Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 39 (2.10.1891)
- Date
- 1891-10-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Kr. 89. Wir«, 2. Oktober 1891. VUL Johrg«»«. Centralorgan für die gessmmten Interessen des Iudenthums. -^- Eigenthümer: Reichsralhs-Ahgeordneler Dr. Kloch. -- Erscheint jeden Freitag. Inhalt: Leitartikel: ,.Wächter, wie steht's um die Nacht?" — Cinrücken! — Das jüdische Weib. — Antisemitische Wucherer. — Die ^uden in China. — Correspondenzen: Wien, Prag, Oedenburg, Gießen, Nom, Paris, London. — Vermischtes: Wien, Brünn, Troppau, Linz, Battelau, Prag, Mißlitz, Budapest, Neutra, Losoncz, Olmütz, Breslau, München, Paris, Amsterdam, London. Gothenburg, St. Petersburg, Rumänien, Constantinopel. — Feuilleton: Der Hohepriester. — Neue Bücher. — Briefkasten.— Wochenkalender. — Inserate. Man abormirt dri allen PostanMür» des Inand Mnslandr». Bezugspreis: Halbjährig 4 fl. Einzelexemplare 26 ft Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petitzeile 12 kr. r --E-=% A. fl. Pofisparcassensmt Vlearingverketzr Nr. 810.976. Nrdartion u. Itdministratton: Wir» L, LothrMhurmstrahr 39. &- - - - * WU- Mit dem 1. Oktober d. I. begann ein neues Quartal und bitten wir unsere werthen Leser nm Erneuerung ihres Abonnements und um Einsendung des Präunmerationsbetrages mittelst des beigefügten Erlagscheines des k. k. Postsparcaffeuamtes. „Wächter, wie steht's um dir Nacht?'' Eine Neujahrsbetrachtung von Pros. Dr. David Kaufmann. Und wenn dieses Fest Nichts uns brächte als wieder einmal das stärkende Bewußtsein, einem-Stamme anzugehören der am Eingänge des Jahres, an der Schwelle seiner heiligsten Gebete sich selbst vergißt und seine Schmerzen, um für alle seine Menschenbrüder zu beten, daß sie alle Ein Bund werden, um den Willen ihres Vaters im Himmel zu erfüllen mit vollem, mit vollkommenem Herzen, es wäre allein genug, um unsere Brust zu schwellen, unser Haupt zrl erheben und voll stolzen Hochgefühles unsere Zugehörigkeit zum Judenthruue zu bekennen, zu preisen und zu segnen. So sind wir denn noch immer allen Schmähungen und Verfolgungen zum Trotz das Volk der Propheten, die nicht von Macht und Eroberung, von Herrschaft und Unterdrückung, sondern von der Ausbreitung des Gottesgedankens aus Erden, vom Wachsthum der Gottesfurcht unter den Menschen geweissagt und wachen Auges geträumt haben. Der Letzte unter uns wird beglänzt von dem Strahlenscheine einer weltgeschichtlichen Aufgabe, ein jegliches Leben in Israel hat einen Inhalt, der es anknüpft an ein Unvergängliches. Aber dieses Geschenk unseres Festes, das Bewußtsein von der unzerstörbaren Hoheit unserer Sache, der freie, frohe und stolze Anschluß an das Judenthum, das ist es auch, was uns vor Allem Noth thut. Das war das Geheimniß unserer Erhaltung, die Wurzel unserer Kraft, die Quelle unseres Lebens. Eines ist, was nicht geraubt werden kann, was das eigenste Eigenthum einer Seele ausmacht, der Glaube des Herzens, die Ueberzeugung. Wo diese lebt, giebt es keine Gefahr, keinen Tod, denn sie besitzt die Keimkraft, die nicht stirbt, das Kraut, das unverwundbar macht. Sie war der rettende Engel, der im Feuerofen unserer Leiden Kühlung uns zufächelte, daß wir unvermindert und nur geläuterter daraus Hervorgiengen, das Manna des Himmels, das uns nährte, in der endlosen Wüstenwanderung, aus die das gelobte Land noch folgen soll. Wohl mancher Treugesinnte mag seith v iu seinem Herzen die bange Frage nur mühsam beschwichtigt haben, wie es mit dieser Lebenskraft der Ueberzeugung wohl unter uns, den Kindern lichterer Zeiten, bestellt sein möge j!ind wie ihre Wundersich bewähren würden, wenn auch uns noch im Schoße der Tage Prüfungen Vorbehalten wären, an deren Möglichkeit der Dünkel unseres Verstandes nicht glauben mochte. Nun, es mag ein schlechter Trost sei» für den Einzelnen, den die Eisensauft des Schicksals angefaßt hat, - daß er ein Zeuge für die Glaubenskraft seines Stammes zu werden gewürdigt ward, aber für unsere Gesammtheit bleibt es ein unvergleichlicher Ruhmestitel, daß wir alle Vorhersagen des Schwachmuchs so glanzend zu Schanden gemacht haben und am Abend des neunzehnten Jahrhunderts der erstaunten Welt das unfreiwillige, aber darum nicht minder erhabene Schauspiel bereiten, wie der Opfermuch für unseren Glauben und die Dulderkrast für unsere Ueberzeugung in unserer Mitte nicht erstorben und nicht erlahmt ist. Heil unserem Alter, daß es unsere Jugend nicht beschämt hat! Wie viel von der alten Treue muß noch unbewußt m den scheinbar erkalteten Heizen geglimmt haben, wie muß die angestammte Festigkeit in den vermeintlich so gleichgültig gewordenen Gemüther» noch fortwirken, wenn der Abfall untn uns nicht allgemein geworden ist, ja die Fahnenflucht, wie wir stolz behaupten können, zu den Seltenheiten gehört. Denn was wollen vereinzelte Ausnahmen gegen die Größe einer geschloffenen und mächtigen Erscheinung beweisen. Ragt der alte Bau weniger kühn und weniger sicher, weil dort ein Körnchen des Mörtels sich abgebröckelt hat, hier ein Sprung iu der Tünche sich zeigt? Wir, die wir am Einzelnen hasten und im Gewühle der Gegenwart den Ueberblick über das GanzeMWOm^wir mögen manchmal von betrüblichen Vorfällen M» ernschüchtern, zur Ungerechtigkeit oder zu Zweifeln gegen unsere Gesammtheit uns Hinreißen lassen. Aber der rückwättSgewandte Blick eines kommenden Geschichtsschreibers wird auch uns Gerechtigkeit widerfahren lasten und voll Bewunderung vo» einem Geschlechte | sprechen, das die Treue gewahrt hat, ob auch die Bande des! Glaubens lockerer geworden waren, und das Erbe des Juden-