Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 21 (20.5.1892)
- Date
- 1892-05-20
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 21 Veyerveichifchr WochrnschrM Seite 369 Göttingen. Der Professor der semitschen Sprachen und orientalischen Geschichte in Marburg, Dr. Julius Wellhausen, hat den an ihn ergangenen Ruf, an die Stelle des verstorbenen Paul ve Lagarde, abgelehnt Danzig, 6. Mai. Herr Dr. Lissauer ist zum Sanitätsrath, Herr Kreisphysikus Sanitätsrath Dr. Wiener in Graudenz zum Geheimen Sanitätsrath ernannt worden. Karlsruhe» Dem wieder zu seiner Arbeit zurückkehrendeu Landtag des Großherzogthums liegt auch eine Petition betreffs der im Lande fortschreitenden Agitation der Antisemiten zur Besprechung vor und wird demnächst zur Verhandlung kommen. Besonders bemerlenswerth ist, daß auch Staatsbeamte jetzt öffentlich sich zur christlich-socialen Partei bekennen. Da die Antisemiten bezüglich der Agitationsredner auf auswärts angewiesen sind, haben sie jetzt einen Oesterreicher, Herrn v. Schönerer verschrieben, und hat derselbe am 8. Mai in Heidelberg gesprochen. London. Das Professoren-Collegium der Universität zu Cambridge hat dem Senate den Vorschlag erstattet, es möge dem Lector für Talmud Mr. S. Schechter der Doctor-Titel (lllaster of Arts) honoris causa verliehen werden. Paris. M. David Raynal, Mitglied der Deputirtenkammer, welcher bereits zweimal Minister der öffentlichen Bauten war, wurde zum Vicepräsidenten der Oberen Handelskammer ernannt. Amsterdam. Die Königin - Regentin hat die Wahl des Dr. H. Pollak aus Rotterdam zum Mitgliede der kgl. Akademie der Wissenschaften bestätigt. Ihre Majestät hat auch den Professor I. Oppenheim von der Groninger Universität zum Mitgliede einer königl. Commission ernannt, welche der Regierung Vorschläge wegen Anlage von Wasserstraßen zu erstatten hat. — Wie alle Jahre haben auch heuer zwei jüdische Institute von der Königin-Regentin Spenden erhalten: es sind dies der Witwenunterstützungs-Fond der Diamanten-Schleifer und der Waisenfond. Amsterdam. Der verstorbene Herr D. D. Bedder ans Amsicrdam hat ein Legat von 300000 Gulden mit der Bestimmung vermacht, daß ein Armenhaus für zehn alte Personen der hiesigen Aschkenasim- Gcmeinde errichtet werde. Neapel. Der Ball, welcher zur Feier des Geburtstages des Königs gegeben wurde, wurde vom Kronprinzen mit der Gemalin des Generals Ottolenghi eröffnet. Genenrat Ottolengtsi ist der erste Jude, welcher die höchste Stelle in dcr italienischen Armee erreichte; derselbe ist bekanntlich auch der militärische Chef des Kronprinzen. Stockholm. Einer Correspondenz des „L'Univers Jsraetite" in Paris entnehmen wir nachstehende interessante Mittheilungen: Tie drei größten Gemeinden in Schweden sind in Stockholm, Gothenburg und Norrkoeping. Oberrabbiner von Stockholm ist Dr. Klein, ein gebürtiger Ungar, welcher Schüler des Breslauer Seminares war; sein Vorgänger, Rabbiner Levyson, der bekannte Verfasser des Werkes „Zoologie des Talmud", ist vor acht Jahren vom Amte znrückgetreten und genießt seitdem eine Pension von 4000 Kronen. In Gothenburg functionirt ein französischer Rabbiner Jsaac Levy vom Pariser Seminar. — Bon den drei schwedischen Delegirten, welche jüngst in Paris waren, um den Handelsvertrag mit Frankreich zu erneuern, waren zwei Juden: Herr Fraenkel, Senator aus Stockholm und Herr Philipson, gleichfalls Senator und Präsident des Stadtrathes von Norrkoeping. Madrid. In dem Bulletin der königlichen Akademie der Geschichte theilt Fernandez Duro die Ergebnisse seiner Forschungen in drei neuen Werken über Columbus mit und gelangt dabei zu dem Resultat, daß nach den Angaben Rivas Puigcerver's: „Die Juden bei der Entdeckung Amerika's" ganz bestimmt Mosriscos und sich Juden im Gefolge des Columbus befunden haben. Feuilleton. Sarah (Lieber den Tod.) Erzählung aus dem Polnischen v. Walerie Solecka. Einzig autorisirte Uebersetzung v. Herm. Loewenthal. Ungefähr einen Büchsenschuß von dem Weichbilde der Stadt entfernt, jenseits des Flusses, duckte sich auf abschüssiger Anhöhe ein unscheinbares Häuschen — gleichwie ein Schwalbennest am Erdboden klebend. Die zerborstene Vordermauer hatte sich im Laufe der Jahre, den Wetterunbilden schutzlos preisgegeben, bedenklich gesenkt, indeß das moos- und unkrautumsponnene, graue Dach fast vollständig hinter der lebendigen, aus Schlehdorn, wildwachsendem Hollunder und Ginsterbüschen gebildeten Hecke verschwand, den neugierigen Blicken der Menschen entrückt. Einige aufquellende Malven drängten sich mit ihren rothen, breitschichtigen Blättern durch das dichte Gestrüpp