Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 21 (29.5.1891)
- Date
- 1891-05-29
- Page
- Seite 384 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 384 Hesterreichifche Wochmfchrkft Nr. 21. „Kannst Du den Willen sehen? Er ist die That!" Er schildert ihm sowohl den Willen des Schöpfers, durch dessen Werderus das Weltall entstand, als auch den Willen des Individuums, in welchem er zur Vollbringung edler Thaten als Gottesstrahl leuchtet. „Umsonst versprühst Du Deines Geistes Funken, Bist Du vom heil'gen Lebenswunsch nicht trunken. Der Gottesstraht, er leuchte in Dir auf; Dein Wille sei der schimmernde Kristall, In dem das Licht der Welt sich bricht und findet. Der Faust und Geist unlöslich Dir verbindet, Mit Gottes Erbe Eins Dich macht im All!" Endlich reißt der Schleier, der sein inneres Schauen verhüllte, und an der Hand der Weisheit und der Liebe macht er sich auf den Weg nach seiner Residenz, um mit der ganzen Gewalt seines Willens dem Schattenkönig den Schleier zu entreißen und seinem Volke echter König zu sein. Der Weise spornt ihn dazu mit den Worten an: „Und tausendfach wachst Deine Kraft im Streit, Wenn Deines Volkes Wille sie geweiht! Der wahre König ist des Volkes Sohn." Aber auch auf dieser Wanderung hört er Dinge, die ihm bis dahin unbekannt geblieben. Ein Sänger ist im Begriffe an der Spitze vieler vom Glücke Ausgestoßener zu den Stufen des Thrones zu eilen, um den König an seine Herrfcherpflichten zu mahnen, jene gigantische Masse, die man Volk nennt, zn hören und sich dem Schrei der Verzweiflung, dem Rufe des Elends, dem Laut des Wehes, der aus jenen Mengen dringt, nicht zu verschließen: „Nicht Schein, — die Wahrheit will ich Euch verkünden! Ich bin ein Seher, denn ich bin ein Dichter. Der Seher aber soll die Wahrheit künden, Und einz'ge Wahrheit ist das Mcnschenlcid!" Der König bei seinem Palaste endlich angelangt, erhebt nunmehr Anspruch auf den Thron, welcher immer noch von dem verschleierten Narren nsurpirt wird. Man fordert von ihm den Beweis, daß er wirklich der echte König sei, und als er auf das Volk zeigend die Worte spricht: „Von Eurem Leid und Wehe ward mir Kunde. Hier stehe ich und fchwör's mit treuem Munde: In Eurem Herzen steht mein Königsthron, » Der wahre König ist des Volkes Sohn!" wirft sich der Schatlenkönig ihm zu Füßen, dadurch vor dem iu Jubel ausbrechenden Volke die Anerkeunlmg vollziehend. Wir haben hiermit den Gang der Handlung, in welchem herrliche Gedanken ihren Ausdruck finden, soweit skizzirt, aber von dem Standpunkte unserer Besprechung das Wichtigste — das in unseren Rahmen Passende — für den Schluß Vorbehalten; es ist dies eine Begegnung des Königs mit dem reichen jüdischen Kaufmanne Mirdech. Diese Scene ist von tragischer Schönheit und ergreifender Wirkung. Nathan erzählt dem Saladin ein Märchen; dem Juden Mirdech quillt von den Lippen der Aufschrei einer langgetragenen bitteren Seelenqual. Als ihm der König sagt, daß sie nicht desselben Gottes seien, antwortet Mirdech einfach: „Dieselbe Erde trägt mich so wie Dich. Ist nicht das Weltgesetz für uns das gleiche? Umgibt Dich and'res Licht und and'r e Luft, Und winkt Dir endlich eine and're Gruft Als in der Erde stillem Todte»reiche?! Und Orde, Luft und Licht, Gesetz der Welt, Sind meinem Gott wie Deinem gleich gestellt'"! König Assad hält ihm den Hochmuth der Juden vor, mit welchem sie sich als das auserwählte Volk Gottes bezeichllen, worauf ihm Mirdech die Schmach und das Elend schildert, mit welchem die Juden diese Ueberhebung ihrer Voreltern Jahrhunderte hindurch büßen müssen. — Assad's Vater, König Assur, hatte in einer großherzigen Wallung die Juden den anderen Bürgern des Reiches gleichgestellt; deshalb fragt der König: „--Was wollt Ihr noch? Der alte, stolze Hochmuth, lebt er doch?" worauf Mirdech antwortet: „Gerechtigkeit! Denn ich sage Dir, Die Gleichheit siehst Du nur auf dem Papier." Er erzählt ihm, wie die verheißene Freiheit ihre Brust mit unendlichem Glücksgefühl geschwellt habe, daß aber trotz des edlen Herrschers Gebot ihnen doch alle Aemter verschlossen blieben, daß sie als Landesplage verlästert, fort und fort von Hohn und Spott verfolgt seien, obwohl sie gleich allen anderen Unterthanen Gut und Blut für König und Vaterland opfern. Ueber diesen Schmerzensausbruch erstaunt, sagt ihm der König: „Und einen Großen sch' ich doch in Dir: Ein Kaufherr reich an Schätzen und an Würde." Jetzt deckt der über reiche Schätze gebietende Jude die tiefen Wunden ganz auf und zeigt seines Volkes Seelenschmerz, wie es, immer nach einer Heimat suchend, das Fleckchert Erde, auf dem es sich niedergelassen, als solche liebgewinnt nur nach der Bruderhand der anderen Menschen sich sehnend und — vergebens; denn die kurze Rast, welche ohnehin jeder Tag beenden könne, werde ihnen vergällt durch unverdienten Schimpf, die Menschenwürde, jegliches Gefühl in ihnen getreten, zermartert, bis sich die Herzen zusammenkrampfen unter der ewigen Qual, welche den Jüngling zum Greise macht und als giftiger Wurm sich in die Herzen frißt. Für diesen großen Schmerz findet wohl der König kein Wort zur Antwort; der Jude verläßt ihn unter Segenswünschen. Der Weise jedoch Zeuge des Gespräches, widmet dem Fortziehenden ehrende Worte und fragt, ob der König auch wirklich den Juden die eingeräumten Rechte zukommen lasse, ob sie voit ihm als Feinde, Gäste oder Bürger des Landes betrachtet werden? Er knüpft hieran die Mahnung: „Sind fie ein Feind, so nrög' er sie vernichten! Dem Gaste zoll' er heil'gen Gastrechts Pflichten! Dem Bürger aber gebe er sein Recht!" Die Episode, auf welche wir das Schwergewicht legen, ist hiermit zu Ende. Es mag wohl in den Intentionen des Dichters gelegen sein, das Schicksal der Judeit in jenem Lande als offene Frage hingestellt zu lassen; das Stück spielt ja in jenem fernen Zeitalter, wo der finstere Fanatismus und unduldsame Zelotismus noch nicht dauernd verscheucht wurde von dem Lichte der Aufklärung, wie man es von dent Jahrhundert des dominirenden Menschengeistes erwarten konnte, — nur ist dieser Erwartung die Erfüllung noch Vorbehalten. Stellen wir doch den Juden von damals die Juden des neurlzehnten Jahrhunderts gegenüber, so sehen wir die