Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 1 (1.1.1892)
- Date
- 1892-01-01
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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«rttr 18 Ovstrrvetchischr Wochenschrift. Nr. 1 WLHter deS Gesetzes fanden ihn bewußtlos, aus dem Munde blutend auf der Landstraße liegend, sie trugen ihn in das nächste Dorf, von wo a«U er in seine Heimat transportirt wurde. Nur durch ein Wunder wurde er beim Leben erhalten. Wieder genesen, aber stumm ging er »«erdings seiner früheren Erwerbsthätigkeit noch; allein das ihm mangcklde Sprachvermögen erschwerte ihm den Bekehr mü den Kunden, und während er früher mit Schnittwaaren ging, mußte er jetzt zu den niedrigem Haufichaudel greifen; er ging mit „Kleinling" — mit messingenen Fingerringen und Ohrgehängen, Kämmen, Geldtaschen, Hosenträgern, riechmden Seifen, Schnurbartwichse rc. :c. wobei nicht viel hin und her zu handeln und zu sprchen ist. . Sein ganzer Kram war kaum fünf Ewlden werth. Bei diesem armseligen Erwerbszweige kam Jossel immer mehr herab. Schmutzig und zerlumpt, von den Gassenjungen verhöhnt, hausirte er von Dorf zu Dorf, seine kurzen, heiseren Laute längs der Häuserreihe ausstoßend uitb sich damit den Bauernwribern ankündigend. So gings jahraus, jchrein, nur zu den hohen jüdischen Feiertage» und zu den christlichen Weihnachten kehrte er zu seiner alten Mutter hän, die er mit seinem schmalen Verdienste noch unterstützte und tie immer seiner Ankunft sehnsüchtig entgegensch und um Wochen früher schon sein Gewand lüstete, in dem er in der Gasse paradirt«, obwohl er da mit Niemandem verkehrte, denn sein Gebrechen machte ihn zum Gelächter jeder Gesellschaft. Esterl aber hatte ihn gern, seine gute, seine schöne Werl, ein mageres, etwas schief gewachsenes Mädchen, das elternlos und ohne Verwandte, wie aus dem Stein herausgesprungen auf der Welt war, nichts gelernt hatte und wegen ihrer schwächlichen Konstitution zum Dienen unfähig, sich dem Haufirhandel widmete, um Niemanden zur Last zu fallen. Sie handelte mit Bändern, Spitzen, Strickwolle, Zwirn, Nadeln u. s. w. Ihr Rayon waren ebenfalls die österreichischen Alpenländer, aber sie hielt sich mehr in der Nähe der mährischen Grenze aus, jenstjts welcher ihr« Heimatsgemeinde lag, wohin sie fast jeden Freitag ^rlrückkel,rte. Jossel hat sie zuerst auf freiem Felde unweit eines Dorfes gesehen, wo sie im Grase saß und auf einer Maschine mittels Spiritus Kaffee kochte. Josiel sah ihr gierig zu. Er war sehr religiös und hat Wochen, ja Monate lang nichts Warmes gegessen, weil damals in den Aspenlandern weit und breit kein Jude wohnte. Auch Werl war fromm. Sie führt« daher ihr «genes Geschirr mit sich, um sich wenigstens eine Suppe od» Kaffee Lochen zu Ermen, ohne welchen sie nicht sein konnte. „Wollen Sie was?" hatte ihn das Mädchen mit dürmer Stimme gefragt, indem sie ihre großen Augen zu ihm erhob, „ich hätte noch eine Schale Kaffee für Sie." JoffÄ nahe«« sich lächelnd und nahm das Dargebotene an. Sie aßen Beide im tiefsten Schweigen; zwei- oder dreimal trafen sich ihre Augen und sie lächelten. „Wo find Sie denn her?" stagte Werl leise. Er gab ihr durch Zeichen zu verstehen, daß er nicht recht sprechen könne, öffnete den Mund ans den Stumpf der Zunge. Das Mädchen wendet« die Augen »ach einer andern Seite. Sie hatte sich gewaltig entsetzt. Joffel berührte sie leise am Arme. Er hatte Thränen in den Augen. Dann stcunmeste er etwas, das sagen sollte: „Sei nicht so, verläßt du mich anch! Sei doch gut!" Ans seiner Kehle kamen Laute, daß das arme Esterl zusammenschrack. Sie faßte ihre sieben Sachen zusammen, stand aus und sagte ihn, Adieu. Aber sie sahen sich später wieder