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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-05-27 · 22 (27.5.1892) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
22 (27.5.1892)
Date
1892-05-27
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Nr. 22 Wie«. 27. Mai 1882. DL Jahrgang. Centralorgan für die gefammten Interessen des Iudenthums. -- Eigenthümer: Reichsraths-Avgeordnetrr Dr. KLoch. -- Erscheint jeben Freitag. f K. k. Postgrarrsgenarnt Vlraringvrrkrtzr Nr. 81V.976. Ledsrtton u. Itdminiflratton: Wien L. Aothrntyurmstrsßr 39. Man Ldomnrt brr aUerr VvMnfiattrrr dr» In- und Iloslsmdrs. Bezugspreis: Halbjährig 4 fl. Einzelexemplare 25 kr. Anzeigen: Die 4mal gespaltete Petitzeile l2 kr. Inhalt: Leitartikel: Herr Steinwender als Judenknecht. —Herr Gregorig über die Baluta-Regulirnng.— Aus der deutschen Reichshanptstadt. — Die socialen Probleme in Israel und ihre Bedeutung für die religiöse Entwicklung des Volkes. — Correspondenzen: Wien, Prag, 82. 6. W. Raab, Tetschen, Berlin, Dessau, Ans Ostpreußen, London, 6. Argentinien, Buenos Aires. — Vermischtes: Wien, Brünn, Lemberg, Kolomea, Kreuzburg O.-S., Stockholm, Kopenhagen, London. — Feuilleton: Sarah (Lieber den Tod.) — Briefkasten. — Wochenkalender. — Inserate. Herr Strinwendrr als Iudenknecht. Ueber den Abgeordneten Dr. Steinwender ist ein furchtbares Strafgericht herein gebrochen. Jenen goldenen Taren, in denen er selbst den „faculttttioen Antisemitismus" im Schoße seines Clubs etablirte und beim „Wilden Mann" in Währing zur Fahne Liechtensteins schwor, folgt nun allzurasch eine trübselige und aschgraue Zeit. Im Abgeordnetenhause hat ihn Dr. Lueger verdonnert und im „Deutschen Volksblatt" zerzaust ihn der unentwegte Ehrenmann V erg an i. Herr Stemwender hat es gewagt, sich in der Valutafrage zu den antisemitischen Führern in Widerspruch zu setzen; er ist für die Valutaregulirung eingetreten und hat den Biedermännern vorgcworfen, daßsiediese Frage parteimäßig und demagogisch behandlen, daß sie die Bevölkerung durch dumme Schimpfereien und durch die Veranstaltung einer Hetze beeinflussen wollen. Dieser Ausspruch des Führers der „Deutschen Nationalpartei", wie Herr Steinwmder das winzige Häuslein seiner Getreuen nennt, thut den Antisemiten doppelt weh, denn er kommt von geistes- und gesinnungsverwandter Seite und er bedeutet eine offene Absage an die Partei in einer Sache, welche mit besonderem Eifer seit Monaten zur Hetze benützt wird. Kein Wunder daher, wenn Herr Lueger dem abtrünnigen Genossen droht, ihn in seinem eigenen Wahlbezirke aufsuchen und vor seinen Wählern blamiren zu wollen, und wenn Herr Vergani die Valutafreundlichkeit Steinwender's mit der Verdächtigung zu erklären sucht, daß der schlecht bezahlte Gpmnasialprofessor nach einer höher dotirten Stelle strebe. Wir können uns des tiessten Mitgefühles ob des herben Schicksals, das Herrn Steinwender betroffen hat, nicht erwehren. Es ist schmerzlich, zu sehen, wie edle Menschenfreundlichkeit, politische Ehrlichkeit und mannhafte Gradheit so übel gelohnt werden. Herr Steinwender gab sich bisher als Cato an Seelengröße und Gesinnungstreue. Aus purem Catonismus wurde er ein verkappter Antisemit, aus purem Catonismus nahm er Herrn Kaiser in seinen Club auf, aus purem Catonismus prägte er die bekannten Sinnsprüche gegen die Fremden beim „Wilden Mann" in Währing. Und nun ist auch er zum Judenknechte gestempelt, wie die von ihm grimmig gehaßten Führer der liberalen Partei; nun trifft auch ihn der Vorwurf, daß er um eines Linsengerichtes willen die Interessen Rothschilds besorge. Die liberale Partei ist für die Goldwährung — sie ist von Rothschild bestochen! Der Hohenwartclub ist für die Valutavorlage, er steht im Judensolde! Der Polenclub hat sich für die Beseitigung des Papierguldens ausgesprochen — er ist im Dienste der goldenen Internationale! Alle, alle sind sie feile, käufliche Seelen, und Herr Vergani ist der einzige ehrliche Mann in Oesterreich! Ja, der einzige! Bisher galt auch noch Herr Steinwender für einen solchen, denn er hat es stets selbst von sich gesagt und zur Bekräftigung seines Dictums zog er mit Vergani an einem Strange. Wie oft hat der Mann mit dem Cäsarenkopf sich stolz in die Brust geworfen und feierlich erklärt, er sei aus anderem Holze geschnitzt als die Plener, Ruß, und Such, die nur nach Minifterpoften hungrig seien! Das Argument fand jubelnden Beifall J&ct den „Nationalen" und dieser Jubel widerhallte den kärntnerischen Bergen, wo Herr Stemmender das volle Vertrauen seiner Wähler genoß. O, es war so einfach, so leicht, seinen eigenen Catonismus laut zu beweisen, daß man den andern unchrliche Motive unterschob; aber jedes Ding, verehrter Herr Dr. Steinwender, hat zwci Seiten. Heute kommt der Urgermane aus Sollenz, der Mann mit den vielen aufgeknöpften Taschen und arbeitet nach demselben Recept, nach welchen Sie gearbeitet haben. Er beweist seine Ehrlichkeit mit Ihrer Unehrlichkeit, und da er von Ihnen nicht den Unsinn behaupten kann, daß Sie Minister werden wollen, so stellt er Sie noch erbärmlicher hm, indem er behauptet, Sie wollen eine besser dotirte „Stelle" erlangen. Der Urgermane aus Sollenz hat einen gelehrigen und anstelligen Kopf, und von heute ab, verehrter Herr Dr. Steinwender, sind Sie gerichtet. Sie sind ein Judengenoffe, mögen Sie auch mit Händen und Füßen zappeln und beim „Wilden Mann" oder beim „Luchsen" noch so feierlich Ihre antisemi-

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