Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 19 (6.5.1892)
- Date
- 1892-05-06
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3020900-3020919--01351-3025386- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
'-vÄI . -w “ —fr'm-" arrrairr, .nn——mr ii Nr. 19 VeffenLichifchr Wochrschrist. Seite 335 seres Gelehrten von Erfolg gekrönt sein wird, ist um so eher zu erwarten, als sich die Thore der spanischen Bücherhallen jüdischen Forschern fast nie öffneten und Dr. M. Kaiserling vielleicht der erste Jude ist, der von der Wiener höchsten Aristokratie mit Empfehlungen versehen, in der Lage sein wird, das j wissenschaftliche und merkantilische Leben unserer pyrenäischen Vorfahren vom Schauplatze ihrer Thätigkeit aus dokumentarisch von neuen Gesichtspunkten zu beleuchten. Vielleicht gelingt es ihm auch. Näheres über das Verhältniß zu erforschen, in dem Josef Visino,*) der jüdische Leibarzt Johann II. König von Portugal zu Christoph Columbus stand, dessen weltumsegelnde Pläne zur Prüfung hinsichtlich ihrer Ausführbarkeit, auch dem als Astronom und Geograph berühmten Heilkünstler vorgelegt wurden. B. M—l. Schirwindt, 24. April. Die saubere Saat des Antisemitismus scheint auch in dem benachbarten Grenzstädtchen Russisch-Neustadt einen fruchtbaren Boden gefunden zu haben. Dort war vor dem Osterfeste eine Frau verschwunden. Diesen Vorfall benutzte man flugs, um das thörichte Gerede zu verbreiten, die Verschollene sei von den Juden zum Osterfeste geopfert worden. Das plumpeGerücht fand unter der unwissenden, abergläubischen Bevölkerung natürlich seine Anhänger. Sehr übel erging es dabei aber einem aus dem Landstrich Szameiten gebürtigen Manne, der mit dem freventlichen Treiben offenbar in Verbindung steht und Kapital daraus schlagen wollte. Derselbe machte einem jüdischen Gastwirthe das Anerbieten, ihm gegen Zahlung von 15 Rubeln ein Geheimniß zu verrathen. Letzterer ging scheinbar auf den Plan ein und zahlte das verlangte Geld, hatte sich aber vorher einen Polizisten kommen lassen. Der Dienstbeflissene erzählte nun, es lieg" die Absicht vor, dem Gastwirth ein blutgetränktes Kleidungsstück ins Haus zu schmuggeln, um ihn auf diese Art in den Verdacht des Mordes zu bringen. Der anwesende Polizist, welcher die Aussage hinter der Thür angehört hatte, nahm die Verhaftung des Szameiten vor. Vielleicht führt dieses Vorgehen zur Entlarvung der ganzen Sippe, welche mit der Ehre und dem Leben ihrer Mitbürger ein so sträfliches Spiel treibt. Berlin, 26. April. Im „Vereine für jüdische Ge schichte und Literatur" hielt am letzten Donnerstag Frau Rahida Remy einen sehr interessanten Vortrag über ..Das Gebet in der Bibel", der, wie wir hören, demnächst im Druck erscheinen wird. Der Saal des Brüdervereines war so gefüllt, daß Hunderte umkehreil mußten. Der Bortrag der Frau Remy fand allgemeinen Beifall. In Folge dessen hat der Vorstand des Vereins die verehrte Schriftstellerin ersucht, die Fortsetzung des Vortrags: „Das Gebet im Talmud" schon am nächsten Dienstag den 3. Mai, nnd ztvar im großen Saale des Architektenhauses abzuhalten. Mit diesem Vortag dürfte wohl die Wintersaison des Vereins ihren Abschluß finden. Nahida Remy ist die Tochter eines evangelischen Pastors. Frau Remy erinnert in ihrer muthigen Begeisterung für die Sache des Judenthums an George Eliot, die den „Daniel Deronda" geschrieben. Wir sagen wohl nicht zu viel, wenn wir Frau Remy an ihre Seite stellen. . Petersburg. Der St. Petersburger „Herold" vom 15. (27.) April meldet: „Der großbritaünische Premier Marquis nf Salisbury hat den englischen Generalconsul in Petersburg Mr. John Mitchell beauftragt, alle ihm zu Gebote stehenden Mittel zu gebrauchen, um die russischen Juden von der Emigration nach England abzuhalten. Der Chef des Torycabinets läßt sich dabei nicht durch irgend welche Gefühle von Antisemitismus beeinflussen (ein übrigens in England ziemlich unbekanntes Gebresten), sondern wird einzig und aÜein durch Humanität und Nächstenliebe geleitet. Das ohnehin übervölkerte England ist nämlich keine Stätte für die Emigration und diejenigen jüdischen Emigranten aus Rußland, die schaarenweise dahinkonimen (größtentheils von jeglichen Subsistenzmitteln entblößt) können, Dank einer mächtigen zahlreichen Concurrenz, keine Beschäftigung finden und vergrößern nur das ohnehin schon sehr zahlreiche Contingent von Paupers. Bekanntlich ist das Proletariat in England ein sehr bedeutendes und ist es daher nicht zu verwundern, daß die Regierung mit großer Besorgniß der Masseneinwanderung jüdischer Zuzügler aus Rußland entgegensieht. Da das Parlament es nicht für nöthig befunden hat Repressivrnaßregeln