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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-08-19 · 34 (19.8.1892) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
34 (19.8.1892)
Date
1892-08-19
Page
– (sequence 1)
Language
German
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tzr. 34 IX. Iahrsa«e- Wie«, 13. A«g«st 1892. Centralorgan für die gesammten Interessen des Iudenthmns. Eigrnkhümer: Rrichsraths-Atigeordneter vr. K1«ch -- A. ft. Postsparraffenaml Clraringverlrrhr Nr. 810.976. Lrdsrlion u. Administration: Wien l. Aolhenthurmpraßr 39. Man adonnirt bei allen Pogarrstalken des In- »nd Auslandes. Bezugspreis: Halbjährig 4 fl. Einzelexemplare 25 kr. Anzeigen: Die 4>nal gespaltete Inhalt: Leitartikel: Ein Capitel von der „Ausbeutung". — Antisemitische Hetze gegen die Wiener Damenkleider-Consectionäre. — Ein offenes Wort über die religiöse Seite des L'antener Mordprocesses. — Eine ungedruckte Bulle Gregors X. gegen die Blutbeschuldigung. — Sind die Inden Semiten? — Correspondenzen: Wien, Baden, Zloczvw, Berlin, Halle, Rom.— Vermischtes: Wien, Klosterneuburg, Goisern bei Ischl, Gossensaß, Salzburg, Brünn, Prag, Mähr.-Ostrcm, Holleschau, Neubydzow, Radenin bei Tabor, Lemberg, Kolomea, Brody, Aus Westpreußen, Oppeln, Cöln, Jnowrazlaw, Odessa, Constantinopel, London. — Feuilleton: Dar^ lehen. — Wochenkalender. — Briefkasten. — Inserate. Ein Kapitel von der „Ausbeutung". Znm Linzer Katholikentag. Seine Durchlaucht Prinz Alois Liechtenstein hat bei den Verhandlungen über die Valuta und auf dem Linzer Katholikentag ultrademokratische Reden gehalten, aber auch der gräfliche Präsident des Katholikentages hielt Ansprachen, die ihm, vor einem halben Jahrhundert gehalten, wohl einen mehrjährigen Gratisaufenthalt aus dem Spielberg verschafft hätte. Ja selbst vor vierzig Jahren unter der Ministerpräsidentschaft seines Standesgenossen des Fürsten Schwarzenberg und während der glücklichen Zeiten der „Gutgesinnten" hätte eine solche Rede zum mindesten eine standrechtliche Verurtheilung zu „Prososenarrest" eingebracht. Aber seine Durchlaucht ist ein vorsichtiger Mann. Er ist nicht blos in der Wahl seiner Eltern, sondern auch in der Wahl seines Geburtsjahres sehr vorsichtig gewesen, so daß er weder vor fünfzig noch vor vierzig Jahren in die Versuchung gerathen konnte, demokratische Reden zu halten oder, wie man sich anno Windischgrätz-Schwarzenberg- Kempen ausdrückte, „dm Umsturz zu predigen". Aber er ist auch jetzt so vorsichtig, seine Gesinnungen nicht unverblümt zu offenbaren. Wie ein Prophet des alten Bundes — ich bitte Seine Durchlaucht um Entschuldigung, daß ich ihn mit einem Semiten vergleiche — verkündete er dem sündigen Capitalismus den bevorstehenden Untergang, ihm nicht einmal Zeit zu Buße und Bekehrung lassend, und mit flammenden Worten schilderte er die Sünden des französischen Ancien regime, den Leichtsinn, die Verdorbenheit und den Egoismus des hohen Clerus und des Adels Frankreichs, gerade als ob er eben den ersten Band von Taine's Origines de 1a k'ranee contemporaine gelesen hätte. Aber Seine Durchlaucht „hat kein kurzes Gedärm", er gibt nichts wieder, was er eben von Taine genossen hat, und wie seine christlich-socialen Reden auf dem gründlichsten umfassendsten Studium der