Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 35 (4.9.1891)
- Date
- 1891-09-04
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 638 Oestrrreichifche Wochenschrift. Nr. 35 der Tratdiion zu unterwerfen. Dort, wo der Jude wirtlich Jude geblieben isl, dort haben wahrlich weder die Negierungen, noch die christliche Gesellschaft Israel zu fürchten. Jene Länder aber, in denen man zumeist über die „Verjudung" der christlichen Gesellschaft klagt, sind gerade diejenigen, wo der Jude am wenigsten Jude geblieben ist. Um ein religiöses oder politisches ZersctznngSmittel zu werden, muß sich der Jude erst, ich möchle sagen, „cnijuden". Man kaun die Beobachtung in Deutschland, in Oesterreich, in Frankreich, selbst in Rußland und im Trient machen: wenn cs Juden gibt, die man beschuldigt, Giserer für den Geist der Verneinung und Zerstörung zu sein, so sind e? in der Regel Inden, die sich vom Judentimm cmaneipirt, die, im Eontact mit Ehristen, die Lehren und Traditionen Israeli abgestreist haben, wie ein altes Kleidungsstück. Dieser moderne Israelit, den man als Eorruptions- Glement der christlichen Zivilisation darstellt, er ist ein Produkt dieser unserer (Zivilisation. Der Jinpfslost, den er in die Adern unserer Gesellschaft trägt, er hat ihu nicht selbst ausgeschicden — er verbreitet die Ansteckung nur, weil er selbst angesteckt worden ist. Alan spricht gewöhnlich nur von dem Einfluß des Inden ans die christliche Gesellschaft, und beschäftigt sich nicht im Gntfcrntcstcn mit dem Einfluß der modernen Eultur aus den Inden und das Judcnthum — sonst würde man vielleicht zu der Ueberzeugnng gelangen, daß, wenn der Jude zuweilen ein zersetzendes Element für die christliche Gescilschafl, der Christ oder der „Arier" ein weit zersetzenderes Element für den Judaismus ist. Israel, das zwei Jahrtausende des furchtbarsten Druckes überlebt hat, wird durch dieselbe Eivilisation schwer gefährdet, durch welche es cmaneipirt wurde. Unsere modernen Ideen, unsere Kritik, die „arische" Wissenschaft sind aus dem besten Wege, jüdische Traditionen und Sitten zu rninireu: und wird der Judaismus deren Ruin lange überlebend .... Vielleicht — aber das Problem ist nicht minder ernst und schweriviegcnd für die Synagoge wie für die Kirche. Wer offenen Auges hinsieht, der wird crkenneit, wie sich zwischen dem Juden und Nichrjuden, dem Gei unb dem Sohne Jakobs, eine gegen- und wechselseitige Wirkung vollzieht, anscheinend gleich zersetzend für Beide, doch, im Ganzen genommen, weit drohender für den Juden wie für den Gm. Was hat den Juden die ganzen Jahrhunderte hindurch et halten, '.ras hat sein Verschwinden in Mitte der Nationen verhütet? Wir haben es früher gesagt: das Rituell, die „Gesetze", die minutiösen Eeremonien, mit denen ihn der Talmud wie mit einer schützenden Rüstung umgeben hat — und der Jude läßt diese Rüstung Stück sur Stück fallen und der Judaismus steht jetzt nackt und wehrlos da. Wird er in dieser 'Nacktheit der ätzenden Wirkung der modernen Säuren widerstehen können, in die er sich, wie in ein Vad, getaucht hat? Und wenn das Jitdenthum sich zersetzt und auilöst, was wird aus dem Juden werden?... Sprecbcn wir tticht von d:r „Verjudung" der christlichen Gcsellschast! Ltze::n der Ehrisr mehr Ehrist geblieben wäre, dann hätte der Jude wahrlich nur wenig „zersetzende" Wirkung auf den Ehristeu. Was man die „Verjudung" der Gesellschaft nennt, Juden und Ehristcn könnten cs mit gleicher Berechtigung die „Vcrhcidung" der Gesellschaften nennen. „Arier und Semiten", cntchristlichie Ehristcn und entjudete Juden, kehren in Wesenheit zu einer Art von unbewußtem Hcidenthum zurück. Die Nassen des Westens, welche das Evangelium mühevoll dem Kultus von „Kraft und Stofs" entrissen haben, finb auf dem besten Wege, in den antiken Naturalismus zurückzusullen, dem aber jene Mnstik fehlt, der ihn früher wie ein Schleier der Poesie umwallte und umhüllte. Und Israel, auscrwählt, die Lehre vom lebenden Gotte zu erhalten und zu bewahren, Israel, das schon seine alten Propheten mit solcher Mühe von den Altären des Moloch und des Baal sortreissen mußten, Israel, entkräftet und blasirt durch Wohlergehen, scheint, wie