Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 49 (11.12.1891)
- Date
- 1891-12-11
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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6eite 914 Orfterrrichischr Wochenschrift Nr. 49 Feuilleton. Ein Freundschaftsbund mit Blut bestegelt?) (v<3 war in P. . . . in einer Seplembernacht dcS Jahres 1871 saßen wir fünf junge Unterofsicierc in dem schwacherleuchtelen Raume einer Weinstube beisammen. Seit Langem eng befreundet, wollten wir heute, kurz vor Ablaus unserer Tienstzkit und der Trennung von einander, de» Freundschaftsbund für ewig schließen. Wir waren alle recht miselsüchtig gelaunt, indem wir der ungewissen Zukunft entgegen dachten. Es schlug 12 Uhr. Der schöne, poetisch veranlagte und herzensgute Jude Kraus, der schon lange über einen Gedanken zu brüten schien" erhob sich emsl und blaß und sagte: „Freunde, wir sind einander zugethan wie Wenige auf der Welt! Wir trollen, was auch geschehen möge, einander nie verlassen und vergessen! Wohin uns auch von hier das Schicksal führen mag, geloben wir uns, nach zehn Jahren, also im Jahre 1881 am heutigen Datum, zur selben Stunde, wie jetzt, einander wieder zu treffen und die Hände zu reichen!" Wir schrien alle begeistert: „Ja, ja. aber wo, wo?" Wir waren sämmtlich in Wien bekannt; also bestimmten wir als Rendezvousort den Stefansplatz, und zwar die Stelle vor dem Seiteneingange bei dem unausgebauten Thurm. Schlag zwölf müsse ein Jeder dort sein und wenn ja Einer gänzlich verhindert wäre, so müsse er Jemanden statt seiner senden, uns zu grüßen. Darauf stießen wir stürmisch an. B. . . stieß einen leichten Schrei ans. Ein Blutstropfen rann von seinem Daumen herab. Kraus trug nämlich einen altmodischen Ring mit einem werthlosen Amethyst, der zudem noch geborsten war. Wir hatten ihn solange dieses Schmuckes wegen ausgelacht, bis er uns gestand, er trage ihn nur, weil es ein Andenken seiner Mutter sei. Mit der scharfen Bruchkante des Steines halle nun Kraus beim Anschlägen mit B.. . die Hand desselben geritzt. Ich hatte nun den großartigen Einfall, es möge sich Jeder von uns die Haut ausritzen und einen Blutstropfen in den Wein rinnen lassen, den wir dann gemeinschaftlich trinken wollten. „Angenommen!" schrien wir Alle bis auf Kraus. „Sind wir denn Menschenfresser?" sagte er mit seiner weichen Stimme. „Ich als Jude darf kein Blut trinken, vielweniger Mensche,«- blut." „Im Mittelaller sind alle Freundschaftsbündnisse ans diese Weise geschlossen worden. Du hast keinen Dunst von Romantik," sagte R.. .. „Das ist kannibalisch, nicht romantisch." „Du bist nur zu feig', um dir einige Tropfen Blut abznzapfen," sagte H.. . ., der immer etwas streitsüchtig war. Ruhig nahm Kraus ein Federmesser aus seiner Tasche, öffnete eine Klinge, und, ehe wir noch auf sein Borhaben aufmerksam sein konnten, schnitt er sich eine Pulsader der linken Hand durch, daß ein Blutstrahl über den Tisch sich ergoß und in die Gläser spritzte. „Trinkt mein Blut, wenn ihr wollt," sagte er kalt, „ich werde das eure nicht trinken." In der That ließen wir uns durch .Urans nicht von unserer Pantscherei abichrecken» tranken dann den Wein mit feierlichen Grimassen aus und reichten uns in schauerlicher Weise die Hände,' auch mit Kraus, obwohl wir das Bündniß mit ihm nicht für ganz heilig halten zu müssen glaubten, da das Gelöbniß von unserer Seite nicht durch unter Blut in ihm