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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-11-06 · 44 (6.11.1891) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
44 (6.11.1891)
Date
1891-11-06
Page
– (sequence 14)
Language
German
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©eite "822 Oesterreichische Wochenschrift. Nr. 44 Feuilleton. Ein Märtyrer. Von Luise Freyhan in Breslau. III. Unser Patient war der Genesung nahe. Er zeigte eine beinahe zärtliche Anhänglichkeit an Esther, und als ich mich freundlich nach^seinen Schicksal erkundigte, äußerte er den Wunsch, wieder Dienst zu nehinen in der Nähe dieses Dorfes und dem Soldatenhandwerk zu entfagen. Ich bestärkte chn darin und ging sogleich ans Werk, ihm einen Dienst zu verschaffen. Die Gräfin Berchthold brauchte viele Hände auf ihrem großem Gute und sie, so hoffte ich, würde auch meinem Schützling Gabriel Dobrowski brauchen können. Ich hatte ihr bisher noch nichts von dem Vorfälle erzählt. Jetzt hielt ich es an der Zeit und berichtete die volle Wahrheit. Aber, wie staunte ich, als die Gräfin, nachdem'sie meine Bitte gehört hatte, in Hellem Zorne auffuhr: „Niemals, niemals werde ich einen Mann in meine Dienste nehmen, der es gewagt hat, die Hand aufzuheben gegen einen Priester. Was kann einen solchen Menschen heilig sein." Er har längst seine Schuld bereut, warf ich ein. Es ist Reicht zu bereuen, rief die Gräfin, aber schwer, sich zu bessern. Ich wenigstens mag es auf Probe nicht dnkommen lassen. „Ihr seid hart, Gräfin, sagte ich, wenn jeder so dächte, wie Ihr, gäbe es keine Rückkchr eines Reuigen." Wenigstens soll mein Haus kein Correctionshaus für Sünder sein, gab sie zurück. Vor meinem Geiste stieg Esther's liebliche Gestalt auf. Du sollst böses mit guten vergelten, stand nicht nur auf den Lippen dieses Mädchens, sondern tief im Herzen. Wie schön war die Gräfin und wie fromm sah sie stets aus, wenn sie betend am Altäre kniete. Aber jetzt lag ein häßlicher Zug auf diesem schönen Gesichte. Ich wandte mich unwillig von ihr ab und ging. Ich konnte es Gabriel nicht verschweigen, daß meine Bemühung bei der Gräfin vergeblich war, Isaak, der zugegen war, und Gabriels ttefe Niedergeschlagenheit bemerkte, sagte, um ihn zu ermuchigen; »Wenn Du sonst kein Unterkommen findest, Gabriel, in meinem Haufe findest Du immer ein Plätzchen und zwei fleißige Hände kann ich auch verwenden." Gabriel warf einen scheuen Blick aus mich, dann rief er in ausbrechender Ireude: „O Herr,, wenn das Euer Ernst wäre. Ihr wäret ja so gut zu mir, viel besser als ich es verdiene, und wenn der Pater Anwnio mir verzeihen wollte, und wenn die gute Mamsell Esther nichts dagegen haben wollte, daß ich erbärmlicher Sünder hier im Dorfe bleiben und sie von Zeit zu Zeit sehen dürfte, dann, dann, Herr Isaak sollen Sie schon sehen, daß der Gabriel noch etwas anderes kann, als hinter einem Mädel herlaufen und einem Priester drohen." Die unterdrückten Thränen ersticken die Stimme des Burschen. Von jenem Tage an blieb er in Jsaak's Hause. Mit großem Vergnügen sah ich auch, wie Isaak bei seinen Glaubensgenossen Beifall fand, als er ihnen Kaiser Josephs menschenbeglückende Pläne feurig vortrug und sie ausiorderte an ihrer Ausführung mitzuarbeiten. Sie schaarten sich um ihm, sie zeigten ihm unbegrenzte Liebe und Verehrung, bis ein unerwartetes Ereigniß plötzlich einen Schatten auf dieses schöne Verhältniß warf. Ihr wißt ja, liebe Hanna daß, wahrend wir in unserem kleinen Kreise für Menschenbeglückung schwärmten und arbeiteten, der furchtbare Krieg da draußen das Glück von Millionen nnbarmherzig zerttat. Gabriel schien sich um die Außenwelt nicht mehr zu kümmern. Er that streng seine Pflicht und Isaak war stets seines Lobes voll. So war wohl mehr als ein Jahr ins Land gegangen, als ich in einer sehr dunklen, kalten Nacht durch das gellende Läuten der Feuerglocke erweck wurde und erschrocken auffuhr, da meine Klause taghell durch einen Feuerschein erleuchtet wurde. Ich stürzte ins Freie- „Das Judenviertel brennt, das Judenviertel brennt" tönte es mir von allen Seiten entgegen. Ich eilte dahin, es war nur zu wahr. Das Feuer wälzte sich die lange Zeile der Judengasse herunter. Ich sah Jsaak's Haus eine Beute der Flammen. Er selbst stürzte mir entgegen, wild verstört in höchster Erregung: „Esther, Esther rief er athemlos, wo ist Esther?" Mich faßte ein kalter Schauer. „Der Tempel steht in Flammen, Isaak," sagte ich. Laßt eS brennen, rief er außer sich, das ihrige ist niedergebrannt. Antonio, wenn sie in den Flammen umgekommen wäre, ich könnte es nicht überleben. „Elmanne Dich, Freund lies ich ihm zu, chier ist viel Elend zu lindern. Dränge das eigene Weh zurück und hilf! „Du hast Recht