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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-01-29 · 5 (29.1.1892) · page 18

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
5 (29.1.1892)
Date
1892-01-29
Page
– (sequence 18)
Language
German
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Seite L() Orprrrrichischr Wochrnschrifk. Nr. 5 Juden zu damaliger Zeit im Polenlande. Wohl hatte ihnen Kasimir, der Bäuernlönig, gegen einen Haufen Goldes, den sie ihm so hoch, wie sein Leibulan, hoch zu Roß mit erhobener Picke, aufschütteten, dir Erlaubnis, in seinem Lande zu wohnen ertheilt, aber die Wojewoden lind kleinen Cchlachzizen, die sich durch ihre Privilegien dem Könige gleich dünkten, drückten sie fürchterlich und saugten ihnen förmlich das Blut aus. Rabbi Liwa verließ das blühende Prag und seinen Wohlstand dcrtselbst, um seine segensreiche Thätigkeit nach Polen zu verlegen. Ein großer Ruf gieng dem Rabbi voraus nach diesem Lande, man erzählte ,fich Wunder von seinem Einflüsse bei Fürsten, seiner Weisheit und Gelehrsamkeit. Um derselben Zeit tauchte in diesem Lande die neue Lehre, die Eabala auf, die aus dem Morgenlande über Italien herkam und bald viele Anhänger und Gläubige zählte. Diese Lehre, die noch heute de,! Vorzug hat, daß ihre Anhänger an sie glauben, ohne ihr Wesen zu kennen, machte auf Halbgebildete, wenig gelehrte Menschen großen Eindruck, die gerne Wunder sehen wollten, und die Kabala solche beroorzubringen im Stande hielten. Von Polen nach Süden war ein heute zu einem Dorfe herabgesunkenes, sogenanntes „Mukom", das im ganzen von Christen bewohnt war, und für die Juden nur eine einzige Gasse hatte.. Manche solche Orte giebt es in den Provinzen des alten Polens noch heute, wohl ohne letztere Beschränkung. Jenes, von dem hier die Rede ist, hieß Osiolow und gehörte erb- und eigenthümlich dem Fürsten Osiolinski an. Was der Eigenthümer eines Städtchens an demselben hatte, war etwas mehr als heutzutage. Ihm gehörten meistens die schönsten Häuschen in demselben, er hatte das Protektorat über Kirche und Gemeinde, ihm gehörten alle noch leeren Plätze desselben und endlich das einträgliche, erst unlängst abgelößte Propinationsrrcht. Dieses wurde von den Juden gepachtet und in cineni „Mukom" im Schanklocalen in denen sie nicht übernachten durften, von denselben ausgeübt. Den Branntwein erzeugten sie in kleinen Kesseln selbst. Osiolow hatte eine große christliche und eine kleine jüdische Bevölkerung, daher gieng das Schankgeschäst gut. Der Hauptpächter desselben beim Eigenthümer, der sogenannte Areudar war Reb Jankel Ehurez, der »sich vom armen Makler beim Gutsherrn, zu.:i reichen Pächter aller städtischen Geschäfte emporgearbeitet. Dieser Reb Jankel beschloß, als er von dem Kommen des Rabbi Liwa horte, zu diesem nach Posen zu fahren und um einen Mann für Alteniu, sein« Tochter aus der Jüngeischaar seiner Jeschiwa-) die mit ihm aus Prag gekommen waren, zu bitten. Altenin war des Reb Jankel einzige Tochter und trotz der fünfhundert Eoldgulden die er ihr außer Schmuck und Kost zur Mitgift geben wollte, auch trotz ihrer neunzehn Jahre für damals eine alte Jungfer zu nennen, konnte sich für sie kein Mann finden. Altenin war nicht etwa häßlich, was für damals kein Hinderniß gewesen wäre, sie war sogar schön, und das eben war die Ursache, daß sie Reb Jankel nicht verhkirathen konnte. Denn kam ein Machitan3) mit seiner Frau um Altenin für ihren dahrimgelassenen halbwüchsigen Jungen« in Augenschein zu nehmen, erzählte ihnen der Herbergebesitzer wo sie abstiegen, daß Altenin keine Jüdin mehr ist, daß sie vom Geistlichen, mit dem sie geheimen Umgang pflege, bereits getauft worden und der Mann glaubte ein gutes Werk gethan zu haben, wenn die Leute wie abgebrüht ohne Reb Jankels Haus besucht zu haben, auf und davon fuhren. AuS solchen. Gründen entschloß sich Reb Jankel zu einem schon damals nicht sehr begehrten Jeschiwa-Bochur als Eidam, aber er wußte sehr gut, daß auch der ausgehungertste