Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 41 (16.10.1891)
- Date
- 1891-10-16
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 41 Orfirrrrichifche Wochenschrift. Seite 763 Nen-Braunschweig. Einer Anzahl hilfloser Juden, welche in St. John ankam, wurde von der Regierung die Aufnahme verfügt, Rnch ihrer Austreibung aus Rußland begaben sich dieselben nach Buenos Ayres, durchzogen zu Juß die Wälder nach British Guiana, aus welcher Reise sie unsägliche beiden zu erdulden hatten. Einer aus der Reisegesellschaft ertrank unterwegs. In der Britischen Kolonie glaubten sie nun verbleiben zu dürfen, wurden aber per' Schiss nach Barbados und von dort nach Ca na da befördert, woselbst sie in einem sehr beilagenswerthen Zustande anlangten. Neu-Seeland. Das Haus der Repräsentanten hat einstimmig den Antrag Sir Georg Greri's angenommen, nach welchem eine Petition an den Czaren um Aushebung dee Rechtsuirgleichheit abgesandt werden sollte. Die von dem Antragsteller Unterzeichnete Petition rvurde direct an den Czaren abgeschickt. Argentinien. Die kühn entworfenen Pläne des Baron Hirsch zur Ausiedlung der aus Rußland vertriebenen Juden in Amerika sind bereits in der Ausführung begriffen. Der Vertreter des Barons Hirsch, Dr. Wilhelm Löwen that, hat soeben in Buenos-) vres die erste Colonie erwerben. Die Colonie heißt M a u r i t i o — nach dem Vornamen des Barons Moritz v. Hirsch — liegt im Südosten des Landes in den sogenannten Centros Agricolar und hat eine Ausdehnung vo" 25.000 Hektaren. Auch .die Besiedlung hat bereits begonnen. Feuilleton. Drr Hohepriester. Novelle von Jacob Frankfurt er. I Schluß.) 30tit lautem Aufschrei brrch Leah zusammen, als sie dies alles sah, ohnmächtig brachte man sie in ihr Haus. Der Jüngling, dessen letzten Seufzer sie gehört hatte, war Simeon, derselbe den sie einst so heiß geliebt hatte, den sie vor Jahren zum lctztenmale gesehen hatte im Prangen der Jugendkrast und den sie nun so wieder finden mußte Seitdem er das Haus ihres Vaters verlassen hatte, war er ruhelos umhergeirrt, an keinem Orte litt es ihn lange, immer wieder trieb es ihn fort. Ueberall trat Leah's Bild ihm vor die Augen, der Gedanke an sie ließ ihn nicht ruhen. 6 ine Last war ihm sein Leben, sich von ihr zu befreien, folgte er dem Rufe des Königs von Juda und da wurde ihm Erlösung von seinem qualvollen Dasein, nachdem ec eine so rühm würdige That vollbracht hatte und es ihm noch einmal gegönnt war Leah zu sehen. Diese lag schwer krank darnieder, das grauenvolle Ereigniß, das sie mitangesehen, hatte sie tief erschüttert, ein heftiges Fieber begann ihre Kräfte langsam zu verzehren. Tie vollen, rothen Wangen waren nun blaß und eingefallen, die glänzenden Augen schimmerten nur noch matt und eines Morgens, da segnete sie ihre beiden Knaben, reichte dem schluchzenden Gatten die Hand und entschlummerte saust zum besseren Leben. Grenzenlos war der Schmerz Eleasars. Er, der makellos reine Mann, der nieuials jemanden beleidigt oder gekränkt hatte, war die, wenn auch vollkommen schuldlose Ursache des Todcs zweier Menschen seines^heißgeliebten Weibes und eines wackeren Jünglings. Das genügte seiner edlen Seele die schwersten Qualen zu bereiten. Doch so groß auch seine Betrübniß war, so fürchterlich er auch litt, mit männlicher Kraft mußte er sich beherrschen. Er, der Hohepriester durfte sich nicht dem wilden Ausbruche des Schmerzes überlassen, ruhig und gefaßt mußte er sich zeigen und den Tod der Theueren für das nehmen, was er war. eine Fügung Gottes, die er demüthig über sich ergehen lassen mußte. Große Klage herrschte in der Zionsstadt. Jung und Alt hatte die Verblichen.