Lueger wird seinen Freund Stampiglius auch dann nicht verlassen, wenn er wirklich ins Zuchthaus kommen und die „selbstverschuldete Noth" mit einer mehrjährigen Kerkerstrafe büßen sollte. Denn nicht die Thatsache, daß Schneider fälscht und betrügt, touchirt Herrn Lueger, sondern nur der fatale Umstand, daß Schneider so unvorsichtig ist, sich dabei erwischen zu laffen. Gefälscht und betrogen wird ja in und von der „christlichsocialen" Partei plan- und hanowerksmäßig, der säuberliche Herr Lueger wird Niemanden glauben machen, daß nur er allein von jenen Schurkereien nichts weiß, welche seine „Freunde" in allen Bezirken nach dem bewährten Recepte des Währinger Mechanikus verüben. An demselben Abend, an welchem Herr Lueger vor seinen Margarethener Wählern sich milder Toga des vollkommenen Ehrenmannes drapirte, fand in Währing eine Versammlung des fortschrittlich-politischen Vereines „Gewerbebund" statt, in welcher der Abgeordnete Dr. Kronawetter einen Vortrag über das „wirthschaftliche Programm des Christlich-socialen" halten sollte. Diese Versammlung wurde von den Parteigenossen des Herrn Lueger mittelst gefälschter Eintrittskarten gesprengt. Die Fälschung ist unwiderruflich erwiesen, denn die nachgeahmten Karten zeigen andere Typen als die echten. In der Marttnsstraße in Währing wurde ein Mann verhaftet, der sich den Eintritt in den Saal durch eine falsche Einladung zu verschaffen versucht hatte. Er gab zu Protokoll, daß Mechaniker Schneider die Falsifikate habe anfertigen lassen und mehreren Personen den Auftrag gegeben habe, die Zettel in Gasthäuser, die als Sammelpuncte der Antisemiten bekannt sind, zu vertheilen. Als der einer Verbreiter dieser Falsificate wird der Landtags-Abgeordnete Baumann genannt und mit Hilfe eines solchen Falsifikates gelangte der ehemalige antisemitische Rüchsraths-Candidat Fraß! in den Saal. Herc Lueger wird wegen dieser Kleinigkeit auch den Herren Baumann und Fraßl seine schätzbare Freundschaft nicht entziehen. Er wahrt seinem österreichischen Vaterlande ebenso die Treue wie jenen dunklen Ehren-