besiegelt worden ist. Nach diesem phantastischen Intermezzo waren wir so erregt, daß wir eine Weile wie stumm da saßen. B. .. wagte dann schüchtern die Frage: „Aber, wenn bis dahin einer von uns gestorben ist, kann er doch nichr zum Rendezvous heute über zehn Jahre kommen?" Abermals fuhr Kraus in die Höhe: „Dann muß er, wenn es ein Jenseits gibt, und wir glauben doch alle daran, uns ein Zeichen geben." „Daß wir sagen müssen: Seh' dr an da! Das ist ein Gruß aus dem Jenseits!" jüdelte H. . . , was er als Witz betrachtete, ohne damit Kraus beleidigen zu wollen, und dieser nahm es auch nicht als Beleidigung auf. „Also ein Zeichen vom Jenseits! dabei bleibt es," klang es dumpf aus unserem Verschwörungstreise.-- Schon wenige Wochen nach jener nächtlich unheimlichen Stunde waren wir nach den verschiedensten Richtungen zerstreut. Wir schrieben uns in der ersten Zeit von jedem tieferen Athen«zug, den wir in der Lust des Lebens thaten, im zweiten Jahre aber wußten wir von einander nur vom Hörensagen. Ich ging nach Wien, wo ich eine Stellung als Beamter fand. Nach einigen Jahren erfuhr ich, daß auch Kraus sich in Wien aufhalte, ohne eine feste Stellung zu haben, weil er es wegen seiner *) Mit Bezug auf mehrere Artikel in der „Oesterr. Wochenschrift" über den Blutzauber unter den Ariern sendet uns ein angesehener Ghrist unter seinem vollen Namen, den wir aber aus Discretion verschweigen, folgenden Aufsatz, in welchem er eine Episode ans seinem eigenen Leben erzählt. Schwärmereien nirgends anshalten konnte. Was er zufällig durch Agentircn verdiente, verausgabte er aus Bücher, lebte aber wie ein Bettler. Wir sahen uns höchst selten. <h' wechselte oft sein Onanier. und «venu «vir uns trafen, «vich er «nir zumeist absichtlich ans, wahrscheinlich aus Schau« über sein sehr reduzirtes Aeußere. Einmal fand ich chn am Stefansplatz, «vo er Jernanden zu erwarten schien. Er bemerkte mich nicht, als ich schon neben ihn« stand. Er sah erbärmlich schlecht aus. Endlich faßte ich ihn an« Ar««« an: „Was treibst du, Kraus?" Er starrte «nich an, dann sagte er erröthend: „Ah, du biit's! Ich wohne hier in dieser Gegend." „Dann hast du «venigstens nicht «veit zu gehen in der btwnßtcn Septcinbernacht 1881 zu unseren« Rendezvous, sagte ich. „Allerdings, allerdings!" ui«d mit dieser kurzen Bemerkung schoß er davon, gegen die Schulerstraße zu.- Der September 1861 und das für unser Gelöbnis; befthnnite Datum war da. Heute Nacht galt es unser Rendezvous eiuzuhalten. Ich «var damals in Baden und in einer Stunde brachte «nich der Zug nach Wie». Ilcbrigens keine Macht hätte mich abhatten können, zu koinmen. Den ganzen Abend durchstreifte ich die Gegend un« de«« Stesansplatz. Ich «var in drei Kaffeehäusern, uahn« «vohl ztvanzig Zeitungen zur Hand, die Aufregung ließ mich weder trinken, noch lesen. Die Straßen Wiens sind nach 11 Uhr schon sehr öde und gar in« September, «vo noch ein großer Theil der Bevölkerung aus den« Laude lebt. Bon halb 12 an ging ich au der Häuserfront gegenüber der Kirche auf und ab. Der Platz «var «vie ausgestorben. Wie schnell waren die zehn Jahre verflogen und «vie langsam kroch diese halbe Stunde! Endlich zeigte die transparente Uhr an« Don«c Dreivicrtel. Aus dem Cafe de l’Europe trat ein kleiner Man«« und ging mit zaghaften Schritten gegen den Seiteneingang der Kirche. Halt, diese Art den Kopf zu drehen — kenne ich! Im Jiit «var ich neben ihm: „B. . .!" — „Grüß dich Gott, Franzl!" Und «vir umarmten uns nach zehn Jahren. Was «vir da zuerst geredet haben, das «veis; ich nicht «««ehr, aber sehr betvegt waren «vir, und «vir erschracken fast, als cs vom Thurme her in «vnchtigcn können zlvöls dröh««te. Da «var sie also — die in Jugeudseligkeit geweihte Stunde! Un« die Kirchenecke bog jetzt rin dicker großer Herr, ging auf uns zu und blieb drei Schritte vor uns stehen. Ein wieherndes Gelächter kündigte H. . . . in ihn« an. Er schrie: „Na, san de z«va Depp'n alsdann «virkli da! — Indem «vir uns die Hände schüttelten, bemerkte er: „'Na jo, aber «venu «ui nöt grad 's G'schäft herg'sührt hält' — war i not kmnlna. Dö Dummheit hätt'n mir uns «vohl ersparen könna!" Das Wicdersehc«« nach 10 Jahren «var a««ders, als «vir gedacht hatten — ganz anders. Das Rasseln eines Säbels in unserer 'Nähe, erregte unsere Auf mcrksamkcit. Ein Offizier schritt stramm auf uns zri, sah sich kurz um, und da sonst Niemaild hier «var, als «vir, grüßte er imb sagte: „Entschuldigen die Herren! Sind Ihre «verthen Namen nicht — — —?" Wir bejahten. „Dann bin ich brieflich beauftragt, Ihnen im Namen des Herrn R. . ., eines Freundes von mir, die Hand zu drücken und Sie zu versichern, daß er in «veiter Ferne Ihrer gedenkt und in« Geiste dieser Stunde ganz theilhaftig ist." Der Offizier grüßte und ging ebenso rasch von hinnen, als er geko«nn«en. „So hat denn Jeder sein Bersprechen gehalten bis ans Kraus. Jttd bleibt Jud!" sagte B. . . „I Habs g'wußt. Der Jud hat von unser»«« Blr«t nit trunken, der Freundschaftsbund mit eahn« «var nit fest" bemerkte H. . . „No trösten «vir uns, is eh nur a Jud! Aber «nir schei,««, ös «volles da «varten, bis d' Kirchen aufg'sperrt «vird und a Meß' hör'n. I «vill in» in Wean unterhalt'««, geh',« m'r «vohi««, «vo's a Hetz gibt." Er faßte uns unter den Arniei« und zog u,«s fort. Wir gingen in ein Cas6 in der Leopoldstadt, neben den« Earltheater, «vo es noch recht lebhaft «var. Wir beschäftigten den Marqueur an unserem Tische eine hübsche Weile mit unseren Bestellungen. B. .. «var fieberhaft erregt. Er hatte immer mit den Augen nach ihn« ge«vul«ken und «nir ellvas in die Ohren zu raunen versucht. Ich konnte ihn nicht verstehen, bis er sich endlich nicht mehr zurückhalten konnte, deutlich auf die Hand des Marqueurs zeigte und der Ring! der Ring!" schrie. In der Dhat tr««g der Marqueur den Ring von Kraus «nit dem geborstenen Amethyst. „Haben die Herren vielleicht den ehemaligen Eigenthümer dieses Ringes gekannt?" fragte der Marqueur. „Hieß er nicht Kraus?" fragten «vir unisono. „Ja!" „Und «vo ist er?" „Oh der Arme liegt schon länger als ein Jahr aus dem Zentralsriedhof. Er starb in« Mär; vorigen Jahres im Rothschild-Spitale, wohin er einige Lage früher, vor Hunger ganz entkräftet, gebracht wurde. Seine ganze 'Nahrung bestand Moi«atx lang aus einer kleinen Melange und einer Seinniel täglich, und die blieb er «nir schuldig. Er ließ «nich vor seinem Tode rufen nnd gab mir unter Thränen den Ring für seine Schuld. Er «var ein braver Kerl. Ein kalter Schauer überlies uns, und H. . . lachte «vie ein Kind, um sich die Gespenstersurcht zu vertreibe««. „Seh' d'r an da, das ist ein Zeichen von ihm, das ist ein Gruß von — dort." „Der Jnd hat doch Wort gehalten," sagte B.. „obwohl er nicht von unserem Blute getrunken hat." Wir saßen «vie bei einem Todlenmahle, traurig, mit Grabgedanken, und machten uns bald auf. O