Bochur, wenn er von Altenius Verhältnis erfahren werde, ohne Umstände in die Jeschiwa znrüSehrm würde, daher hatte er sich etwas Außerordentliches, etwas Großes ausgedacht und das sollte ihm der gelehrte Rabbi Liwa verwirklichen. Ein so großer Mann mußte ja, das wax sicher, die Kabala und somit Wunder üben können, er setzte sich daher eines Tages auf einen langen Leiterwagen, der nach Posen durch drei dürre Pferde befördert wurde und stand am dritten Tage vor Rabbi Liwa. Dem entdeckte er alles, was Altenin sei, leugnete die Geschichte mit dem Geistlichen, die er sonst zu verbergen suchte, auch nicht und verlangte, der Rabbi solle durch die heilige Kabala einen Mann schassen, der seine Altenin heirathen und sie nie verlassen sollte. Da eine Seele dem Glauben, und ihm eine Tochter dabei erhalten würde, thue es nichts, wenn man höhere Kräfte in Anspruch nehme. Altenin habe gedroht, sie werde zum Geistlichen ziehen und öffentlich mit ihm leben; wenn er ihr einen anderen Mann, der ihr gefallen sollte, oorstellen würbe, könnte er sie von diesem Schritte vielleicht abhaften und sie zum Leugnen ihrer Taufe bewegen. Rabbi Liwa hörte seine Rede bedächtig an und da es Freitag Nachmittags in den Beth Hamidrasch war. wo die Unterredung stattfand, beschied er ihn für morgen Abends am Sabbathausgang in die große Synagoge. Dort werde er einen Golam erschaffen, und ihm denselben zum Mann für -seine Tochter mitgeben. Wenn man nicht auch betrügen kann, ist man noch kein großer Mann und Rabi Liwa war entschlossen, dem Manne einen frommen Betrug zu spielen, wovon er sich den gewünschtenErfolg versprach. Samstag abends, nachdem er Habdulah^) gemacht hatte, rief Rabbi Liwa seinen Lieblingsschüler Zcwi den Mau, einen Jüngling, mit .schwarzem Haar, blauen Augen, und bleichem Gesichte um ihm seine Pfeife anzuzünden. Das geschah so allwöchentlich und dabei pflegte Zewi dem Rabbi die Stadtneuigkeiten mitzutheilen heute brach Rabbi Liwa plötzlich mitten im.Gespräch ab und befahl Zewi ihm zu folgen. Dieser war so etwas zwar nicht gewohnt, aber er gehorchte, ohne die geringste Verwunderung zu zeigen^ In der Synagoge angekommen, schloß der Rabbi die große eichene Thüre und gieng, bei dem Scheine des Rer Tumid3) von Zewi gefolgt, bis vor die heftige Lade. . *) Schule. 3) Brautwerber. Vater des Bräutigame. *) Segensspruch über ff euer und Wem. *) Ewiges Licht. Hier erzählte Rabbi Liwa feinem Schüler den ganzen Verhal der Sache und schloß: „Ich sehe hier keine andere Hilfe, nur wenn Du dieses gute Werk auszusühreu unternimmst, Du bist schön, Du wirst dem Mädchen gefallen und wenn Gott will kannst Tu mit ihr glücklich werden." „Für dm abergläubischen Alten aber mußt Du Dich zu einem Betrüge hergrben. Hier in die hohle Treppe, die zur Aufnahme von alten Schemoth*) dient, mußt Tu Dich hineinlegen, ich werde einen Hokuspokus hersagcn und Du sollst als neuerschassener Mensch auferstehcn." — Zevi kroch, nachdem er dem Rabbi ergeben geantwortet: „Wenn Ihr cs als gut befindet, muß es sein", in die hohle Treppe, Rabbi Liwa schob das Brett darauf und im selben Augenblicke klopfte der für den Sabbathausgang bestellte Reb Jankel Ehurez an die Thüre. Ter Rabbi öffnete, Reb Jankel trat mir ehrfurchtsvollem Schauer über die Schwelle, der Rabbi führte ihn schweigend an die Stufen zu der Lade, nahm den Kidusch-Becher aus dem Schranke, füllte ihn mit Wasser aus dem Handfasse, ging zu den Stufen zurück, kehrte mit seinem laugen grauen Barte den Staub ans einen Haufen zusammen, goß das Wasser hinein, nahm den Tallis des Vorbeters vom Amud**) und deckte die Stufe zu. Reb Jankel stand bei alldem wie versteinert da, als Rabbi Liwa aber den Namen der Zweiundvierzig das Anu wakoach di eimal herzusagen begann, lispelte er leise die Worte nach und als sich nach dem dritten Male der Tallis zu regen begann, firg er an zu beben und zu zittern; als sogar ein schöner Jüngling hinter dem Tallis hcrvorkam, siel er beinahe in Ohnmacht. Der Rabbi spritzte ihm den Rest des