Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 32 (14.8.1891)
- Date
- 1891-08-14
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. s2 Oryrrrrichischr Wochenschrift. Seite 567 Kattowitz, 30. Juli. Gestern Nachmittags passirte ein Extrazug mit 467 aus Rußland ausgemiesenen Juden, geleitet von einem Mitgliede des Myslowitzcr Komittz's, den hiesigen Bahnhof, um über Breslau nach Stettin bezw. Hamburg weiter befördert zu werden. Es war ein herzzerreißender Anblick, diese rerkümm rten Gestalten zu sehen, welche von Haus und Hof, von ihrer Geburtsstätte vertrieben, einer ungewissen Zukunft jenseits des großen Wassers entgegengehen. Hamburg. Bor der Einwanderung in England erlaßt der großbritannische Generalkonsul eine Warnung, inbem er im Aufträge seiner Negierung darauf hinweist, daß Fremde, welche nach Großbritannien auswandern, in der Annahme, dort Beschäftigung zu stnden, aller Wahrscheinlichkeit nach in ihrer Erlvartung, dor-t ihren Lebensunterhalt zu erwerben, getäuscht werden. Hamburg. Ein großer Trupp russischer Juden ist aus den Ostseeprovinzen hier eingetroffen. Sämmtliche Logierhäuser sind überfüllt, die Zuzügler wurden theilweise in Schuppen untergebracht. Nachdem sie dort beköstigt waren, wurde die Mehrzahl sofort an Bord der Schiffe geführt. 'Rach einer Versicherung der Auswanderer findet eine Handhabung der Maßregeln gegen die Juden nicht statt. — Wie aus Hamburg gemeldet wird, sind 600 russische Juden am 29. Juli mit dem Dampfer „Tijuca" auf Kosten des Baron Hirsch nach Argentinien befördert worden. Helgoland. Eine Gedenktafel für Heinrich Heine wird in den nächsten Tagen auf dein.Oberland der Insel in denr Restaurant „Zur schönen Aussicht" angebracht werden. (Heine hat während seines dortigen Aufenthalts im Jahre 1841 in dem genannten Etablissement gewohnt.) Die aus Marmor gefertigte Gedenktafel wird dem Dichter von dem jetzigen Besitzer des Restaurants, Herrn Heinrich Gehlke, gewidmet. Basel. In der hiesigen Synagoge fand eine Gedächtnißfeier für die Opfer des Eisenbahnunfalls bei Mönchestein statt. Zwei Israeliten wrrrdcir bei dieser Katastrophe leicht verwrrndet. Paris. Die Zahl der jüdischen Aussteller im Salon des Jndustriepalastcs betrug 64, darrrnter 11 Damen. London. Im „Dictionary of National Biography“ werden unter dem Buchstaben „M" auch folgende Namen Aufnahme stnden: Dr. Rafael Meldola, jüdischer Theolog und Philosoph (1754—1826); Menasse ben Israel, Gründer der englisch-jüdischen Gemeinde (1604—1657); Fernando Mendez, Dr. mecl. (gest. 1725); Moses Mendez, Banquier und Dichter (gest. 1758); Daniel M endo za, Fausttämpfer (1764—1834); Joseph de Rioz Mendozn, Mathematiker und Astronom (1762—1816); David Raphael de M ercado, Gründer der Zuckerindustrie auf Barbados (gest. 1665); Henry Meyer, Maler und Kupferstecher (1783—1847). London. Bei der jüngsten Preisvertheilung an der hiesigen Musik-Akademie wurden folgende Glaubensgenossen ausgezeichnet: Frl. Earlotta Lynne erhielt die goldene Medaille für Gesang; Fräulein Fanny Darling Jakobs die silberne Medaille für Biolin- und die silberne Medaille für Klavicrspiel; Frl. Blanche Beyfuß die bronzene Medaille für Klavierspiel und eine andere für Harmonie. London. Miß Alice de Rothschild langte vor einer Woche in Windsor Eastle an und hatte die Ehre, von der Königin empfangen zu werden. Miß Rothschild hat seinerzeit ihre Billa in Graste der Königin ganz zur Verfügung gestellt, als Ihre Majestät dort weilte. Constanlinopel 4. August. In Canea wurden achtzehn christliche Notabeln unter dem Verdachte verhaftet, eine muselmanische Familie ermordet zu haben. Bei ihrer Einlieferung ins Gefängniß fielen türkische Häftlinge über die Christen her und verwundeten mehre derselben lebensgefährlich. Alexandrien. Der Vorstand der jüdischen Gemeinde stattete Namens derselben dem Herrn Cesar Aghion und den übrigen Erben des verstorbenen Behar M. Aghion für das der jüdischen Mädchenschule vermachte Legat von 50.000 Francs den wohlverdienten Dank ab. An diese Schenkung wurde