gegen den Zuzug jüdischer Emigranten ans Rußland zu ergreifen (was auch nicht thunlich ist und nur im äußersten Nothfalle angewandt werden könnte), so hat es Lord Salisbury *) Grüß 8 B., S. 380. für thunlich gehalten, dem englischen Generalconsul obenerwähnten Auftrag zu geben und. Mr. John Mitchell ist bestrebt, dieAeußerung des britischen Premiers zur Kenntnißnahme der betreffenden jüdischen Kreise zu bringen. Doch auch ohne diese Ermahnung seitens des Chefs des Cabinets von St. James ist die Emigration von selbst ins Stocken gerathen. Ganz abgesehen davon, daß durch das Absperren der deutschen und theilweise auch der österreichischen Grenze der Auswanderung an und für sich ein ziemlich solider Riegel vorgeschoben worden ist, hat dieselbe hauptsächlich ihr raison d’etre dadurch verloren, daß die von Baron Hirsch geplante Colonisation von Argentinien so ziemlich in die Brüche gegangen ist. Auf dem Papier möge sich diese Idee ganz schön gemacht haben, aber, gleich einer in den schönsten Farben schillernden Seifenblase, platzte sie bei der ersten Berührung mit der Wirklichkeit. Man trieb Gefühlspolitik und darum erlitt sie Fiasco. Mit dem wannen Herzen ging auch der kühle Kopf durch; darum scheiterte die Colonisation und ist auch der Emigration ein harter Schlag versetzt worden. Es schien so leicht, eine Völkerwanderung zu organisiren. Doch siehe da, als man sich an die Lösung der Aufgabe machte, so erwies sie sich eben als unlösbar." China. In einer der jüngsten Nummern des „Globus", illustrirte Zeitschrift für Land- und Völkerkunde, herausgegeben von Richard Andree (Nr. 24, Bd. LX, S. 384) wird unter „Chinesische Hetzliteratur gegen die Weißen" erzählt: In den gegenwärtigen Unruhen, die auf Vertreibung der fremden „rothhaarigen Teufel" abzielen, spielen Schmähschriften, die das Volk gegen die Europäer aufhetzen, eine große Rolle. Im Lause des Sommers waren zu Nanking, der wichtigsten Stadt am Aangtsekiang 17.000 chinesische Studenten ans verschiedenen Theilen des Reiches versammelt, um dort ihre Staatsprüfungen abzulegen. Unter ihnen wurden öffentlich die Hetzschriften verbreitet, welche theils blos gedruckt, theils mit Abbildungen versehen waren, und die man selbst in der Prüfungs- Halle anschlug. Der Inhalt ist theilweise sehr schmutziger Art und läßt sich nicht ganz wiedergeben. In einer derselben heißt es: „Ein fremder Teufel vergiftete in Kanton Nachts die Brunnen. Alles erkrankte und konnte nur van den fremden Aerzten geheilt werden. Viele starben. Als der Präfekt die Ursache fand, wurden dreißig verhaftet und getödtet. Wenn diese fremden Teufel ihre Kirchen öffnen, geben sie den Weibern erst eine Pille ein, die dazu dient, dieselben zu hintergehen:... ist das geschehen, dann stimmt der Priester seine Gesänge an. In Tientsin entführte man regelmäßig junge Mädchen, um ihnen Augen und Herz auszureißen. Aber die Einwohner merkten dieses, zerstörten die Hänser der Fremden und fanden darin ganze Haufen von Leichen der geraubten Kinder. Seid vorsichtig, daß uns nicht gleiches widerfährt. Vereinigt Hände und Herzen, um das Uebel zu verjagen, ehe es uns überwindet." —Man sieht, die Fanatiker im fernen Osten greisen zu ähnlichen Waffen wie die Antisemiten und ihre Sprache ist von der dieser Herren um nichts verschieden. Sie stecken nur ein wenig mehr im Mittelalter und fiigen zu der Blntbeschuldigung auch die der Brunnenvergiftung. So wiederholt sich Alles in der Geschichte. VmmMes. Wien. (Trauungen/ Sonntag am 8. Mai l. J.^2 Uhr Nachmittag findet im isr. Tempel der Seitenstettengasse die Trauung voll Frl. Camilla W o l f, Tochter des Herrn Josef Wolf in Wien mit Herrn Heinrich F r a n k ans Miskolcz statt. Am 10. Mai d. I., findet die Trauung des Herrn Cmil D u b. Beamter des Wiener Hauses Rothschild, mit Frl. Nelly Zweig im Waldsteingarten des Praters statt. Die Braut ist die Nichte des Cultusvorstehers der isr. Gemeinde Proßnitz, Herrn Josef Singe r. Wien, I. Mai. (Todesfälle.) Gestern ist hier Herr Wilhelm N a g c l, Fabriks- und Realitätenbesitzer, Chef der Firma W. N a g e l & Co. und Nagel & Wortmann, im 59. Lebensjahre gestorben. Der Verstorbene, welcher wegen seines biederen Charakters und feines humanitären Wirkens allgemeiner Sympathien sich erfreute, war jahrelang Vorstandsmitglied des isr. Tcmpelvereines für die westlichen Bezirke Wie» und hat sür das Gedeihen dieses Tempelvereines seine beste Kraft eingesetzt. Wien. Se. Excellenz der Herr Minister fm Cultus und Unterricht Dr. Freiherr v. Gant s ch hat auf Grund der Befchlüffe der betreffenden Profefforen-Collegien die Zulassung des Dr. Mar Hermann Jellinek als Privatdocenten für >