Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 10 (4.3.1892)
- Date
- 1892-03-04
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Nr. 14 - Orstrrrrichischr Wochrnfttzrift. Sette m Der alky und neue Friedhof der Juden. Bon Ludwig August Frankl. Währing. Bald werden einsam ruhen hier die Todten, Noch nahen Wehmuth, Schmerz den Friedhofsteinen, Doch immer seltener werden sie erscheinen, Allmälig lös't der Tod die Liebesknoten. Es kommen neue, künftige Geschlechter, Kaum können Spruch und Namen sie noch lesen, Wer sind die längst Vermoderten gewesen? Vergessenheit sitzt da als Todtenwächter. Das Feld liegt, eine steinerne Historie, Die Sage nur erhebt die- Todtenklage, Die sich als Epheu schlingt um Sarkophage, Und dämmert als des Märtyr'thumes Glorie. Hier stehen Steine stach, wie weiße Hände, Einfach gemeißelt nach dem Brauch des Ahnen, Den Lebenden zu winken, sie zu mahnen: Ruh' ist nur innerhalb der Friedhofwände. Nichts als die Gmst war unfern Vätern eigen, Auf steter Flucht, gejagt zu allen Zeilen, Wie konnten Mausoleen sie bereiten, Mit heit'rem Blumenschmuck die Gruft umzweigen! Nur Ein Erbarmen wurde menschlich ihnen: Wenn die Geächteten zu sterben lagen, Mit ihnen still zu beten und zu „sagen" Ist fromm die „heil'ge Bruderschaft" erschienen; Die letzte Lieb' erwies sie noch der Leiche, Nicht feile Hände durften sie bekleiden, Und bettete sie sanft nach Erdenleiden, Zum letzten Schlaf im dunklen Todtenreiche. Simmering. Wie hell des neuen Friedhofs Hallen glänzen? Bald aufgebraucht sind alle Marmorbrüche Für Mausoleen, d'rauf viel gold'ne Sprnche, Geplündert wird ein ganzer Lenz zu Kränzen. Doch ebenbürtig sind die in den Särgen ' Und nicht beschämt erröthen soll der Todte, Auch ihn ruft einst der Auferstehungsbote, Wenngleich ihn keine stolzen Hallen bergen. Ihr, jetzt von besserer Zeiten Licht beschienen, Schmückt nur mit reichem Pomp die Gruft der Euren — Die Sitte aber der Altvordern Theuern, Die fromvie Bruderliebe stirbt mit ihnen! Berlineil Vorlesungen. i. Wie alljährlich, werden in Berlin zum Besten des Stipendienfonds der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthumes auch Heuer öffentliche Vorlesungen gehalten, die den Zweck haben, dem großen Publikum die glorreiche Vergangenheit und wichtige Mission des jüdischen Volkes zu vergegenwärtigen. Im Interesse des humanen Zweckes, dem die Vorlesungen dienen sollen, wäre ein stärkerer Andrang des Publikums höchst wünschenswerth; der geräumige Saal des geselligen Vereines der Gesellschaft der Freunde, der als Zusammenkunstsort ersehen war, konnte ein ungleich zahlreicheres Publikum fassen, als dasjenige war, welches sich an den bereits flattgehabten Vorlesungen daselbst eingefunden. Die glänzenden Namen der an den Vorlesungen mitwirkenden Männer sind in jeder Beziehung darnach angethan, für die Bewegung in den weitesten Kreisen Propaganda zu machen und es ist nur betrübend, zu sehen, wie der Jndifserentismus unserer Zeit selbst der anregendsten geistigen Nahrung gegenüber sich abweisend und unempfindlich verhält. Am '1. Februar las Prof. Dr. Lazarus über Simon den Joch ai. — Professor Laz arus feierte den berühmten Gesetzeslehrer des zweiten nachchristlichen Jahrhunderts als den Man» der Zukünft. R. Simon' ben Jochai sprach zuerst den Grundsatz aus. daß die heilige Schrift nicht dem dürren Wortlaut, sondern dem Inhalt und dem ethischen Gehalt gemäß erklärt werden müsse. Mie diesem seinem Grundsätze sehe sich R. Simon in entschiedenem Gegensatz zu seinem älteren Zeitgenossen, zu R. A kiba, dessen Auslegungsmethode eben darin bestand die Wort-, Buchstaben- und Zeichendeutung des Textes der heil. Schrift mit einer Akribie durchzuführen, die bis dahin in der jüdischen Exegese unerhört war. Obzwar nun R. Simon die Ueberlegenheit deS gewaltigen R. Akiba recht wohl einsah, so verfocht er die Richtigkeit seiner eigenen Methode selbst einer solchen Autorität gegenüber mit der ganzen Macht der inneren Ueberzeugung. Darum richtete er die feierliche Ermahnung an feine Schüler: „Meine Kinder, lernet meine Methode, denn die Regeln, die ich euch gebe, sind vorzüglicher, denn die vorzüglichsten unter den Regeln R. Akiba's!