Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 51 (25.12.1891)
- Date
- 1891-12-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Vni. Jahrgang Nr. 51. Wien, 25. Derember 1891. Centralorgan für die gesammten Interessen des Iudrnthums. 8. ft. Pofisparrassenmnt Tlrsringvrrketzr Nr. 810.976. Lrdartton u. Administration: Wien 1« Aothrnthurmstratzr 3S. Eigenthümer: Reichsralhs-Abgeordneler vr. Kisch. Erfcheint jeden Freitag. *= Man abomrirt bei allen NofimrstslLrn dr» Inand Auslandr». Bezugspreis: Halbjährig 4 fl, Einzelexemplare SS fc, Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petitzeile 12 kr. -X . Inhalt: Leitartikel: Oberrabbiner Güdemann und Hofrath Lienbacher.— „Der gute Wernher." — Weihnachten. — Verganis „ehrlicher Name". — Ein offener Brief an Herrn Staatsanwalt Kobligk in Breslau. — Aus Frankreich. — Die Verfolgung der Deutschen in Rußland' — „Mehr Licht!' — Correspondenzen: Wien, Darmstadt, Erefeld, Barmen, Eisleben, Bukarest, Paris, London. — Vermischtes: Wien, Floridsdorf, Brünn, E. B. Olmütz, Budapest, Siebenbürgen, Bur Szt. Marion, Berlin, Mannheim, Leipzig, Breslau, Hamburg, Bern, London, Petersburg, Sundsvall, Adrianopel, Jaffa. — Feuilleton: Aus der Judengasse. — Meine zwei besten Kosttage. — Briefkasten. — Wochenkalender. — Aus dem Publikum. — Inserate. Oberrabtnner Güdemann und Hofrath Lienbacher. Wir Bewohner der nördlichen Hemisphäre — ein stolzeres „Wir" ist niemals ausgesprochen worden, denn die nördliche Hemisphäre schließt so ziemlich Alles ein, oder es ist wenigstens von ihr ausgegangen, was in der Welt- und Culturgesch>chle als groß und bedeutend sich darstellt, was aus dem Gebiete der Wissenschaft, Kunst und Dichtung, auf dem Gebiete des menschlichen Schaffens überchaupt das Menschenherz mit Stolz und Freude zu erfüllen vermag, — wir Semiten, Arier, Turanier und wie die anderen Raren alle genannt werden, wir haben den kürzesten Tag hinter' uns, die Sonne hat gesiegt und es geht wieder auswärts dem Lichte entgegen. Auch im mitteleuropäischen Staatsleben scheint sich eine ähnliche Wendung vollzogen zu haben. Dank der neuen Handelsverträge, dank der Neugestaltungen, welche in Oesterreich durch den Ausgleich alter Gegensätze angebahnt wurden. Man hat die Gefahren des Antisemitismus erkannt und der finstere Geist der Reaction findet nicht mehr jene offene oder geheime Ermuthigung wie noch vor wenigen Jahren. Allerdings wird es noch länge dauern, bis Freiheit und Aufklärung wiederauf breiter Straße die Fahne vorantragen, allerdings stiegen die Eulen noch, am Hellen Tage. Man muß nicht immer an den Antisemitismus in seiner brutalsten Gestalt denken, an jenen Wahn, der das Angesicht des Jahrhunder-ts wie ein bösartiges Geschwür Sntstellt, es gibt auch noch andere Dinge, die sich der Beachtüng empfehlen. Die Gleichberechtigung aller Staatsbürger ist in den Staatsgrundgesetzen ausgesprochen und verbürgt. Wie steht es cber mit der praktischen Durchführung des Princips? In der letzten Nummer unserer Wochenschrift führt Oberrabbiner Güdeman n mit der Mäßigung des Gelehrten, mit der Ruhe, die ihm sein Amt vorschreibt, Klage darüber, daß den Juden, wenn sie die angestammte Religion nicht aufgeben, der Äeg zum Richteramte versperrt ist. Man hat gar nichts ge^en Denjenigen einzuwenden, der sich dem hohen Berufe im Dieriste des Staates und der Gesellschaft widmen will; man verweigert ihm sein Recht nur aus dem Grunde, weil er Jude ist. Der Staat hat in diesem Falle ein doppeltes Gesicht; ein anderes ja den Staatsgrundgesetzen, ein anderes für die Juden. Aber Dr. M. Güdemann steht mit seiner Beschwerde nicht allein. Gleichzeitig brachte der Abgeordnete Hofrath Lienbacher es im Parlamente zur Sprache, daß Beamte, welche durch ihre Fähigkeiten und Dienstjahre zum Vorrücken berechtigt sind, beim Avancement übergangen werden, weil sie bürgerlicher Abkunft sind und daß Andere über ihren Kopf hinwegspringen, weil sie Grafen sind oder Barone oder sonst ein Adelsprädicat besitzen. Nun muß man wissen, was das Avancement für einen Beamtm bedeutet und wie schmerzlich er die Kränkung und Demüthigung empfindet, wenn er sich in seinen Erwartungen getauscht sieht, wenn ohne Rücksicht auf die Dienstesgewohnheiten und Dienstesvorschriften ein Anderer chm vorgezogen wird. Hofrath Lienbacher meinte, daß nicht , nur dem Einzelnen ein Umecht widerfährt, sondern daß der Dienst darunter leidet, wenn ehrlicher Diensteifer ohne die gebührende Anerkennung bleibt, wenn Unwille und Mißmuth in der Amtsstube sich einigten. „Das Staatsgrundgesetz sagt ausdrücklich, daß die Aemter gleich zugänglich sind; es ist aber ein Spott auf die Staatsgrundgesetze, wenn man ganz jmige Männer, blos weil sie einer bestimmten GefellschastSclaffe angehören, in wenigen Jahren Stufen erreichen läßt, welche man Andere, trotz aller Studien, trotz größtem Fleiß«, trotz bester Erfolge für das öffentliche Amt und Staatswohl, vielleicht erst in 20 oder 30 Jahren oder gar nie erreichen läßt. Es ist dies nicht blos im Interesse der einzelnen Beamten» die darunter leiden; der Dienst leidet darunter. Wer wird und kann sich einer solchen Branche, von der er schon gewiß ist, daß man darin, ohne einer bestimmten Gesellschaftsctass?' anzugehören, nicht vorwärts kommen kann, widmen. Das Amt selbst leidet darunter, somtt daS öffentliche Interesse» Daß Persönlichkeiten aus einer ganz anderen Rücksicht als darauf, was im Dienste gefordert werden soll, befördert werden, dafür könnte ich Ihnen drastische Beispiele von jungen Herren anführen, die auf einen Bezirkshauptmannschaftsposien hinausgeschnett wurden und die von einer öffentlichen Geschäftsführung kaum eine Kennt niß hatten; zum Beispiel von einem, der fragte, nachdem ihm der BezirKhauptmann bemerkt hatte, daß er sich bereit machen müsse, in den Brzirksschulrach zu gehen; Was habe ich im Bezirksschulrath zu thun? Bon einem anderen