die Bedingung geknüpft, daß bei einer etwaigen Schließung der Schule das Kapital nebst Zinsen bis zur Wiedereröffnung derselben dem Schulfonds verbleiben solle. Ferner wurde beschlossen, dem Geschenkgeber in dem Schulraume eine Gedenktafel zu errichten und am Jahrzeitstage für denselben in der Talmud-Thora Schule das Kaddischgebet zu verrichten. Bombay. Am Sonntag, den 14. Juni hielt Herr Elijah Reuben im Eulturvere n der Bene Israel unter Vorsitz des Herrn Elizah Schelome, Präsident des E. D. Sassoon'schen Wohlthätigkeits-Jnstituts, einen Vortrag über „das Gebet unseres Volkes und weßhalb wir in hebräischer Sprache beten sollen?" Redner verbreitete sich in demselben über das Wesen der hebräischen Sprache und führte die Aussprüche der Gelehrten, sowie Verse und sonstige Beispiele aus der Bibel an, um durch diese die Portheile zu beleuchten, welche das Gebet in der heiligen Sprache hat. Es wurde der allgemeine Wunsch ausgesprochen, diesen interessanten religiösen Vortrag zum Besten der Bene- Israel ourch den Druck zu veröffentlichen. Familienblatt. Wochen- August 1891 Ab 5651 Kalender I i Freitag 14 10 Samstag Sonntag 15 16 11 12 pnrm! Montag 17 13 Dienstag 18 14 Mittwoch 19 15 I Donnerstag | Freitag 20 16 21 17 Ihr Ideal. In der Laube ihrer Sommerwohnung saß die Familie Berger. „Ich begreife das Kind nicht", sagte die Frau. Ihr Ton war gereizt und rorwurssroll, obgleich Papa schon ein böses Gesicht machte und die gute Mama in solchem FMe gerne zu beschwichtigen p legte. „Mir steht der Verstand still. Herr Ieiteles ist ein hübscher junger Mann, ein tüchtiger Geschäftsmann, aus guter Familie, zudem liebt er das Madel. Ihretwegen hat er schon mehrere Partien mit reicher Mi.gijt zurnckgewiesen, und er weiß, daß wir nicht viel geben können. Sie aber, sie will nicht — sie bleibt dabei: sie will nicht!" „0s steckt ihr gewiß ugend eine Dummheit im Kopse", sag e Papa mit einem sinsteren Blick aus die mit einer Stickerei beschäftigten hübschen Tochter. „Aber sie hat mir immer versichert, daß sie feine andere Neigung habe", meinte die Mutter. „Nun, einmal heraus mit der Sprache!" rief der Vater ungeduldig. „Was hast Tu gegen den jungen Ieiteles einzuwenden?" Das Mädchen brach in Thränen aus. „Ich kann TiTs nicht erklären, Papa — er gefällt mir eben nicht!" „Dummes Zeug! Du wirst doch sagen können, was Dir an ihm inißsüll:!" Da der Ton des Vateis ein wenig milder geworden war — die Tochter weime ja — und die Mutter sie durch Blicke zur Os enheil eimuthig'e. so faßte sich das Mädchen ein Herz und sagte: „Ach — ich uirchke nicht Frau Ieiteles heißen. Der Name ist gar zu jüdisch und die Welt lacht bei diesem Namen. Herr Ieiteles sieht aber auch ganz darnach ans: das schwarze, krause Haar, und.. Das Mädchen verstummte plötzlich, denn sie sah, daß sie mit ihren Gründen nicht dmchdringe. Mama lächelte zwar; Papa aber erzürn:e immer mehr. „Es ist zu dumm!" rief er. „Und wenn Du Liechtenstein oder Schwarzenberg heißen würdest, würde man nicht dazu setzen: die „Jüdin" Liechtenstein, die „Jüdin" Schwarzenberg? Wir heißen Berger — der Name hat keinen jüdischen Klang — spricht man deswegen von uns anders als: „die Juden"? Halten wir unfern Namen in Ehren und zwingen wir unsere Hasser, daß sie vor unseren Beinamen denselben Respect haben, wie vor unse n Vornamen. )ch heiße Joses, Deine Mutter Elisabeth, Du Maria, lauter nichtjüdische Namen; sie sollen es wagen, sie zu verspotten." Herr Berger redete sich immer mehr in Eifer hinein. „Schwarzes krauses Haar hat Herr Ieiteles? Ja. wer sagt Dir, Mädel, daß die Blonden. Flachshaarigen die Aristokratie der Menschheit sind? Ein Italiener oder Araber ist doch mindestens so schön wie ein Deutscher. Uebrigens braucht ein Jude nicht schön zu sein. Geist must er haben, der Geist regiert die Welt. Ein Unglück wär's. wenn Du häßlich wäieft. Soll ich dir Kind", fuhr er, ihre Hand erfassend etwas freundlicher fort, „von dem berühmten Philosophen Niendelssohn der bekanntlich bucklig war, erzählen? Als er um seine Frau warb, d. a