hindurch und nur das allein wies hier auf Menschenspuren. Hinter dieser, von der Natur selbst so kunstvoll gebauten Ver gitterung um das Häuschen herum lies ein kleines Gärtchen, so klein, daß man es mit einem Mantel hätte bedecken können. Das Gärtchen war nick Kartoffeln, Zunebelkraut, Bohnen und anderen Küchengewächsen bepflanzt, deren Stauden aus dem sicheren Versteck in die unbekannte Außenwelt neugierig herauszulugen schienen. Vor dem Hause wärmte sich in der Sonne ein prächtiger, gelbgetigerter Kater, ein Riese in seiner Art — mit seinen gelb lichen, wie zwei brasilianische Topase funkelnden Augen die vor ihm aus der Schwelle kauernde Matrone anglotzend. Die alte Frau war mit einem faltenreichen Seidenkleid angethan, das Anno dazumal, in der Zeit „wo Bertha spann", zweifelsohne eine grüne, blaue oder rothe Farbe besessen haben mußte, heute jedoch nur noch einen abgeplatten Hintergrund bot. aus dem hie und da hellere Tupfen (Flecken) und antiquirte Blumenmuster hervorstachen. Nicht bester erhalten war der Leib und das rituelle Stirnband, in welchem netrn echten, kostbaren Steinen, ordinäre Glasperlen, Flußmuscheln und allerlei aus Rauschgold verfertigte Plättchen sich eingeschmuggelt hatten und durch die seltsame Anordnung den Blick fesselten. Die Binde, welche vor Jahren ^sehr werthvoll geivesen sein mochte, nahm sich noch immer recht effektvoll aus, und von dem Sonnenl cht übergossen flammte und flirrte sie wie der Turban der schönsten morgenländischen Sultanin. Aus den Knieen der greisen Frau lag ein umfangreiches, ledergebundenes, mit gelben Schließen versehenes Buch aufgeschlagen. Es war die Bibel. .. Die Greifin hielt den Kops gerade über die Geschichte der Makkabäer so dickt gebeugt, daß man ihre Züge nicht unterscheiden konnte . . . Die Kirchhofsstille unterbrach nur das Säuseln der von ihrer Hand und dem linden Zephir umgeschlagenen Blätter — den offenbar die hebräischen Zeichen zu interesiiren schienen ... Da plötzlich tauchte ans dem Buschwerk ein Lockenkopf und zwei nackte Füßchen hervor .. . Der Kater warf sich mit jähem Satz nach jener Seite . . . schon kam auch ein ungefähr dreizehnjähriges Mädchen des Weges gelaufen, i Das kleine, ovale Gestchtchen vor Erinüdung geröthet — den Brustlatz des Hemdes offen, in blauem, wollenem Röckchen — mit dunklen Augen und dunkeln Wimpenr, den kirschrothen Mund zum Lachen gespitzt — sowie nur Kinder zu lachen verstehen. Triumphirend streckte es die Hände aus, aus einen mittelgroßen, silberschuppigen Fisch weisend. Dieser schnappte nach Luft mit dem kleinen, spitzen Mäulchen und zuckte mit den rosigen Kiemen und Flößen, welche im Sonnengold glänzten, indeß zrvei andere Gefangene in dem Netz, das die Kleine über den Arm geworfen hatte, ängstlich zappelten. „Großmütterchen! Ta schau her, was ich Dir bringe!" Die Angerufene hob den Kopf, blickte auf das Mädchen und den Fisch sichtlich erfreut, doch einen Augenblick späte ließ sie sich in zurechtweisendem Tom v-nichm-n: „Schon wieder Lorchen! wieder am heil. Sabbathtage. . . warum folgst Du mir nicht? Na... na... hat Dich Jemand dabei betroffen?" „Keine Menschrnseele!" beschwichtigte das Mädchen, schon mit dem Kater angelegentlichst beschäftigt, der froh war, eine Spielgefährtin gefunden zu haben, ihr aus den Arm hinausge sprungen war und nun mit seinem bekrallten Sammtpsötchen, nach ihrem wehenden, schwarzen, troddelgeschmückten Zopf schnappte. Sarah — so hieß die Alte — beobachtete nachdenklich, die Arme über dem aufgeschlagenen Buche verschränkt, die spielende Kleine, und jetzt konnte man ihre Züge genau unterscheiden. Sie war noch nicht gar so betagt, doch Gram und Elend hatten in ihr Antlitz tiefe Furchen gegraben, so daß es aussah, wie ein Blatt vergilbten, runenbedeckten Pergaments — das Niemand zu entziffern im Stande . .. In diesem welken, vor der Zeit verblühten, runzligen Gesicht traten nur noch die frischen, rothen, wie bei einem Tigerweibchen geschürzten Lippen hervor, aus denen eine Reihe schimmernder, guterhaltener, schneidiger Zähne blinkten, was vermöge der Habichtsnase, worunter einige silberne Härchen aufkeimten, der ganzen Physiognomie etwas Raubthierartiges lieh. Nur die Augen kontrastirten lebhaft mit dem abstoßenden Habitus der Kinnbacken. Sie waren blau, klar und glänzend wie der südliche Himmelsasur und aus einer rothen Umrandung guckten sie so bieder, so treuherzig, so strahlend in die Welt, daß sie wie ein Sonnenstrahl diese finstern, harten, gramentstellten, beinahe unsympathischen Züge erhellten. In Sarahs Antlitz, in ihrer ganzen Haltung und in ihren