murmelte er, Du kannst, so empfinden, Du bist ja ein Priester." Ein tiefer Seufzer hob unwillkürlich Pater' Antonio's Brust ehe er in seiner Erzählung fortfuhr. Wir eilten zum Tempel, die Flammen lecken gierig bis zum Dache hinauf und drängten sich durch die zersprungenen Scheiben bereits in den inneren Raum. Männer und Frauen drängten sich an das brennende Gebäude, die ersten versuchten einzudringen. Isaak drängt^ sie zurück; „Rettet, was noch zu retten ist, rief er, reißt das nebenanstehende Haus nieder um dem Brande Einhalt zu thun, hier eindringcn zu wollen heißt sicheren Tod finden! Zum erstenmal fand Isaak keinen Beifall bei seinen Stammesgenossen. „Das Heiligthum wollen wir retten, die Thorarollen wer darf an sein Leben denken wenn es die Thorarollen gilt." „Zurück", rief Isaak, niemand soll sein Leben wagen, ich stehe Euch dafür, daß Ihr im neuen Tempel neue Pergamentrollen finden sollt. Wehe Euch aber, wenn die Worte der Gebote nur aus diesen Pergamentrollen stehen und nicht in Euren Herzen." Sie wichen zurück, aber das unwillige Geflüster verstummte nicht. Isaak warf mir einen flehenden, bedeutungsvollen Blick zu, den ich wohl verstand, dann ries er den Leuten zu, das nächste Haus ihm abtragen zu Helsen und begann mit der ihm eigenen übersichtlichen Weise gegen den ungeheuren Brand anzukämpfen. Ich kam indessen seinem stummen Wunsche nach. Am Ende der Judengasse den Hügel hinaus beinerkte ich eine dunkle Mcnschenmasse, die sich weinend und händeringend durcheinander.schob. Hierhin hatten die Geängsteten sich mit ihren geringen Habseligkeiten gerettet, und dieses trostlose Bild wurde gespenstisch von den Flammen beleuchtet. Ich spähte umher, auch ich bemerkte Esther nicht. Die Frauen wichen mir scheu aus, aber ich mußte Gewißheit haben und trat deshalb an eine Gruppe heran. ■ „Es ist doch niemand verunglückt" fragte ich, „der Gott Israels verhüte es' war die Antwort; ist es nicht Heimsuchung genug Haus und Hof und Alles in einer einzigen Nacht zu verlieren." „Wo ist Esther," fuhr ich fort, „Oh die gute Seele" riefen die Frauen, der Gott Israels segne sie, denn sie hat sich zuerst unserer Kinder erbarmt; und hat sie selbst in die Häuser der christlichen Nachbarn gebracht und um freundliche Aufnahme gefleht; denn so nackt und bloß wie sie waren, wären sie uns hier in der kalten Luft ganz zu Tode erstarrt." Eine Centnerlast fiel mir vom Herzen, ich eilte Esther freudig entgegen die eben hastig zurückkam und von den Frauen mit Fragen und Anliegen bestürmt wurde. Sie sah mich und rief. „Schafft Rath Pater Antonio," die guten Bauern haben das Ihrige gethan, aber unserer Kindlein sind zu viele. Wer weiß ob es mit dem Obdach einer Nacht geschehen ist, wohin soll ich die Größeren bringen." „Zur Gräfin Berchthold" entschied ich kurz. Esther nicke, beruhigte freundlich die aufgeregten Mütter, befahl Gabriel, der ihr wie ein Schatten folgte, einen Leiterwagen zu bespannet!, half den Kindern hinauf und nahm unter Ihnen Platz, indem sie die Kleinen immer mit freundlichen Worten ermuthigte. Ich hatte mich zu Gabriel gesetzt und brachte den kleinen Zug ins Schloß, wo wir alles wie ich es vermuthet hatte auf den Leinen fanden, Ich verlangte die Gräfin zu sprechen, und führte ihr Esther zu. Die Kleinen drängten sich an das Mädchen und hielten sich an ihretl Händen und Kleidern fest. Auch Gabriel war uns gefolgt und mit ins Zimmer getreten. Esther war rührend schön in ihrer Befangenheit der vornehmen Dame gegenüber. „Lasset die Kindlein zu mir kommen und wehret ihnen nicht," sagte die Gräfin, indem sie auf die Kinder zutrat und das eine und das andere freundlichst streichelte. Esther kämpfte mit einem aufsteigenden Unbehagen. „Frau Gräfin," sagte sie endlich, „Ihr wißt von dem Unglück das heute in der Judengasse geschehen ist, Ihr werdet mit den kleinen ftierenden Kindern Erbarmen haben und ihnen Obdach gewähren." „Ich hoffe," gab die Gräfin zurück, „daß Euch Allen dieses Unglück zur Läuterung und Buße dienen werde, dann dürft Ihr stets auf meinen Beistand rechnen." Esther's Augen waren hilfesuchend aus mich gerichtet; sie verstand offenbar die Worte der Gräfin nicht, aber das war der Ton des Mitleids und des Erbarmens nicht, den sie erwartet hatte. „Welche Räume Frau Gräfin wollen Sie den Kindern bestimmen," mit dieser Frage schnitt ich die Unterhaltung ab. Die Gräfin rief einen Bedienten herbei, Esther beurlaubte sich und ging mit den Kindern; Gabriel wollte olgen. „Wer ist dieser Mann" fragte die Gräfin. „Gabriel Dombrowsky, gnädige Frau antwortete ich mit eigenthümlicher Betonung, er steht in Israels Diensten" „Gabriel er bleibt,, rief die Gräfin. (Fortsetzung folgt.)

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