Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 9 (26.2.1892)
- Date
- 1892-02-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Ur. 9 MLetti 26. FevrnarI1892. IX. Iahrgana Crntralorgan für die gesammten Interessen des Iudenthums. Eigrnthümer: Reichsraths-Abgeordneter vr. Kloch -- Inhalt: Leitartikel: Eine Beifallskundgebung des Prinzen Liechtenstein. — Zur Rassensrage. — Das Gebet vor der Geme>ndcrathssiyung. — Gewerbsmäßige Ehrabschnciderei. — Eine Pauschal-Bcrdüchligung. — Thron und Altar. — Zur Frage der Rccepliou in Ungarn. —■ Grillparzer über die türkisch-jüdische Gemeinde in Wien. — liorrcspondenzen: Wien, Dombaritz, Berlin, Leipzig, Paris, New-2)ork. — Vermischtes: Wien, Miitclbach, Kuttenberg, Brünn, Prag, Lemberg, Nauduip, Budapest, Brüssel, Cairo, Brünn. — Feuilleton: Äsaak auf dem Damm. — Briefkasten. — Wochenkalender. — Inserate. Einq Beifallskundgebung des Prinzen Liechtenstein. Es war am 20. Februar, in der letzten Sitzung des Abgeordnetenhauses vor den Ferien. Die nicht in Wien wohnhaften Abgeordneten dachten an den Abschied, an das Wiedersehen ihrer Lieben und so blieb im Hause und in Folge dessen auch in der Presse eine Episode unbeachtet, welche selbst in der trockenen Wiedergabe durch das stenographische Protokoll — offen herausgesagt — einen geradezu entsetzlichen Eindruck macht. Das Wort hatte Professor Schlesinger von der Ackerbauhochschule und neben ihm saß Prinz Liechtenstein und rief bei jedem Satze „Bravo", um den Redner zu crmuthigen. Ein slavischer Parteiführer lenkte die Aufmerksamkeit des Abg. Dr. Bloch aus diese Scene, die wcrlh ist, im Gedächtnis; festgehalteil zu werden. Wenn ein armer Proletarier den Feudalen spielt weckt er Verdacht, ein Prinz aus bcfitznlächtigem Hause mit den Gesten des Proletariers lockt bcn Spott heraus, der aber einem ganz anderen Empfinden Platz macht, lvenn dieser prinzliche Millionär mit seinem Beifall Redner belohnt, welche die Beraubung und Entrechtung der besitzenden (Staffen verkünden. Zu der Fixion als ob der jüdische Hausirer ein Krösus, Prinz Liechtenstein aber ein armer Teufel sei, der die social.stische Gleichheit des Lebensgenusses für sich rcclamirt, wird sich schwerlich ein Anderer als der Lcibbursche Sr. Durchlaucht erheben. Professor Schlesinger malte seine Ideale aus und Prinz Liechtenstein hielt seinen Beifall nicht zurück. Wie muß aber Geist und Gcmüth bei Denjenigen beschaffen sein, welche sich nicht scheuen im offenen Parlamente Raub und Plünderung als ihr Ideal hinzustellen. Das Verbrechen wird als Heilmittel für Volk und Staat empfohlen. Jede moralische Directive scheint hier in Verlust gerathen zu sein. Schwarz auf Weiß steht es im stenographischen Protokoll gedruckt. Der Abgeordnete des Wiener Bezirkes Josesstadt sagte wörtlich: „Es gibt Orte, wo zehnte, wo Hunderte von Millionen vorhanden sind, welche nicht durch reelle Arbeit, sondern durch ungewöhnlichen Gewinn bei Staatsanlehen und durch betrügerische Börsenoperationen gewonnen sind. Es gibt tausende von Millionen, die dem Staate und dem Volke ausgepreßt wurden und es müssen gesetzliche Mittel gefunden werden, diese riesigen Summen in das Volk zurückzuleiten, wohin sie gehören. Wenn wir nicht das Geld von jenen Stellen, wo es unberechtigt vorhanden ist, aus gesetzlichem Wege in das Volk leiten wollen, so wird diese Arbeit durch den Lauf der Dinge vollzogen werden." So sprach Professor Schlesinger und Prinz Liechtenstein unterstützte ihn durch seinen Beifall, so daß die Beiden sich redlich Mühe geben, „den Laus der Dinge" zu beschleunigen. Die Doctrin, die Herr Schlesinger predigt, ist nicht mehr sozialistisch, sie bedeutet die Anarchie, die nackte schamlose Gewalt: Er verkündet nicht das Recht auf Arbeit sondein das Recht auf Diebstahl und Räuberei. Und das ist begreiflich, wenn man sich vor Augen hält, daß Herr Schlesinger kein Socialist, sondern daß er Antisemit ist. Der socialdemokratische Abgeordnete Singer hat vor Kurzem im deutschen Reichetag erklärt, der Antifcmilismrrs sei der Socialismus der dtiiiimen Kerle. Der Ausspruch ist nicht vollständig: der Antisemilisluus ist auch noch der Socialismus aller Gauner oder Mordbrenner. Von den Führern des Antisemitismus verfällt Einer nach dem Andern dem Arme des Gesetzes. Soeben hat man in Berlin wieder den Rektor Ahlwardt, den Freund Vergani's, dingfest gemacht und ihm die Unterschlagung von Lchrergehalten und andere Betrügereien nachgewiesen. Wenn Herr Schlesinger die gewaltsame Enteignung der B sitzenden predigte, so handelt er demnach nur im Geiste jener Männer, die Armengelder defraudirtcn, Meineide schwuren, Urkunden fälschten, Rothzucht übten, geschändete Mädchen dem Elend Preisgaben, ihre christlichen Genossen bewucherten und den Armen das Beuschel aus dem Leibe rissen. Was wir aber nicht be, reisen, oder nur unter einem besonderen Gesichtspunkt begreifen, ist die Thatsache, daß der Prinz Liechtenstein dieser Lehre Beifall klatscht. Prinz Liechtenstein findet es durchaus zweckmäßig, daß die Reichthümer nach ihrem Ursprünge geprüft werden. Die Berufung darauf, daß man nicht gegen die Gesetze sich vergangen habe, oder daß man ererbte Millionen bewirrhschaste, ist ganz werthlos; nach vielen Jahren noch wird der ungebührliche Gewinn bei Staatsanlehen oder eine „betrügerische "Börsenspeculation untersucht. Wir mochten aber fragen, ob denn die Geschlechter, welche durch ausgedehnten echt fürstlichen Besitz an der Spitze des europäischen Adels stehen, cs daraus ankommea lassen können, daß das Entstehen und Wachsen der nach Hunderten von Quadratkilometern sich bemessenden Latifundien nach moralischen Prinzipien geprüft werde. Wir wissen auch nichts davon, daß die landwirthschastliche Industrie bei der Ausbeutung der Arbeitskräfte sich wesentlich von den gewöhnlichen Fabriken unterscheide. Sollte also, um mit dem