Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 42 (23.10.1891)
- Date
- 1891-10-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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|h\ 42. Wien» 28. Oktober 1891. VIII. IahrgauD - -—-W Centralorgan für die gesammten Interessen des Iudrnthums. -----—#--- Eigenthümer: Reichsraths-Adgeordneter vr. Kisch. -- Lrscheint jeden Freitag. Inhalt: Leitartikel: Heinrich Heine ans ('orju. — Bas kroatische Aimsblal^ „dlavockns kiovins" in Agram als anliseinitisches Hetzblatt. -- Anklagen gegen die insfischin ^ndcn. — (ninmnnujnt an Mcgerbee— (Korrespondenzen: Wien, Proßnitz, Berlin, Amnerdam, An.werpcn, Vcudon, ss-eLcistulg. — 5'ci »lifdjtcg: Wien, Biünn, Urta-iucliuiti, E. B. <wiuwka tei Bcskcwitz. Prag, Hlbcrfeld, Bssendcch, Alzen, i'unitaa, ^rrlsnche, Hcn'lurg, Brcslan, Rom. — Feuilleton: bin Märrynr. — Wochenkalender. — Brief' tasten. — bingesendct. — Inserate. — Beilage: Rede des ReichsrathSabgeordntten Br. Bloch. — Bnimnen der Bresse. K. k. Postsparrastenimt il Clraringverketzr Nr. 810.976. Nedsrtion u. Administration: Wien I, Dothrnthurmstrastr 39. « - — m 'M= Man abonutrt bei allen Pu stau Halten des In- und Auslandes. Bezugspreis: Halbjährig 4 fl. Einzelexemplare 2S kr. Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petitzeile 12 kr. & Heinrich Heine auf Cvrfn. Bie Welt ist so schon llnv der Himmel so blau Und die Wiste wehen so lind und so lau Und die Blumen winken auf blühender An Und funkeln und glitzern im Morgcnthan Und die Menschen jubeln wohin ich schau — Und doch möcht ich im (Nabe liegen. Die Reime werden Wahrheit; eine Fürstin nur ausgerüstet mit der Macht, die hohe und edelste Eigenschaften verleihen, konnte das Wunder vollbringen. Auf der schönen Insel, unter dem blauen Himmel, der in den Wogen des Mittelmeeres sich wiederspiegelt, mitten in einer blühenden leuchtenden Welt hat Heinrich Heine ein Denkmal gefunden. Hinweg aus dem Gedächtnisse jene Vorgänge, deren Schauplatz die Insel in diesem Frühjahre gewesen; fort mit den Nebeln und Irrlichtern der Gegenwart, sie dürfen dem Zauberkreise des Gartens nicht nahen, in dem die Gebieterin weilt, die in ihrer Zeit so einsam und so hoch steht wie nur je eine Frau in ihrer Zeit gestanden ist. Was kümmert cs uns wo die Asche des Dichters ruht? Dcr Marmor wird belebt durch die Empfindungen, welche das Denkmal geschaffen haben, mehr noch als durch den Meißel des Künstlers. Das Denkmal ist ein Gedicht in Marmor. Der Dichter ist gefesselt durch seine Krankheit, wie sein Bild uns in.der Erinnerung steht; die Luft ist so milde und so durchsichtig und er blickt hinüber nach dem Lande, welches das Ziel der Sehnsucht war für so viele Herzen und um dessen Besitz in den Jahrhunderten des Mittelalters gekämpft wurde als ob die Edelmetalle in seinen Bergen aufgehäuft wären und die Edelsteine in den Höhlen feiner Felsen. Das sind die Gestade, welche einstens die Kreuzfahrer aufsuchten; sonderbarer Widerspruch, — man mordete das Volk, dem dieses Land gehörte und betrachtete das Land selber als ein heiliges und brachte unendliche Opfer, um es zu besitzen. Man sang die Psalmen während man Diejenigcn hinschlachtete, deren König diese Psalmen gedichtet hatte. Diese Widersprüche, die durch die Jahrtausende gehen, diese auch heute noch nicht überwundenen Widersprüche hat auch Heinrich Heine empfunden. Aber wir denken an die Zeit wo der Tempel Zions in seiner Pracht stand, wo das jauchzende Volk an der Küste die schätzebeladenen Schiffe aus Ophir begrüßte; es rauschen die Zedern des Libanons, üppige Fruchtbarkeit eifüllt die Thäler des Jordans und vor unserem Auge breiten sich die idyllischen Landschaften aus, welche das hohe Lied uns schildert. Der Dichter schaut hinüber nach diesem Lande, der Wind streicht durch daS Rosengehege, weiches dem Denkmal zum Rahmen dient, und flüstert leise: „Mein Lielchen ist Zion." -In vier knappen Versen erzählt die Bibel den Tod der Rahel. In ihrer Todesstunde nannte sie den Knaben, den sie geboren: „Den Sohn der Schmerzen." Und nach vielen Jahrhunderten, als die Stunden schwerer Prüfung für Israel begonnen, da ertönt das Propheten wort: „Rahel weinend um ihre Kinder." Schmerzgebeugt nahte sie sich dem Throne Gottes, die schönheitsvolle Gestalt, welche dem Judenthume voranleuchtet mehr als die Feuersäule der Wüste. Hart am Wege ist das Grab; eine weiße leuchtende Gestalt schwebt über der Stätte. Ter Mond gießt sein sanftes Licht aus über den Garten in Eorfu. Pie hohe Herrin des Gartens weilt bei dem von ihr geschaffenen Denkmal. Da fühlt sie die Nahe einer Erscheinung und aus Gcistermund hört sie die Werte: „Das Göttliche im Schmerze, das Göttliche im Leiden, du hast es begriffen, du wandelst es zur Wahrheit. In deinem Schmerze bist du deiner Zeit ein Trost geworden. Dich schmückt das Diadem vollkommener Barmherzigkeit und vollkommener Liebe mit einem Strahlenglanze, dem kein Glanz einer irdischen Krone vergleichen kann." Weinend verabschiedete sich die Erscheinung, die Thrüne war nicht mehr einsam, sie hatte leuchtende Schwestern aus den Augen Rahels. Urrd nun gewähre man uns die Freiheit zu einer hausbackenen Berathung. Aus großen Jahrtausenden bewahren sich die Juden das Ideal verklärter Weiblichkeit und in unserer Zeit ersteht aus demselben Stamme ein deutscher Dichter vom Range Heinrich Heines, so gottbegnadet wie nur ein Dichter es zu sein vermag; die Mahnung zur Gerechtigkeit aber, die in solchen Thatsachen liegt, sie bleibt in unserer hochentwickelten Zeit bei Vielen ungehört. In der Schule, welche Heinrich Heine als Knabe besuchte, entstand einmal ein großer Lärm, weil H eine erzählt hatte, sein Großvater sei ein kleiner Jude mit einem großen Bart gewesen. Alle Knaben sprangen auf die Bänke und schrien aus Leibeskräften: „Sein Großvater war ein kleiner Jude mit einem großen Bart." Jetzt macht sich ganz Deutschland da) Vergnügen, dieses Geschrei zu wiederholen. Er hat kein Denkmal, er verdient kein Denkmal, wenn man seinen Namen nennt verzieht man das Gesicht zu einer Grimasse, denn sein Großvater war ein kleiner Jude mit einem großen Bart. Alles Andere ist nur Vorwand und windige Ausrede; das der wahre Grund des Hasses gegen den Dichter, dessen Bedeutung man