« geliebt, so manchem war sie tröstend und helfend zur Seite gestanden und eine große Menschenmenge gab ihr das Geleite zur letzten Ruhestätte. V. Der Versöhnuugstag nahte heran, das größte Fest des Jahres, der wichtigste Tag in der Bern sthatigkeit des Hohepriesters. Da mußte Eleasar sein Privatleben vollkommen beiseite lasse», die Tag» der Trauer unterbrechen und sich ganz dem Dienst Gottes widmen, dem er sein Leben geweiht halte. Die sieben Tage die dem Feste vorangingen mußte er in stiller Abgeschiedenheit zubringen, da kamen die Aeltesten des Volkes zu ihm und lasen mit ihm die, Gesetzesstellen, welche die Ordnung des Opferdienstes enthielten, damit er alle Gebräuche und Vorschriften aenau ausführe. Als der Morgen des festlichen Tages anbrach, da vollbrachte er das tägliche Opfer, dann wusch und badete er sich, legte anstatt der prächtigen, reich mit Gold besetzten Kleider ein weißes Gewand aus feinstem Linnen an, das eigens für den Dienst am Versöhnungstage angeserligt war und nur eilt einziges Mal verwendet wurde. Run trat er zu dem bereitstebeuven Cpfeiftiere legte seine Hand ihm auf die Stirne und sprach: „Herr, ich habe mich versündigt, verschuldet und vergangen gegen dich, ich und mein Haus." Mit wehmüthiger stimme sprach er dies heute, wie ein mit schwerer Schuld Beladener, und war doch so vollkommen schuldlos und rein, wie in seinen früheren Jahren. „Ich und mein Haus!" Was war ihm nun fein HatiS! Verwaist und verödet, seitdem sein theurcs Weib es für immer verlassen hatte. Wieder berührte seine Hand das Haupt des Stieres, er legte dr,s Sündenbekenntniß ab für die Priester, dann schlachtete er das Thier, fing sein Blut in einem Becken auf, nahm eine goldene Pfanne mit Räucherwerk und trat in das Allerheiligste. Es war ein feierlicher, ernster Augenblick; außer ihm durfte diese Stätte Niemand betreten, er selbst auch nur dies eine Mal im Jahre, sonst wäre es fein Tod. Mit dem Blute des Opferst!eres besprengte er die Bundeslade einmal nach oben und siebenmal nach unten, that hierauf dasselbe mit dem Blute des Bockes, den er inzwischen als Sündopfer geschlachtet hatte und zählte bei den Sprengungen: eins, eins und eins, eins und zwei bis sieben- Das waren die einzigen Worte, die er im Allerheiligsten sprach» doch waren sie sehr bedeutsam. Die Zahl eins mit der er jedesmal die anderen verband versinnlichte die Einheit Gottes, die Zahlen von eins bis sieben bedeuteten die sieben Jahrzehnte, die dem Menschen für sein Dasein bestimmt waren. Mit Gott soll e er es beginnen, mit Gottes Beistand es weiter führen, gottergeben es beschließen. Seine ganze Zeit sollte Gott gehören, der am heutigen Tage entschied, ob er im kommenden Jahre sich weiter seines Lebens freuen, oder aus ihm scheiden sollte. Eins und drei zählte Eleasar, da seufzte er tief, im dritten Jahrzehnte ihres Lebens hatte der Tod ihm sein geliebtes Weib entrissen. Eins und vier; das war das Alter in dem er stand; wie wird er es vermögen ohne sie noch weiter sein Dasein sortzuführen! Nun trat er zu dem zweiten, mit einem rothen Bande gekennzeichneten Bock, legte seine Hand ihm aus die Stirne und bekannte die Schuld des Volkes, nachdem er vorher durch das Opfer des Stieres sich und die Priester entsündigt hatte. Hierauf wurde der Bock hinweggeführt bis in die Wüste, wo man ihn von einem schroffen Felsen herabstürzte, so daß er mit zerschmetterten Gliedern bald verendete. W»s war das in früheren Jahren für ein Jubeln und Jauchzen, wenn der Hohepriester heimkehrte, nachdem er ohne Mißgeschick das Allerheiligste verlassen und das Bersöhnungswerk vollbracht hatte! „Gottes Recht war sein Gewand, Heil und Friede war ihm Schmuck und Krone. Aus den Höhen rieselte des Himmels Thau. aus den Furchen quoll der Erde Frucht. Die die Saaten streueten, brachten ihm Dank, die die Garben banden sangen frohe Lieder zu Gottes Preis. In den Thälern und Niederungen erschallet Sang und Klang, und die Wanderer auf den Straßen stimmen an des Herrn Lob. Nicht täuschet sie ihre Hoffnung, wie Kühlung in des Sommers Hitze erfri,cht der Glaube alle Herzen. Jeder Makel ist getilgt, der Sündenfieck ist ausgelöscht, gesühnt und geläutert beben sie die r,ine Hand empor und