Nationalöconomie beruhen, so beruht auch seine letzte ultrarothe Rede — schade, daß ihm ein Napoleon schon den Titel des rochen Prinzen vorweggenommen hat — auf gründlicher Kenntniß der Geschichte Oesterreichs, und mit seiner grauslichen Schilderung des modernen Capitalismus und des französischen Ancien regime hat er wohl nur den Hochadel Oesterreichs treffen wollen. „In den Salons des Anelen regime declamirten sie über die „Menschenrechte" sagte er, meint aber wohl beim „blauen Luchsm" declamirten sie über . die „Rettung des kleinen Mannes" — „mit ihren seichten Hausphilosophen um die Wette trieben sie Humanitätsdusel" — das heißt: mit ihren Hetzcaplänen um die Wette trieben sie Arierdusel. — Doch es würde zu weit führen, die ganze Rede Seiner Durchlaucht hier zu erklären. Ich will mich daher begnügen, das, was der Prinz weise verschwieg, zur Vervollständigung seiner Rede hier mitzutheilen, was vielleicht dazu beitragen dürfte, die Begriffe von Ausbeutung, Classenherrschast und jüdischem Parasitismus zu läutern. Jeder Staat braucht Steuern und Leute, die ihn regieren. Da aber nicht Einer alles thun kann, so war in der guten alten Zeit in vielen Staaten Europas die Theilung der Arbeit so eingerichtet, daß der Adel die schwere Last des Regierens auf seine Schultern nahm und dem Bürger- und Bauernvolk die viel leichtere Arbeit des Steuerzahlens überließ. Wenn der Bauer noch außerdem bis fünf Tage in der Woche für seinen Gutsherrn arbeiten mußte, so geschah das wahrscheinlich nur, um dem „mobilen Eapital" die verdiente Züchtigung angedeihen zu lassen, denn gegenüber dem hochadeligen Herrn, dem Bischof oder Kloster, dem der Grund und Boden gehörte, repräsentirte der Bauer, der nur seine Arbeitskraft besaß, das mobile Capital. Von dem Grundstücke, das der Bauer für sich bearbeitete, mußte er eine viel höhere Steuer als der Adelige bezahlen. So betrug z. B. in Mähren die Steuer von einer „Lahn" beim Adeligen im Jahre 1707 S3/*, beim Unterthan 35% Gulden, 1715 sechs, beziehungsweise 39 Gulden, 1745 sechs und 41% Gulden u. f. w. „Die einzigen Steuerzahlenden blieben lange die Städte und die Unterthanen." Rur bei besonders hohen und den Unterthanen unerschwinglichen Steuerpostulaten ließen sich die Obrigkeiten (d. h. die adeligen Großgrundbesitzer) zur Steuerleistung aus eigenem Säckel herbei, in früherer Zeit wohl auch mit dem Vorbehalte der Erholung an ihren Unterthanen. *) Aber selbst dieser geringen Steuerleistung suchten sich manche Adelige durch falsche Angaben zu entziehen. So gibt schon eine statistische Schrift aus dem Jahre 1705 (Kistretto della Monarchia di Cesare von Billeardi) als Ursache der schlechten Finanzlage Oesterreichs das Verheimlichen des Einkommens seitens des Adels an: „Wenn ein Grundherr Hundert Unterthanen hat, gibt er nur Dreißig beim Steuerbekenntniß an und Viele wissen sich jeder Steuerleistung zu entziehen, so daß die ganze Last der Steuern auf Bürger und Bauern drückt." Die Juden mußten wieder bis um die Mitte unseres Jahrhunderts besondere Steuern zahlen, welche in Böhmen sich auf mehr als 300.000, in Galizien auf 800.000 Guld'en bei) Ch. Ed. d'Elverl. Zur österr. Zinanzgeschichte mit besonderer Rücksicht auf die böhm. Länder. S. 317.

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