der alternde Salomon, den Bund mit dem Ewigen zu vergessen und an hohen Orten fremden Götzen Weihrauch zu opfern. „Sei's darum," wird der Antiseinit sagen, „der Jude ist nicht das einzige, nicht das hauptsächlichste Werkzeug der Entchristlichung der Gesellschaft. Der Judaismus riskirt selbst nnterzngcwen, ein Opfer des von den Seinigen gegen das Ehristeuthum und die christlichen Ideen geführten Krieges. Wenn wir aber non der Verjudung der Gesellschaft, von der Zersetznng der europäischen Stationen durch die Juden sprechen, so haben wir nicht so sehr den Judaismus als Ncligivn, als den Judaismus als Rasse im Auge, weniger den Juden, als den Semiten. Was er in Gefahr setzt, ist nicht nur die Neligion, sondern die Naüonalitäü Lassen wir die christliche Eivilisation bei Seite: der Jude wu kt als Zersetzungs-Element ans etwas, was uns nicht minder in's Hc"z gewachsen ist — unsere nationale Kultur, unseren historischen Geist, unsere deutsche, slavische, französische Seele." Eine bittere, schwere Beschwerde, diese nationale Beschwerde, ernster als die religiöse, weil sie allgemeinerer Natur ist, eine größere Anzahl von Menschen und gerade in dem Gefühl berührt, das bei den modernen Völkern am stärksten entwickelt ist. Wir werden diesen Standpunkt des Antisemitismus in dem ttächsten Artikel kritisch beleuchten. Gedanken über die Ansaszrgmachnng der ans Kurland vertriebenen Israeliten in Palästina von ck. lassen tönigl. Telonomierath in Ansbach. Der Versuch, aus Rußland vertriebene Israeliten auch in Palästina ansäßig zu machen, verdient gewiß Beachtung. Ist es auch für die Gegeuivart nicht mehr das Land, wo Milch und Honig fließt, indem blinder Glauben:-Fanatismus und unbegrenzte Despotie hier tvie in anderen Eultuestauten des Alterihnms Alles schändeten, was die göttliche Natur und menschlicher Fleiß schufen, so stehen dennoch der Gegenwart die mannigfaltigsten Hilfsmittel der Wissenschaft imb Praris zur Verfügung, tvelche es möglich c> scheinen lassen, bei genügender Ausdauer in vcrhältnißmäßig kurzer Zeit ans Palästina iviedcr das zu macheir, was es eiirst war, nämlich ein Land in welchem M i l d) und H o n i g fließt. Drei Bedingungen sind es, die gestellt werden müssen, wenn die Eolonisation gelingen soll. Friede, eine wohlwolle n d e N e g i e r n n g und fleißige H ä itd e. Das Uebrige wird bei vc.ständnißvollem Vorgehen die subtropische Natur thun. Allerdings sicht cs bezüglich der beiden ersten Bediitgtingen betreffend den Frieden und die w o h l tv o l l c n d e stk c g i e r u tt g nichtsehr einladend aus. Jerusalem selbst ist der Tummelplatz non allen möglichen Ncligionssekten, die sich aus lauter Glaubenseiser zur größeren Ehre (Lottes fortgesetzt bekätnpfcn unb nicht ermüden werden, atich der beabsichtigen Eolonisation möglichst vi le Schtvicrigkeitcn zu bereiten. Außer diesen (>llaubcitseiferern sind es ferner die räuberischen Bcduinenhorden, mit welchen ebenfalls gerechnet werden muß. Die neueren Zeitungsberichte hierüber lauten nicht sehr günstig, müssen sich übrigens nur auf bestimmte Stämme bcziehett, beim Professor Dr. O srar Fr aas, ein gcimß glaubwürdiger Zeuge und genauer Kenner von Palästina, schildert in seinem hochinteressanten Werke, „Aus dem Orient." Geologische Beobachtungen am Nil, auf der Sinai-Halbinsel und in Syrien. (Statt gart, Verlag von Ebner u. Scubcrt 1867) den Beduinenstammmit welchem er näher bekannt wurde, wie folgt: „Der Menschenschlag, der gegenwärtig die Dhäler des, „sinaitischcn Gebirges innc hat, besteht aus wandernden Be- „duincnsti inmen, die mit ihren Herden die spärlichen Flecken „alnveiden, tvo eine O.uellc Leben bereitet. Der Eharakter „diestr Beduinen ist ein durchaus nobler: DaS gierige Haschen „nach Geld, daß den ägyptischen Beduinen so verächtlich „macht, ist den Sinaibeduincn nicht so zur anderen Natur geworden, „wie jenen. Treu unb zuverlässig, sobald er den Dicnstvcrtrag „eingegangen hat, bche zt, muthig und voll Aufopfcrung im „Augenblick der Gefahr, ist er ein wirtlich angenehmer Rcise- < „gesährte, im Zelte nicht lästig und aufdringlich und doch „voll Aufmerksamkeit für den Reisenden. Es freut ihn, wenn