und öfter uub schienen wie Bruder und Schwcher. Sie saßen oft zusammen auf den Wiesen vor den Dörfer», wo fie haufirtrn. Joffel legte seinen großen Kopf auf Esterls Knie und schloß halb die Allgen vor Vergnügen, wenn fie ihm in den Haaren wühlte, und ihm dabei Geschichten auS ihrer Gaffe und ihrem Leben erzählte. Joffel «ingelnllt von ihrer schmeichelnden Stimme, schlummerte dabei ein und träumte Wider höchster Seligkeiten. Da wurde die Rede Werls immer langsamer, immer leiser und hörte nach und nach ganz «ms. Die Sonne goß freundlich eine warme Fluth über die zwei elenden Geschöpfe. Biele Wochen vergmgen so. Sie hausirten zusammen in denselben Dörfern, theisten ihre» Verdienst, nur des Nachts trennten sie sich von ««ander, jedes schlief in der Scheuer eines anderen Bauern. Joffel schien glücklich, und wenn sie nebeneinander von einem Dorfe zum andern warst» «ten, er den Bündel auf dem Rücken und fie den Korb in der Hand, machte er Sprünge, wie ein ausgelaffener Knabe, bis er glühroch im Gesichte laut auflachend unter einem Baume zusammensank. Werl lachte «uh, über wen« ihr Mick durch den im Lachen geöffneten Mund Jossels auf seinen zitternden Zungenstumpf fiel, faßte fie ehr Schauder bis ins tiefste Mark. DaS merke der arme Stumme und war traurig den ganzen Rest des Tages. Akt einem milden Oktobertage schlief einmal Werl bei einer solchen Wanderung mit offenem Munde, an einen Heuschober gelehnt ein, und Joffel hauet* neben ihr. Der Dust deS Heues versetzte ihn in eine Att Rmrsch. Verschiedene Gedanken wirbelten in seinem Kopfe. Er raffte sich auf, beugte sich zu Werl bis er chren warmen Hauch im Gesichte fühlte, und — f&f&c ihren Mund. Das Mädchen zuckte zusammen und erwachte. Wide erröthklen vor Scham. Ru» Arm der November. Wohl gingen sie noch immer zusammen von einem Dorfe zum andern; aber bei den schnell hereinbrechenden Abende» »rußte» sie immer eilen, wenn sie einige Geschäfte machen wollten, und mit der aubrecherchen Dunkelheit Valoren fie sich aus den VngfUi An einem stürmischen Decembertage saßen sie in dem Wirthshause eines Dorfes beisammen. Das Wetter machte das Hausiren unmöglich. Jedes hatte ein Glas Bier vor sich stehen, um nicht umsonst da zu sitzen. »Jetzt kommen die christlichen Feiertage, Jossel, wir werden Jeder in unsere Heimat ziehen und uns in Wochen nicht sehen; vielleicht werden Frost und Schnee mich lange zu Hause ztrrückhalten — und dabei zeigte sie auf das verschossene dünne Kleidchen, das sie an hatte -- aber dir wird's gut gehen, du hast eine Mutter zu Hause." Jossel weinte, dann lallte er wie ein kleines Kind, was in eine menschliche Sprache übersetzt, heißen sollte: ,^omm' mit mir zu meiner Mutter!" Esterl verstand ihn. Sie sprachen noch mehrmals davon und das Mädchen willigte endlich ein. Nach einigen Tagen machten sie sich auf den Weg. Sie wanderten nnd wanderten und übernachteten oft in Schuppen und Ställen. Das Mädchen stand viel aus, sie war ganz fahl geworden, die Augen waren erloschen, die Lippen bleich, die Füße geschwollen. Wenn Jossel sie ansah, fühlte er sich vor Mitleid vergehen. Er hatte ihr seine zerrissene Jacke umgehängt; er trug sie oft große Strecken auf seinem Rücken. Eines Abends, nach einer langen Wanderung, fanden sie kein Haus; der Schnee bedeckte den Boden fußhoch und noch immer schneite es in großen Flocken, der Nordwind wehte. Esterl, der die Zähne vor Frost und Fieber klapperten, hatte sich ihm um den Hals gewunden und ihre leisen Klagen, die wie Röcheln erschienen, ginge» dem armen Jossel wie Dolchstiche durch's Herz. Aber er schritt weiter, immer weiter. Er fühlte Esterl's Herz gegen das seine klopfen .... Dann fühlte er nichts mehr; die