* Es kann nicht ausbleiben, daß die Zukunft den Grundsatz R. Simon's völlig sich zueignen wird und wie sehr sich auch eine Partei innerhalb deS Judenthums dagegen sträuben mag: R. Simon's Grundsatz ist nichtsdestoweniger heute schon theilweise zur Herrschaft gelangt. Wie aber R. Simon die ethische Seite des Gesetzes hervorkehrt, also wollte er auch die politischen Zustände seiner Zeit nur insoweit würdigen, als das sittlich Gute in ihnen zur Geltung kommt. Als einst seine Collegen die civilisatorische Thätigkeit der weltbeherrschenden Römer rühmend hervorhoben, da rief R. Simon aus: „Ja wohl! sie bauen Brücken, um Zoll einheben zu können; sie legen Straßen an, damit die Legionen daraus bequem marschiren lönnten; sie errichten Badehäuser, um in denselben der Wollust zu frohnen." Schöpfungen, die dem Eigennutz dienen, haben keinen Werth, es geht ihnen das ethische Moment ab. Solcherlei Aeußerungen dürften von R. Simon des Oefteren gemacht worden sein, sein Römerhaß kam schließlich den Gewcllchabern zu Ohren und er mußte sich nun, um den Verfolgungen zu entgehen, in eine Höhle fluchten, in der er zusammen mit seinem Sohne dreizehn Jahre verbrachte. In dieser Abgeschlossenheit mußte sein nachdenkender Geist die Verinnerlichung drs Schriftwortes nur noch mehr erstreben; der frühere ethische Standpunkt entwickelte sich zur Verinnerlichung. Von der Verinnerlichung zur Mystik ist nur ein kurzer Schritt und die Nachwelt behauptete, daß R. Simon diesen Schritt in der That gemacht habe. So wurde R. Simon im Mittelalter der gefeierte Held der Mystik; er wurde zum Verfasser des Grundbuches der Kabbala, des Sohars gemacht. Als bessere Zeiten angebrochen waren, kehrte R. Simon wieder in die Gesellschaft zurück und er wagte es sogar, im Interesse feiner Glaubensgenossen eine Reise nach Rom zu unternehmen. Die Sage schreibt ihm hier die Heilung der von einem bösen Dämon besessenen Kaiserstochter zu. Jnsoferne jene Krankheit jedenfalls nur ein psychisches Leiden war; trifft dieser Zug der Sage auf R. Simon gut zu; ^enn nur er, der die Dinge nach ihrem Innern zu bettachten gewohnt war, konnte ergründen, was in der Seele der Kaiserstochter vorging, und somit konnte nach richtiger Diagnose auch die Heilung ftatthaben. In jenen Zeiten des furchtbaren Druckes konnten die Juden an dem Bestehen einer sittlichen Wettordnung wohl verzweifeln; aber den Gesetzeslehrern, und unter ihnen vorzüglich R. Simon, war ein solcher Gedanke fremd. R. Simon verkündete es, daß es zu jeder Zeit, und mag sie noch so schlecht sein, einzelne Männer gebe, die allem äußeren Drucke Hohn sprechend, durch ihre sittliche Größe und Vollkommenheit den Bestand der sittlichen Weltordnung sichern, und R. Simon war innerlich fest überzeugt, daß er selbst zu diesen Männern, zu diesen Trägern der sittlichen Idee gehöre. Einmal muß das rein Sittliche über die rohe Gewalt den Sieg davontragen — ein Gedanke, der auch in unseren Tagen oft betont wird, der aber R. Simon ben Jochai schon vor mehr als anderthalb Jahrtausenden recht klar und geläufig war. * * Am 8. Februar las Herr Prediger Dr. Lev in unter dem Titel „Wanderung durch Jberien" über jüdisch-geschichtliche Denkmäler in Spanien. Dr. Lewin kennt die in seinem Vortrag berührten Dinge aus Autopsie; er machte weite Reisen auf spanischem Boden und da gewahrte er allenthalben die Trümmer einstiger Größe, dunkle Schatten einer glanzvollen Epoche, das Echo des Ungewitters, das über Israels edelsten Zweig dahingefahren. Cordova, Sevilla, Toledo und Granada — welche Bedeutung haben sie für das Judenthum gewonnen! Einst beherbergten sie den Stolz und Glanz Israels, dann sind sie ihm ebensoviele Grabstätten und Jammerthäler geworden. Hie und da sieht man noch die Paläste, in denen einst jüdische Staatsmänner, jüdische Feldherrn, jüdische Fürsten gelebt und gewohnt haben; herrliche Kirchen, die jetzt den Stolz Spaniens bilden, waren von Juden zu Synagogen erbaut worden und noch jetzt verkünden Ueberrcste - von hebräischen Aufschriften ihre ehemalige. Bestimmung. Im Volksmunde leben noch verworrene geschichtliche Erinnerungen oder Sagen von Ereignissen» in denen die Juden natürlich eine klägliche, die Peiniger eine glänzende Rolle spielen; das Volk führt wißbegierige Reisende aus die ehemaligen Gottesäcker der Juden, aus die Richtplätze,' in denen judrlche Märtyrer in Flammen bekannten den Glauben, der ihnen m flammen geosienbart wurde. ., Das spanische Volk ist aus die Juden auch heute nicht gut zu sprechen; schauderhafte Gemälde aus den Wänden der Kirchen nähren