Wassers aus dem Becher in's Gesicht und Reb Jankel ermannte sich. Er besaß sich gar nicht vor Freude und dankte dem Rabbi einüber das andremal. Am andern Morgen fuhr Reb Jankel mit seinem zukünftigen Eidam auf dem Leiterwagen nach Osiolow. Hier angekommen, gab Reb Jankel Zewi als das was er war, als einen Bochur aus der Jeschiwa des Rabbi Liwa aus, stellte ihm mit triumphirender Miene seiner Altenin vor und glaubte diese schon an das Judenthum und sich gefesselt zu haben. Bei dem Vcrlobungsmahle das hier cufgefeiert wurde, verhielt sich das Mädchen anständig genug und die Gemeindemitglieder, die der Vater zu dem Mahle geladen, gönnten ihr sogar den schönen und gelehrten Bochur und srrutcn sich der, wie sie glaubten, Neubekehrten. Zcwi aber war mit eiuemmale ein anderer Mensch geworden, wiewohl ihm Rabbi Liwa alle Fehler Altenin's erzählt hatte, war er gleich im ersten Augenblicke von ihrer Erscheinung so gefesselt, daß er ihre Fehler zu vergessen beschloß und aus heißer Liebe das lhun wollte, was ihm der Rabbi befahl, Alles daran zu setzen, sie zu bessern. Zewi war v6n Liebe und Ehre, die ihm alle Juden, die bei seinem Schwiegervater versammelt waren, zuwandten, in gehobener Stimmung versetzt, sagte eine schöne Ternsche***) bei Tische und die Gemeinde war von ihm so hingerissen, daß am Schluffe des Mahles Einer proponirte, man solle Rabbi Zcwi als Rabbiner in Osiolow aufnehmcn. Das Städtchen hatte als „Mukom" noch keinen solchen und die Erlaubniß, einen aufzunehmen, hing vom Gutsbesitzer ab. Der Vorschlag wurde angenommen und von einem Anderen dahin ergänzt, daß man auch gleichzeitig eine Synagoge, die gleichfalls noch fehlte, in Angriff nehmen sollte. Reb Jankel offerirte sogleich zehntausend Ziegeln aus seinem Ziegelofen, den er an den vom Fürsten gepachteten Lehmgruben hatte, zu diesem Zwecke und erbot sich auch gleich, am anderen Morgen in Begleitung der vornehmsten Gemeindemitglieder und sei.es Eidams zum Fürsten zu gehen, ihm das Doppelie für das Propinationsrecht zu bieten, wenn er die Aufnahme eines Rabbiners und den Bau einer Synagoge erlaube. Mit diesem Beschlüße trennten sich die Gäste bei Reb Jankel Ehurez spät Abends und als Zewi nach Altenin sah, vielleicht hatte er sich ihr zu erklären im Sinne, vielleicht auch nicht, er wußte es selbst nicht, war sie nicht zu finden. Zewi ahnte es nicht, aber sie hatte beschlossen, ihn zu verderben und darum war sie bei der Verlobung wider Erwarten brav. Nachdem die Juden nach Hause gegangen waren, lief sie in finsterer Nacht nach dem Hause des Geistlichen, erzählte ihm, daß ihr Vater ihr einen Mann aus der Jcschiva g.bracht und setzte ihm so weit zu, daß er ihr versprach, morgen beim Fürsten zu wirken, daß Zewi aus Osiolow verwiesen oder gar in den Kerker geworfen werde. Aber jener Lenker der menschlichen Schicksale, den man immer nur fragen möchte, warum er die Strafe auf den Frevler nicht herabschicke, ehe er die Thai begeht, denn so werde sie ja nie geschehen, richtete es so ein, daß, als Anteniu vom Pater heimkehrte, sie in die Lehmgruben ihres Vaters fiel. Der Nachtwächter hörte noch ihre erstickten Hilferufe, konnte sie aber nicht mehr retten und meldete nur noch am frühen Morgen das Geschehene dem Geistlichen, damit er sie herausnehmcn und ans dem christlichen Friedhöfe begraben lasse. Als die Gemeinde mit Reb Jankel Ehurez Zewi und allen vornehmen Mitgliedern an der Spitze am Morgen beim Fürsten aus dem Schlosse erschienen, um ihm ihre Bitte vorzulrgen, fanden sie ihn sehr schlecht gelaunt. Er hörte ihre Proposition gar nicht au, sondern rief den Pater, der schon früher gekommen war, aus dem anstoßenden Zimmer und ließ ihn in Gegenwart der Juden seine Klage anbrinJen: Dieselben hätten die neugetauste Christin Antonina, früher Alte genannt, in der Nacht erschlagen und in eine Lehmgrube geworfen. Die Juden wußten von dem Geschehenen noch nichts, daher *) Bücherfetzen. **) Altar. ***) Vortrag.

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