kleinen hageren Arme des Mädchens umfaßten ihn starr und kalt wie Stahl; der Kopf hing nach hintenüber. Er stieß einen Schrei aus, der deutlich wie „Sch'ma Jisroel" klang, als ob ihm die anderen Glieder die Zunge ersetzt hätten. Dann drüÄe er den entseelten Körper nur fester an sich und schritt in der Thaltiefe dahin, umwirbelt vom Schneegestöber, umheult vom Nordwind, der sich wüthend wie ein hungriger Wolf auf ihn stürzte. Er wanderten und wanderte, bis ihm die Muskeln starr wurden, bis ihm das Blut erstarrte. Da fiel er plötzlich zusammen, noch immer die kleine Leiche an der Brust. Bald hatte der Schnee sie zugedeckt. . . . Erst im Frühjahr fand man die Leichen Beider. Literatur. Heinrich Galandauer Rabbiner in Sobborten (Böhmen). Der Soeialismns in Bibel und Talud. Mainz 1891. Tie soziale Frage beherrscht die europäische Gesellschaft der Gegenwart und ist berufen, die nationale Frage abzulösen. Das kommende Jahrhundert wird das soziale sein, wie schon heute der deutsche Kaiser hauptsächlich soziale Politik treibt. Das Schlagwort „praktisches Ehriftenthum'ist vom Fürsten Bismarck geschmiedet worden und gehört seit 1881 zu den beliebtesten politischen Phrasen. Es dient als immer bereiter Heiligenschein. Die ganze Gruppe der sozialpolittschen Gesetze und Entwürfe ist nach und nach damit bekleidet. Die Träger der Sozialpolitik haben den Heiligenschein aber auch gleich weiter für ihre sonstigen politischen Bestrebungen in Anspruch genommen, bis schließlich selbst der Reptilienfonds und die Judenhetze im Namen des praktischen Christenthnms ihre segensreiche Wirksamkeit auszuüben versuchten. Darnach ist diese Phrase zur völligen Landplage geworden und die anständigen Leute, die sie noch ab und zu anwenden, haben sehr unter der Concurrenz der politischen Tartufse zu leiden die es zu allen Zeiten vortrefflich verstanden haben, das Ehriftenthum für praktische Zwecke auszunutzen. Um so nothwendiger war es, der modernen Welt auch ein Bild des „praktischen Judenthums" zu zeigen und die sozialen Lehren von Bibel und Talmud den modernen Politikern vorzuführen. Der erste der dies unternommen, war der Reichsrathsabgeordnete Dr. Bloch, der vor nahezu 10 Jahren 'in Arbeiterversammlungen in Wien und den Vororten Vorträge über den Arbeiterstand der alten Völker hielt um an der Hand historischen Materials jene Errungenschaften zu zeichnen, welche der Arbeiterstand ausschließlich dem Judenthum dankt. Seitdem ist eine große Anzahl ähnlicher Schriften nacheinander erschienen, welche die Stellung des alten Jüdenthums zur sozialen Frage klar zu legen suchten. Auch die vorliegende Schrift verfolgt den Zweck und ihr Verfasser zeichnet sich aus durch eine nicht gewöhnliche Begabung und ein reiches Ausmaß von Wissen, sein Styl ist anregend und fesselnd, getragen von warmer Empfindung. Seine Darstellung und Begründung des biblischen Principes der Gleichheit und der Gleichberechtigung ist recht verdienstlich und im Interesse der guten Sache wünschen wird der Schrift eine große Verbreitung. Sie ist geeignet, Jrrthümer zu beseitigen, Anklagen zu entkräften und asten Vorurtheilen entgegenzutreten. Brieflrastr n. Für die aus Rußland vertriebenen Juden sind uns fl. 10.— von, Ingenieur Josef Lazarus in Wien zugekommen. „Jurist" 100. Wir bedauern in der fraglichen Angelegenheit nicht unterrichtet zu sein. Johann Maier's Witwe, Cursalon im Stadtpark: Ueber Ihren Wunsch constatiren wir an dieser Stelle, daß Sie erklären vom Wiener Gemeinderath keinerlei Subventionen zu erhalten, und daßes Ihnen freisteht Ihre Placate und Programme ausschließlich in antisemitischen Buchdmckereien anfertigen zu lassen, ohne Jemanden Rechenschaft schuldig zu sein.